Zollikon

Sie führte Zollikon sicher durch turbulente Zeiten

28 Jahre lang prägte Katharina Kull-Benz zuerst in der Schulpflege und dann im Gemeinderat die Politik Zollikons. Nun tritt die einzige Gemeindepräsidentin im Bezirk ab – und wirft noch einmal einen Blick zurück.

Katharina Kull-Benz vor einem Gemälde des Künstlers Paul Bodmer im Zolliker Gemeindehaus, das die Abtissin Mechthild zeigt.

Katharina Kull-Benz vor einem Gemälde des Künstlers Paul Bodmer im Zolliker Gemeindehaus, das die Abtissin Mechthild zeigt. Bild: Sabine Rock

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Kürzlich wurde Katharina Kull-Benz in einer der kommunalen Zolliker Kommission mit einem Blumenstrauss verabschiedet. «Das war schon sehr speziell, sonst bin ich doch diejenige, welche die Blumen überreicht und sich bedankt», sagt sie und in ihre Stimme mischt sich eine Spur von Erstaunen und Freude. Zwölf Jahre hat Kull-Benz die Geschicke ihrer Gemeinde als Präsidentin geleitet.

Doch in den Zolliker Behörden sitzt sie schon viel länger: nämlich sagenhafte 28 Jahre. Als junge Frau kandidierte die studierte Betriebswirtschafterin für die Schupflege und wurde prompt gewählt. Nur vier Jahre später beerbte sie den damaligen Schulpräsidenten. Ein Amt, das sie ebenfalls zwölf Jahre inne hatte. 2003 wurde sie schliesslich in den Kantonsrat gewählt und seit fast drei Jahren ist sie Mitglied im Kirchenrat der reformierten Landeskirche.Das Herzstück des Zolliker Gemeindehauses ist der Bodmer Saal.

Hier, in dem Raum, in welchem sie zahlreiche Gemeinderatssitzungen geleitet hat, begrüsst die Präsidentin die ZSZ-Redaktorin. Es ist ein Saal, der die Ortsgeschichte aus jeder Pore und Fuge verströmt: Auf den Wandgemälden des Zolliker Künstlers Paul Bodmer, gemalt von 1941 bis 1945, ist etwa zu sehen, wie die Zürcher Äbtissin Mechthild einen Zolliker Rebberg geschenkt bekommt. Geschichten, welche die Gemeindepräsidentin sogleich schildert.

Schulpflege zu Beginn

Geplant war die Polit-Laufbahn von Katharina Kull-Benz nicht, denn zur Politik kam sie eher zufällig. Sie sei als junge Frau mit zwei Freundinnen an einem Kindergeburtstag zusammengesessen und man habe die Schulpolitik bemängelt, sagt sie. Der nächste Schritt war 1988 der Eintritt in die FDP und die Wahl in die Schulpflege: «Wir haben damals beschlossen, dass wir nun selber aktiv werden wollen», erinnert sie sich. «Mit der Zeit kamen immer neue Aufgaben dazu, aber nie ging eine Aufgabe weg.» Dass sie immer wieder angefragt wurde, sei eine schöne Bestätigung gewesen. Doch auch wenn die 28 Jahre in der Politik nicht geplant waren, ganz von ungefähr kommen sie nicht, wurde Kull-Benz doch bereits als Kind politisch geprägt: Ihr Vater Peter Benz war der erste freisinnige Gemeindepräsident Herrlibergs und Kantonsrat.

Als eines der wichtigsten Projekte während ihrer Zeit als Gemeindepräsidentin ist der Bau des Wohn- und Pflegezentrums Blumenrain zu nennen, aber auch der Bau des Freizeitdienstes in Zollikerberg oder Organisatorisches wie der Einsitz der Schulpräsidentin im Gemeinderat. Sie selbst hat als Schulpräsidentin unter anderem die freiwillige Tagesschule in Zollikon eingeführt und den Neubau der Schulanlage Oescher in die Wege geleitet.

«Der Kontakt zu den Bürgern wird mir fehlen.»
Katharina Kull-Benz

Gemeinsam mit dem Gemeinderat hat sie zudem das Beugi-Projekt aufgegleist, das einen neuen Grossverteiler sowie eine Überbauung mit Genossenschafts-Wohnungen im auf dem Areal des ehemaligen Alters- und Pflegezentrums im Dorfzentrum vorgesehen hätte. Umgesetzt wird das Projekt jedoch nicht, da die Stimmberechtigten jüngst an der Urne der gegnerischen Widmer-Initiative den Vorzug gaben. Diese verzichtet auf den Grossverteiler auf dem Beugi-Areal und sieht Wohnungen der Zolliker Baugenossenschaften statt der Stadtzürcher Baugenossenschaft Zurlinden vor. Auch wenn die politische Niederlage schmerzt, ist Katharina Kull-Benz froh, dass die politische Auseinandersetzung nun abgeschlossen ist. «Für mich ist vor allem wichtig, dass der neue Gemeinderat eine klare Situation vorfindet», sagt sie dazu.

«Da müssen wir durch»

Auch andere politische Konflikte hat sie während ihrer Laufbahn durchgestanden. So musste der Gemeinderat etwa mit einem Notbudget haushalten, nachdem der Souverän das Budget im Dezember 2011 abgelehnt hatte. «Wir durften nur gebundene Ausgaben tätigen und mussten die Ferienlager der Schule streichen», erzählt sie. Am Schluss habe das Notbudget grosse Kosten verursacht. Ruhiger wurde es nach der Annahme des Budgets nicht, reichten doch drei Gemeinderäte den Rücktritt ein– der bei zweien vom Bezirksrat akzeptiert wurde.

Hatte sie in jener Zeit je den Gedanken als Gemeindepräsidentin zurückzutreten? Die Antwort kommt schnell. «Ich dachte, da müssen wir jetzt durch», sagt sie bestimmt. Dass für die Zolliker Gemeindepräsidentin Pflichtbewusstsein mehr als eine Worthülse ist, wird nicht nur durch diese Aussage offensichtlich – auch ein Blick auf ihre Amtszeiten, ihr Auftreten verdeutlicht dies. Wichtig sind ihr zudem Anstand, Respekt und Toleranz im gegenseitigen Umgang. Der Ton ist laut Kull-Benz in der letzten Legislatur zwar rauer geworden. Trotzdem: Es sei manchmal an Gemeindeversammlungen hart um die Sache gerungen worden, aber die Zolliker hätten sich nie im Ton vergriffen.

Sprechstunde eingeführt

Und was war der Höhepunkt in all den Jahren im Dienste der Gemeinde? Auf ein einziges Ereignis festlegen, will sie sich nicht. Aber im Laufe des Gesprächs erinnert sich Kull-Benz immer wieder mit einem Lächeln an Erlebnisse oder Geschichten zurück. Etwa das Treffen mit Jubilaren: Zollikerinnen und Zolliker ab hundert Jahren erhalten einen Besuch der Gemeindepräsidentin, wenn sie dies wünschen. «Diese Frauen und Männer haben eine solch lange Zeitspanne und deren Entwicklung erlebt», sagt Kull-Benz über diese Besuche. Besonders in Erinnerung geblieben, sind ihr die Geburtstage des Architekten Bruno Giacometti. Zwischen seinem 100. Und 104. Geburtstag besuchte sie den Bruder von Alberto Giacometti, der unter anderem das Zentrum Boldern in Männedorf und die Kirche der Zürcher Epi-Klinik entworfen hat. «Die verschiedenen architektonischen Epochen hatte er alle noch gegenwärtig und war trotz Erfolg ein so bescheidener Mensch geblieben», schildert sie diese Begegnungen.

Gerne denkt sie auch an eine ältere Zollikerin zurück, die sich beinahe an jeder Gemeindeversammlung äussert. «Wenn sie einmal nicht da war, habe ich mir richtiggehend Sorgen gemacht.» Der Kontakt zu den Bürgern, das werde ihr fehlen, sagt Kull-Benz und erzählt, dass sie als Gemeindepräsidentin als erstes eine offene Sprechstunde eingeführt hat. «Damals war das noch nicht üblich.»

Mehr Zeit für die Familie

Mit dem Beginn der neuen Legislatur wird die Freisinnige allerdings nur aus ihren kommunalen Ämtern scheiden. Als Kirchenrätin bleibt sie weiterhin im Amt und dem Kantonsrat wird sie noch bis zum Ende dieser Legislatur angehören. So bleibt künftig mehr Zeit, die sie unter anderem mit ihrer Familie verbringen will.

Mit leeren Händen lässt die scheidende Gemeindepräsidentin die Journalistin nicht gehen, sondern gibt ihr eine Kopie mit den wichtigsten Informationen zum Bodmer-Saal mit. Mit Zollikon verhält es sich ähnlich: Zwar legt sie ihr Amt nieder – aber den Zollikerinnen und Zollikern wird vieles von dem bleiben, was Katharina Kull- Benz in den 28 Jahren als Behördenmitglied erreicht hat. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 22.06.2018, 15:45 Uhr

Stimmen zu Kull-Benz

Beat Walti, Fraktionspräsident FDP Schweiz und Zolliker Nationalrat: «Katharina Kull-Benz ist eine sachorientierte und unaufgeregte Persönlichkeit, und so leitete sie auch die Geschicke Zollikons. Ich habe sie als sehr vermittelnd erlebt: Sie stellt sich selbst nie in den Mittelpunkt.»

Christoph Hiller, Gemeindepräsident Meilen (FDP): «Ich habe Katharina Kull-Benz acht Jahre an der Gemeindepräsidentenkonferenz erlebt, die sie geleitet hat. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, weil elf Alpha-Tierli am Tisch sitzen. Sie hat das mit viel Engagement, Fachwissen und Charme gemeistert.»

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