Kilchberg

«Sie war eine wertkonservative Theologin, aber auch eine Frauenrechtlerin»

Greti Caprez-Roffler war die erste Pfarrerin der Schweiz. In Kilchberg wurde ihr jedoch die Kanzel verwehrt. Ihre Enkelin spricht über die aussergewöhnliche Karriere der «illegalen Pfarrerin».

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Ausgerechnet Kilchberg: Frau Caprez, ist diese Ausstellung für Greti Caprez-Roffler eine Versöhnung mit der Vergangenheit?
Ja, das kann man so sehen. Die Kilchberger Bevölkerung hat Greti Caprez-Roffler als Pfarrfrau kennen gelernt. Die Ausstellung beleuchtet nun ihre weniger bekannte Seite als Kämpferin für das Frauenpfarramt. Die Kirchenpflege hat sich auch sofort offen gezeigt zum Plan meiner Ausstellung. Heute steht man anders zur Rolle einer Frau im Pfarramt – zum Glück.

Hat Greti Caprez-Roffler nie gepredigt in ihren 19 Jahren in Kilchberg?
Nie, nur ihr Mann hat als gewählter Pfarrer gepredigt. Sie hat allerdings im Sanatorium und in den umliegenden Zürichseegemeinden Gottesdienste und auch viele Vorträge gehalten.

Stand ihr in Kilchberg nur das Geschlecht im Weg oder auch theologisches Misstrauen?
Der damalige zweite Pfarrer Eduard Schweingruber war ein konservativer Akademiker, der seiner Frau, die Ärztin war, nicht gestattete, ihren Beruf auszuüben. Deshalb hatte er Ressentiments gegenüber der Frau des gewählten Pfarrers. Er wollte nicht, dass sie predigt, obschon sie ebenfalls ordinierte Pfarrerin war.

«Ihr Vater war ein liberaler Pfarrer und ermunterte seine erstgeborene Tochter zum Theologiestudium.»Christina Caprez

Wie charakterisieren Sie Ihre Grossmutter als Theologin ?
Als Theologin war sie wertkonservativ orientiert. Aber sie war auch Frauenrechtlerin. Sie hat junge Frauen zum Studium ermutigt und sogar Vorträge für Frauen zur weiblichen Sexualität gehalten. In den Dreissigerjahren fand sie zur Erweckungsbewegung, in der die Bekehrung des Einzelnen und praktische christliche Lebensweisen im Zentrum stehen. Das sind Strömungen, wie wir sie in den heutigen Freikirchen finden. Alles in allem ergibt das also ein Bild einer Frau, die heutigen Feministinnen nicht als strahlende Heldin, sondern als widersprüchlicher Charakter erscheint. Das macht sie für mich aber umso spannender.

Gibt es ein Schlüsselerlebnis, weshalb sie den Kampf um das Pfarramt aufnahm?
Ja, ihr Vater war ein liberaler Pfarrer und ermunterte seine erstgeborene Tochter zum Theologiestudium. An der Universität entdeckte sie ihre Berufung. Als sie dann merkte, wie viel Kritik ihr entgegenkam, wurde sie zur Frauenrechtlerin.

Ihre Grossmutter starb 1994, als Sie 17-jährig waren: Was würden Sie heute mit ihr reden, wenn Sie auf dem heutigen Wissensstand wären?
Ich würde gerne wissen, weshalb sie sich schliesslich von ihrem Lebenstraum Pfarrerin abwandte und plötzlich die Frau im Dienst der Familie voranstellte. Ihr Leben muss eine konservative Wendung genommen haben, wie ich aus ihren Tagebüchern und Briefen erfahren habe.

Hat Kilchberg, wo sie nicht predigen durfte, in ihr etwas gebrochen?
Es sieht ganz danach aus. Jedenfalls hat sie sich damals von ihren radikalen Positionen distanziert. 1931, als 25-Jährige, postulierte sie, es gebe keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen und die Männer sollten sich lieber in der Familie engagieren, anstatt berufstätige Mütter zu kritisieren. 1957 riet sie jungen Frauen, sich für Ehe oder Beruf zu entscheiden, weil beides nicht unter einen Hut zu kriegen sei.

Erstellt: 23.05.2019, 10:23 Uhr

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