Männedorf

Seine letzten Bilder hat noch niemand gesehen

Die Kulturschüür in Männedorf zeigt Bilder von Felix Thyes. Ergänzt werden die Werke des verstorbenen Küsnachter Künstlers von Werken seiner Töchter Myriam und Vanessa Thyes.

Myriam und Vanessa Thyes (von links) vor den Acrylbildern Hagupit und Hayan ihres Vaters Felix Thyes.

Myriam und Vanessa Thyes (von links) vor den Acrylbildern Hagupit und Hayan ihres Vaters Felix Thyes. Bild: Sabine Rock

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Wie ein Sog zieht der Krater den Betrachter in seinen Bann. Die Linien, die sich sternförmig über die Leinwand ausbreiten, verstärken den dreidimensionalen Eindruck, den das Bild vermittelt. Hagupit ist eines jener Bilder von Felix Thyes, die noch nie öffentlich gezeigt wurden: Ab heute bis zum 8. September ist es gemeinsam mit anderen Werken in der Kulturschüür Männedorf zu sehen.

Der Küsnachter, der 2017 an Krebs starb, war nicht nur als Künstler aktiv, er erlangte auch Bekanntheit als Architekt und war nicht zuletzt als Vorstandsmitglied und Präsident des Bürgerforums in der Kommunalpolitik tätig. Nun organisieren seine beiden Töchter Myriam und Vanessa Thyes in seinem Gedenken eine Ausstellung in der Kulturschüür Männedorf. «Ad infinitum», wie die Schau heisst, ist jedoch keine Einzelausstellung, sondern im wahrsten Sinn ein Familienereignis. Denn gezeigt werden auch Werke der Töchter, die beide als Künstlerinnen tätig sind. Myriam hat einen Abschluss der Kunstakademie Düsseldorf, während Vanessa zuerst eine Ausbildung als Modezeichnerin machte und in der Modebranche arbeitete, bevor die 52-Jährige sich der Kunst zuwandte.

Kulturaffine Familie

Die beiden Töchter wohnen mittlerweile in Deutschland beziehungsweise in Italien. Felix Thyes, der ursprünglich aus Luxemburg stammte, blieb nach dem Studium in Zürich, weil er seine erste Frau und Mutter seiner beiden Töchter, die Küsnachterin Anne Schnitter, kennen lernte. «Hier sind die Menschen, die ihn gekannt haben», erklärt Myriam Thyes denn auch, weswegen die letzte Ausstellung ihres Vaters am Zürichsee gezeigt wird. Die letzte Einzelausstellung zu Lebzeiten fand übrigens 2015 in der Galerie im Höchhuus in Küsnacht statt. Zudem hat Felix Thyes seine Architektur am Zürichsee umgesetzt, etwa in Oetwil, Thalwil, aber auch in Küsnacht.

«Mein Vater hat mit seiner Lebenspartnerin Bettina Stahel eine Amerikareise gemacht und dabei so viele dicke Leute gesehen.»Vanessa Thyes

Gemalt und gezeichnet hat er vor allem nach seiner Pensionierung, insbesondere ab 2009. Kultur spielte in der Familie Thyes allerdings immer eine wichtige Rolle. So erinnern sich die beiden Frauen an Familienferien als Jugendliche, wo sie gemeinsam mit ihrem Vater zeichneten, aber auch an Museumsbesuche mit ihren Eltern.

Hypnotische Wirkung

Wie persönlich die Ausstellung ist, zeigt das Bild «Paradies», das im Parterre der Kulturschüür hängt. «Er hat es wenige Tage vor seinem Tod fertiggestellt», sagt Vanessa Thyes. «Das Bild ist inspiriert von den vier Flüssen der Genesis, und der weisse Fleck in der Mitte ist das Paradies.» Auch dieses Bild lebt von den Linien und der Dreidimensionalität. Religiös sei er nicht gewesen, aber er habe sich für seine jüdische Abstammung interessiert. Und aufs Alter hin sei er spiritueller geworden. «Er wusste, dass er schwer krank war», fügt Myriam Thyes hinzu. Dass die Ausstellung «Ad Infinitum» – ins Unendliche – heisst, ist kein Zufall. «Seine Bilder sprengen den Rahmen», erklärt Vanessa Thyes den Titel. Zudem wird auch ein Bild dieses Namens in der Ausstellung gezeigt. Auf dem Acrylbild von 2014 winden, ja verrenken sich präzis gemalte Linien in unendlich scheinenden Formen, sodass es auf den Betrachter beinahe eine hypnotische Wirkung ausübt. Zu sehen ist in der Kulturschüür auch die grosse Vielfalt der thyesschen Arbeiten. So hat der Künstler in den 80er-Jahren etwa auch Gebäude und Landschaften in Italien gezeichnet oder sich im Aktzeichnen betätigt.

Auf zweien der Bilder sind die Silhouetten von Menschen zu sehen – allerdings nur deren Rückenansicht. Dazu zückt Vanessa Thyes schmunzelnd ein Skizzenbüchlein, in dem zahlreiche gezeichnete Akte von kräftigen Menschen abgebildet sind. «Mein Vater hat mit seiner Lebenspartnerin Bettina Stahel eine Amerikareise gemacht und dabei so viele dicke Leute gesehen.»

Bezüge der Töchter

In einem der Räume der Kulturschüür hängen mehrheitlich schwarzweisse Kohlezeichnungen von Felix Thyes, zu denen Gemälde von Tochter Vanessa Thyes, davon eines in intensivem Rot, einen Kontrapunkt setzen. Dadurch, dass die Leinwand mit einer Modellierpaste bearbeitet wurde, bevor die Künstlerin sie mit Pigmentfarbe bemalte, sind die Bilder nicht nur dem Anschein nach dreidimensional. Das Motiv zeigt einen Faden, der sich um eckige Formen windet. «Es ist ein Gedankenfaden, der auch für die Präsenz eines Menschen stehen kann», erläutert Vanessa Thyes.

Aber auch Myriam Thyes zeigt Werke von sich. So ist mit «Smart Pantheon» ein Beispiel ihrer Videokunst zu sehen. «Ich habe es ausgewählt, weil man darin die Hände von Vanessa und meinem Vater sieht», erklärt die 55-Jährige. «Man sieht die Hände, welche die Handys bedienen, aber nicht, was auf dem Handydisplay passiert.»

Organisiert haben die beiden Schwestern die Ausstellung zum einen, um die letzten noch nie gezeigten Bilder ihres Vaters der Öffentlichkeit zu präsentieren, aber auch, weil er dieses Jahr 80 geworden wäre. Nicht nur wegen des Gedankenfadens und der Hände in Myriam Thyes Videokunst ist die ruhige und gelassene Präsenz von Felix Thyes in der Ausstellung fast greifbar. Der Eindruck wird durch das Bild «emc2» noch verstärkt: Hier erkennt man innerhalb einer Spirale schemenhaft ein Selbstbildnis des Künstlers.

Vernissage mit Einführung von Rebecca Gericke-Budlinger am 23. August um 18 Uhr. Die Ausstellung ist jeweils am Mittwoch und Freitag von 17 bis 20 Uhr und am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Die Finissage findet am 8. September von 14 bis 18 Uhr mit einem Konzert des Duos Safran statt. Alte Landstrasse 230, Männedorf. www.kulturschüür.ch

Erstellt: 23.08.2019, 09:12 Uhr

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