Stäfa

Sie vermittelt zwischen den Kulturen

Muttersprachlerinnen können in Stäfa auf Arabisch Themen rund um Gesundheit, Familie und Integration diskutieren. Moderatorin Sihem Tanner weiss aus eigener Erfahrung, was die Frauen umtreibt.

Sihem Tanner leitet im Stäfner Eltern-Kind-Zentrum den Femmes-Tisch, ein Angebot für Frauen aus dem arabischen Raum.

Sihem Tanner leitet im Stäfner Eltern-Kind-Zentrum den Femmes-Tisch, ein Angebot für Frauen aus dem arabischen Raum. Bild: Patrick Gutenberg

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In der Dachwohnung erinnert wenig an die arabische Herkunft von Sihem Tanner. Vielleicht geben die vielen Kissen auf dem Sofa einen Hinweis auf ihre orientalische Abstammung. Fakt ist, Tanner lebt seit fünf Jahren in Stäfa, und hier möchte sie mit ihrem Schweizer Mann bleiben. Einfach ist das für die 45–jährige Gymnasiallehrerin nicht immer. «Ich war immer selbständig und habe in Tunesien viel in mein Studium investiert», erzählt sie, «ich möchte hier nicht im Schatten meines Mannes leben.» Nach Studienabschluss hat sie in Tunesien als Lehrerin gearbeitet, später in Verona. Unterdessen spricht Tanner Arabisch, Französisch, Italienisch und Deutsch.

Nach ihrer Ankunft in der Schweiz, stürzte sie sich in verschiedene freiwillige Engagements. «Ich wollte mich vernetzen und Deutsch lernen, um hier arbeiten zu können», berichtet sie, Letzteres sei nicht einfach, ihr Studium werde hier nicht anerkannt. Schliesslich wurde sie von der Regionalleiterin der Femmes–Tische für die Moderation der Gesprächsrunde angefragt. Durchgeführt wird dieses kostenlose Angebot in der Schweiz in 20 verschiedenen Sprachen an 30 Standorten. Eines davon ist das Eltern – Kind – Zentrum an der Stäfner Tödistrasse.

Wichtige Ansprechperson

«Durch meine eigene Integrationsgeschichte habe ich die Wichtigkeit solcher Austauschplattformen erfasst», sagt sie. Viele Teilnehmerinnen sind Flüchtlinge. «Manche Frauen wissen nicht, welches Verhalten von ihnen erwartet wird», erklärt Tanner. Für sie ist die Arbeit nach der Leitung einer Gesprächsrunde oft nicht getan, sie bleibt auch in der Zeit zwischen den Treffen eine wichtige Ansprechperson und Übersetzerin für «ihre Frauen». «Ich glaube, mittlerweile kennen mich alle Ärzte hier in der Umgebung», sagt sie und lacht, auch in Schulen hat sie schon vermittelt.

«Wir sprechen alle Arabisch, aber
die kulturellen
Unterschiede sind riesig.»
Sihem Tanner,?
Regionalleiterin
der Femmes-Tische

Vom Programm Femmes–Tische wird Tanner in ihrer Tätigkeit unterstützt und erhält ein Coaching, wenn das Engagement über ihre Möglichkeiten wächst. Regelmässig finden Weiterbildungen statt, Bildungsmaterial zu den Gesprächsthemen wird ebenfalls bereitgestellt. «So können die Themen auf einer professionellen Ebene aufgegriffen werden, daneben bleibt Platz für persönlichen Austausch.» Dieser fordert viel Vermittlung seitens Tanner. «Wir sprechen alle Arabisch, aber die kulturellen Unterschiede unserer Herkunftsländer sind riesig», sagt sie. Sie vereint an ihrem Tisch Frauen aus Syrien, Kurdistan, Marokko, Algerien und Tunesien. «Die Unterschiede zu diskutieren ist sehr spannend und für alle wichtig», ist die Stäfnerin überzeugt.

«Zwei Heimaten im Herzen»

«Vom Austausch profitiere ich auch», sagt die Schweiz–Tunesierin, «ausserdem kann ich so einen Beitrag leisten.» Mit dem Thema Integration beschäftigt sie sich selbst stark. Was bedeutet Integration? «Es darf nicht das Ziel sein, seine Wurzeln auszureissen!», sagt Tanner bestimmt, «vielmehr muss es möglich sein, zwei Heimaten im Herzen zu tragen.» Integration brauche viel Toleranz und Offenheit auf beiden Seiten. «Manchmal fühle ich mich hier wie ein fünfjähriges Kind und nicht wie eine erwachsene Frau», sagt sie, der psychische Druck sei immer wieder gross.

Ihre Erfahrungen haben die Lehrerin dazu inspiriert, ein Buch über die eigene Integration zu schreiben. Ausserdem hat sie seit Kurzem eine Aushilfsstelle im Schülerclub Männedorf erhalten. «Hier geht für mich wieder eine Türe auf, dafür bin ich wahnsinnig dankbar», sagt sie, «es braucht Energie, richtig Fuss zu fassen.» Schnell gibt Sihem Tanner nicht auf, sie hat sich bereits durch viele Krisen gekämpft. «Ich höre oft die Stimme meiner Grossmutter, die sagt: «Geh weit! Mach das!», das treibt mich an.»

Erstellt: 06.06.2019, 17:21 Uhr

Veranstaltung

Femmes–Tisch Arabisch, 13. Juni, 15 bis 16:30 Uhr,Eltern–Kind–Zentrum, Tödistrasse 1, Stäfa; kostenlos, keine Anmeldung erforderlich.

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