Männedorf

Seit fast 40 Jahren übersetzt sie für Gehörlose und Hörende

Catherine Walder arbeitet seit bald 40 Jahren als Gebärdensprachdolmetscherin. Sie stand mit Klienten vor Gericht, wurde nachts von der Polizei für Aufträge abgeholt oder übersetzte während Operationen.

Die Gebärdensprachdolmetscherin Catherine Walder zeigt die Gebärden für «Ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr».

Die Gebärdensprachdolmetscherin Catherine Walder zeigt die Gebärden für «Ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr». Bild: Michael Trost

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Leicht nach vorne geneigt und mit kerzengeradem Rücken sitzt sie auf ihrem Stuhl. Ihr Blick ruht unverwandt auf einer Person im Publikum. Während die Rednerin im Hintergrund spricht, formen Catherine Walders Hände Zeichen. Sie schlängeln einen imaginären Weg entlang, ballen sich zur Faust, formen in einer unglaublichen Geschwindigkeit immer neue Figuren. Parallel dazu bildet die Stäfnerin mit den Lippen lautlos Wörter und Laute, reisst an einer Stelle die Augen weit auf und verzieht an einer anderen den Mund zu einem grossen Lachen.

Catherine Walder ist Gebärdensprachdolmetscherin. Die Zürichsee-Zeitung begleitete sie an einen Anlass des Berufsinformationszentrums in Meilen, wo sie für eine gehörlose Klientin übersetzte.

Ausbildung als Berufung

Nun sitzt die 72-Jährige an einem Tisch in der Stäfner Chatterbox und legt ihre grossen Hände um ein Glas mit Latte Machiato. «Es braucht extrem viel Übung, bis man fliessend gebärden kann», sagt sie. Diese hat sie sich im Verlauf ihres Lebens angeeignet.

«Es braucht extrem viel Übung, bis man fliessend gebärden kann.»Catherine Walder

34 Jahre ist es her, seit die temperamentvolle Frau einen ersten Gebärdensprachkurs absolvierte. «Während einer theologischen Ausbildung in Amerika hatte ich einfach den Eindruck, dass ich das machen sollte», erzählt sie offen. Bis dahin und auch noch danach arbeitete sie bei der Swissair. Als zwei Jahre später, 1986, die erste Dolmetscherausbildung in Deutschschweizer Gebärdensprache startete, war Catherine Walder eine von zehn Teilnehmerinnen aus der ganzen Schweiz. «Ich war die Einzige, die von ausserhalb des Themas kam,» berichtete sie. Alle anderen hatten gehörlose Eltern, Kinder oder Partner.

Nicht abgelenkt von Stimme

Die Ausbildung war anspruchsvoll: «Gebärdensprache ist anders aufgebaut als unsere Lautsprache», sagt Walder. Es handle sich um eine Bildsprache, und die Sätze würden anders aufgebaut als bei der gesprochenen Sprache. Catherine Walder war fasziniert. Sie tauchte ein in die Welt der Gehörlosen, die so viel visueller ist als die Welt der Hörenden. «Gehörlose merken zum Beispiel innert Sekunden, ob jemand ehrlich ist oder nicht», schildert die grossgewachsene Frau mit den ausdrucksstarken Augen. «Weil sie nicht abgelenkt werden von der Stimme und sich ganz auf die Körpersprache konzentrieren können.»

Wie geht «Stille Nacht» in Gebärdensprache? Catherine Walder zeigt es. Video: pd

Weil es damals sehr wenige Gebärdendolmetscher gab, bekam die frisch Ausgebildete schnell zahlreiche Aufträge. Für viele Gehörlose bedeutete die Möglickeit, einen professionellen Dolmetscher beizuziehen, eine enorme Steigerung der Lebensqualität. «Endlich hatten sie Zugang zu höheren Ausbildungen wie etwa einer Technikerschule», erklärt Walder. Zu Arztterminen konnten sie nun eine neutrale Person mitnehmen und waren nicht mehr auf Familienmitglieder oder Lehrer angewiesen. «Welcher 21-Jährige findet es schon angenehm, im Beisein des Vaters mit dem Arzt über seine Hämorrhoiden zu sprechen?» sagt Catherine Walder mit einem Augenzwinkern.

Polizei kommt nachts

In ihrer Funktion erhielt die Stäfnerin Einblick in fast jeden Bereich des Lebens: Sie dolmetschte an Schulen, Hochzeiten und Beerdigungen, in Kirchen, Firmen und Spitälern, während Operationen, bei Zeugenbefragungen oder Vereinsanlässen. Sie wurde mitten in der Nacht von der Polizei für einen Einsatz abgeholt oder musste am Tag mit dem Zug oder per Taxi durch die halbe Schweiz zu einem Gerichtstermin fahren. Im Laufe der Zeit gab es zahlreiche berührende, aber auch tieftraurige Momente. «Einmal musste ich Eltern die Nachricht vom Tod ihres Sohnes überbringen», erzählt Walder und räuspert sich. Ein anderes Mal sei sie für die Beerdigung eines gehörlosen jungen Mannes verpflichtet worden. «Als ich aus dem Auto stieg, hörte ich von überall her seine gehörlosen Freunde laut weinen.» Das habe ihr fast das Herz zerrissen. «Man ist als Dolmetscher ja nicht einfach eine Maschine, sondern immer auch ein Mensch.»

«Man ist als Dolmetscher ja nicht einfach eine Maschine, sondern immer auch ein Mensch.»Catherine Walder

Hochzeiten dagegen hätten sie immer freudig berührt, erzählt Catherine Walder. «Bei der Trauung musste ich meist so weinen, als wäre ich die Mutter oder Schwiegermutter der Braut.» Diese kleine Schwäche brachte Catherine Walder inzwischen den Ruf ein, «die Dolmetscherin zu sein, die immer weint an Hochzeiten».

Unvergessen bleibt Walder ihr Einsatz an einem Aidsvortrag. Ihre Augen funkeln schalkhaft, als sie davon erzählt. Vor Ort waren vier Gehörlose und ein paar Hundert Hörende. «Jedes Mal, wenn ich die Gebärde für ein Geschlechtsorgan bildete, drehte sich der ganze Saal zu mir.» Irgendwann hätten ihre Klienten sie dann gefragt, weshalb sie rot werde, sagt Catherine Walder und schmunzelt.

Doch längst nicht immer ging es humorvoll zu und her. Walder schildert einen Arzttermin, zu dem sie einen Klienten begleitete. Der Gehörlose war der Ansicht, dass es sich um einen Routinetermin handelt. «Als wir dort sassen, eröffnete der Arzt dem Patienten, dass man, wie bereits im Brief erwähnt, nichts mehr für ihn tun könne.» Ihr Klient habe die entscheidende Information im Schreiben aber nicht verstanden, weil die deutsche Grammatik völlig anders sei als diejenige der Gebärdensprache. «Deshalb ist eine Übersetzung so wichtig», sagt Catherine Walder. Sie wünscht sich, dass dies immer mehr zur Selbstverständlichkeit wird. «Und dass Hörende nicht für Gehörlose entscheiden, was gut für sie sein soll.»

Video: Wie Gehörlose Mani Matter geniessen:

Klienten wurden zu Freunden

Aktuell dolmetscht die offiziell Pensionierte noch in der Kirche, an Vereinsanlässen oder «wenn irgendwo Not am Mann ist». Längst sind viele der ehemaligen Klienten auch zu Freunden geworden. Sie müssen gespürt haben, dass sie für die Gebärdendolmetscherin nicht einfach eine Nummer waren. Sie habe bei jedem Einsatz versucht, ihr Bestes zu geben, erklärt Catherine Walder. «Damit auch nur eine gehörlose Person versteht, worum es geht.»

Erstellt: 10.01.2019, 10:49 Uhr

Gebärdensprachdolmetscher an Gemeindeversammlungen

Hörgeschädigten Menschen ist es meist unmöglich, ohne Dolmetscher an öffentlichen Anlässen teilzunehmen. Eine Lösung für dieses Problem bietet Procom, die Stiftung Kommunikationshilfen für Hörgeschädigte. Die in Olten ansässige Stiftung ist schweizweit die einzige Anlaufstelle in dieser Form. Gehörlose können dort für jeglichen Anlass einen Gebärdensprachdolmetscher anfordern. Erst seit dem Er­lass des Behindertengleichstellungsgesetzes im Jahr 2004 sind die Gemeinden dazu verpflichtet, bei einer Gemeinde­ver­sammlung für den beanspruchten Dolmetscherdienst aufzukommen.

Einzig ein Hilfsmittel

Eine der ersten Gemeindeversammlungen mit Dolmetschern war diejenige im März 2007 in Ueti­kon. Gleich zwei Dolmetscherinnen übersetzten damals die Gemeindeversammlung für zwei hörgeschädigte Ueti­ker in Gebärdensprache. Engagiert hatte sie der gehörlose Beat ­Kleeb, Stiftungsratspräsident von Procom, selbst. Bezahlen musste jedoch die Gemeinde Ueti­kon.

«Die Dolmetscher informieren sich bei einer Gemeindeversammlung im Vor­aus über die Traktanden», sagt Joel Müller, Mitarbeiter von Procom. Manche Schlüsselwörter müssten dann noch recherchiert werden, da sie nicht im alltäglichen Gebrauch der Gebärdensprache vorkommen. «Die Übersetzer müssen stets neutral und möglichst unauf­fällig bleiben», sagt Müller. «Während sie übersetzen, sollen sie einzig ein Hilfsmittel und keine­ Person mehr sein.» Die Dolmetscher stünden unter einem Ehrenkodex: Daten dürfen nicht weitergegeben oder privat verwendet werden. Bezahlt werden die Dolmetscher im Stundenlohn. So zahlt die Gemeinde 145 Franken pro Stunde, in der übersetzt werden muss. Zudem werden für Reise- und Wartezeiten 50 Franken pro Stunde verrechnet. Ein Fixbetrag von 35 Franken kommt jeweils als Bearbeitungsgebühr hinzu. Gemäss Müller stehen die Dolmetscher ab einer Einsatzzeit von zweieinhalb Stunden grundsätzlich in Doppelbesetzung zur Verfügung.

Horgen hilft auf andere Weise

Eine Umfrage bei ausgewählten Seegemeinden zeigte unter anderem, dass in Ueti­kon nur einmal Gebärdesprachdolmetscher an Gemeindeversammlungen im Einsatz waren. Ein anderer Fall ist Stäfa, wo ebenfalls schon Dolmet­scher eingesetzt worden sind. Pierre Lustenberger, Thalwiler Gemeindeschreiber, sagt, in seiner Gemeinde habe es bisher keine Anfragen gegeben.

«Zwar hat in Horgen noch nie jemand einen Gebärdensprachdolmetscher verlangt, jedoch unters­tützt die Gemeinde Hörgeschädigte mit Induktionsschlaufen», erzählt der dortige Gemeindeschreiber Felix Ober­hänsli. Mit soge­nannten Induktionsschlaufen wird das Gesagte mit entsprechenden Hörgeräten verstärkt gehört. «Wir weisen jeweils zu Beginn der Gemeindeversammlung auf diese Möglichkeit hin», sagt Ober­hänsli. (Carlotta Imholz)

In fünf Dialekten

Die Gebärdensprache ist wie gesprochenen Landessprachen auch weltweit unterschiedlich. In der Schweiz gibt es drei verschiedene Gebärdensprachen: Die deutschschweizerische, die französische und die italienische. Zusätzlich existieren innerhalb der Deutschschweiz fünf Dialekte. Mit der International Sign Language ist eine Verständigung über Sprachgrenzen hinweg möglich. Die Ausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher ist ein dreijähriger Vollzeilehrgang, der an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich absolviert werden kann. Arbeitgeberin der Gebärdensprachdolmetscher ist die Stiftung Procom. Gehörlose und hörende Kunden bestellen dort die gewünschten Dolmetschdienste.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare