Erlenbach

Bekannter Wirtesohn bringt das Wallis ins Fischstübli

Das Fischstübli an der Erlenbacher Schifflände ist jetzt eine Raclettestube: Betrieben wird sie vom 42-jährigen Künstler Jérémie Crettol. Damit knüpft er an den einst elterlichen Betrieb in seiner Heimatgemeinde Küsnacht an.

Jérémie Crettol macht aus dem Fischstübli an der Erlenbacher Schifflände ein Restaurant, das vor allem auf Raclette spezialisiert ist.

Jérémie Crettol macht aus dem Fischstübli an der Erlenbacher Schifflände ein Restaurant, das vor allem auf Raclette spezialisiert ist. Bild: Manuela Matt

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Plötzlich ging alles schnell – und in eine unerwartete Richtung. Eben noch hatte Jérémie Crettol beschlossen, sich voll auf die Bildhauerei zu konzentrieren. Doch dann hörte er, dass das Projekt «Zeit-Haus für Männer» des Pfarrers Andreas Cabalzar im Erlenbacher Fischstübli mit einer «Uustrinkete» beendet wurde. «Da konnte ich einfach nicht widerstehen.» Er fragte bei Hausbesitzer Mario Gianesi nach, ob die Möglichkeit bestünde, ein Restaurant zu eröffnen, und schlug ihm sein Konzept vor.Formuliert hatte er es bald: Welche Ausrichtung er der einstigen Dorfbeiz an der Schiffländestrasse geben wollte, war ihm von Anfang an klar. Seine Ideen verfingen, und Gianesi übergab ihm das Lokal zur Miete. Nun, an einem, wie Crettol sagt, «der schönsten Orte» zu wirten, wo er einst mit den Eltern oft gegessen habe – «ist wie ein Sechser im Lotto.»

Das Konzept des Küsnachters für das Fischstübli lässt sich einfach zusammenfassen: Raclette. Das könne er schlicht am besten. Vergangene Woche nun hat er das Lokal eröffnet. Dies, nachdem während eines halben Jahres die Gaststube im Erdgeschoss des geschichtsträchtigen Hauses (siehe Kasten) sanft, aber aufwändig renoviert worden war.

Name mit Raclette verbunden

Der grösste Brocken bei der Neugestaltung der Wirtschaft stellte der eigens von Crettol konstruierte Ofen dar, der zugleich deren Herzstück ist. Bis zu zehn Käsehälften könne er darin gleichzeitig über dem Feuer schmelzen. Dass sich der 42-Jährige mit Walliser Wurzeln in Erlenbach nun auf die feuergeschmolzene Käsespezialität seines Heimatkantons konzentrieren will, überrascht nicht. Führte er doch in der Nachbargemeinde Küsnacht bis letztes Jahr – gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester Denise – das Restaurant Cave Valaisanne chez Crettol.

«Damit möchte ich einen Ausgleich schaffen zur einsamen Bildhauerei.»Jérémie Crettol

Die «kleine Walliser Enklave in Küsnacht», so die Eigenbezeichnung, geniesst den Ruf einer Institution für Fondue und Raclette vom Cheminée. 1981 hatten die inzwischen verstorbenen Eltern des Geschwisterpaars die Cave an der Florastrasse gegründet. Daselbst hat nun Denise die alleinige Führung inne.

Eine Konkurrenz zu ihr sieht Bruder Jérémie mit dem Fischstübli nicht. «Es ist alles mit ihr besprochen.» Ihr Kerngeschäft sei eher das Fondue; für das Raclette-Angebot diene ihr sein Lokal eher als Entlastung. So würden sie sich gegenseitig bereichern. Nie zur Frage stand deshalb für ihn, in Erlenbach Fondue anzubieten. «Dann wäre tatsächlich eine Konkurrenzsituation entstanden.» Zudem hätte dies einen Koch erfordert. Crettol aber wollte als Einmannbetrieb wirken.

Auch Ort der Kunst

Er wolle sich im gut 25-plätzigen Fischstübli unter die Gäste mischen. «Damit möchte ich einen Ausgleich schaffen zur einsamen Bildhauerei.» Der Kunst widme er sich jeweils während des Tages, der Gastronomie abends – vorderhand zumindest. Im Sommer sind erweiterte Öffnungszeiten geplant. «Das Restaurant ist für mich aber auch eine Art Kunst», erklärt er, «eine soziale Skulptur; die Gäste und ich stellen jeden Abend immer wieder etwas Neues durch das Zusammensein auf die Beine.»

Kunst ist auch sonst ein Thema an der Erlenbacher Adresse. Die Bilder und Skulpturen des Interieurs stammen von namhaften Künstlern. Die Speisekarte etwa hat der Zürcher Zeichner Patrick Graf fantasievoll in Handschrift gestaltet, mit fröhlichen Illustrationen und einer gut proportionierten Meerjungfrau auf dem Umschlagbild. Letztere ist – genauso wie jene im Wirtshausschild – eine augenzwinkernde Anspielung auf den Namen des Lokals. Der Originalschriftzug von 1968 habe ihm gefallen, zudem sei der Name im Dorf verwurzelt, begründet Crettol den Verzicht, diesen zu ändern. Freilich könne «Fischstübli» Erwartungen auf eine Küche mit Fischspezialitäten wecken.

Doch wer die Nixe genau betrachtet, sieht ihre Besonderheit: ein Stück Käse in ihren Händen. Allerdings. Es gibt sogar Fisch im Fischstübli – als «hausgemachte Fischstäbli»: «Für die, die Käse nicht so mögen». Oder für die, denen das 56-fränkige Raclette à discretion inklusive Gemüse und Vorspeise zu kostspielig ist oder zu viel Appetit erfordert: Portionenservice zu zehn Franken ist Kindern und Senioren vorbehalten.

Restaurant Fischstübli, Schiffländestrasse 15, Erlenbach. Reservationen zwischen 12 und 16 Uhr unter 079 780 80 14. www.fischstübli.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 22.01.2018, 14:50 Uhr

Fischstübli

Haus mit Geschichte

Das Erlenbacher Fischstübli an der Schiffländestrasse 15 blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. 1641 wurde dort die Schmitte des Dorfs eingerichtet; 1682 erhielt das Gebäude das heutige Aussehen. Ab 1866 wurde es als Restaurant betrieben: Die Schmittstube führten 13 Generationen der Besitzerfamilie Aeberli. 1968 erfolgte die Umbenennung in Fischstübli; die Dorfbeiz schloss 2002 ihre Tore. Im September 2009 mietete sich der reformierte Pfarrer Andreas Cabalzar in der leer stehenden Liegenschaft ein, wo er ab 2010 bis 2017 das Zeit-Haus führte: Eine Herberge für Männer in Scheidung. Das Zeit-Haus will Cabalzar in grösserem Rahmen in Zürich aufgleisen; er sucht Räume. Die Mitmachbeiz, die im Erdgeschoss das Zeit-Haus ergänzt hatte, hat im Zürcher Bistro Chez Marion als Café Med mit leicht geändertem Konzept seine Fortsetzung gefunden. (and)

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