Meilen

Seewasser kühlt die heissen Öfen der Midor

Die Biscuit- und Glacefabrik Midor in Meilen benötigt für ihre Produktion viel Energie. Nun will der Betrieb Wasser aus dem Zürichsee abzapfen, um seine Produktionsanlagen zu kühlen und Strom und Wasser zu sparen.

Beim Seeplatz wollen Romeo Deplazes von Energie 360° und Midor-Chef Peter Brändle Wasser für die Kühlungsanlage entnehmen.

Beim Seeplatz wollen Romeo Deplazes von Energie 360° und Midor-Chef Peter Brändle Wasser für die Kühlungsanlage entnehmen. Bild: Sabine Rock

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Wasser direkt aus dem Zürichsee spielt künftig eine grosse Rolle bei der Herstellung von Glace und Biscuits in der Midor AG in Meilen. Der Betrieb, der für die Migros und andere Handelspartner im In- und Ausland zahlreiche Eigenmarken produziert, möchte nämlich Seewasser für die Kühlung der Produktionsstätte nutzen. Gemeinsam mit dem Unternehmen Energie 360° realisiert er eine entsprechende Anlage. «Der See ist eine ausgezeichnete Wärme- und Kältequelle», sagt Romeo Deplazes, Mitglied der Geschäftsleitung von Energie 360°.

Drei unterirdische Pumpen werden dem Zürichsee beim Schiffsteg Wasser entnehmen - in einer Tiefe von 50 Metern, wo das Wasser ganzjährig fünf Grad warm ist. Unterhalb der Kirchgasse hindurch wird das Wasser dann zur Midor hinter dem Bahnhof befördert. Dort nimmt es über einen Wärmetauscher die thermische Energie auf, die in der Produktion der Guetzlifabrik entsteht.

Anschliessend wird das um wenige Grad erwärmte Wasser in den See zurückgeleitet. Es wird maximal 23 Grad warm sein. Ökologisch ist dies unbedenklich, da es sich nicht auf die Gesamttemperatur des Zürichsees auswirkt. Vom kantonalen Amt für Wasser, Energie, und Luft (Awel) werden deshalb solche Anlagen bewilligt.

«Der See ist eine ausgezeichnete Wärme- und Kältequelle.»Romeo Deplazes, Mitglied der Geschäftsleitung Energie 360°

Die Midor AG kann dadurch umweltbewusster produzieren. Denn ihr Energiebedarf ist gross. «Wir benötigen für unseren Betrieb viel Kälte - für die Kühlung der Öfen, die Hitze produzieren, für unsere Kühlprodukte und, in geringerem Ausmass, für die Kühlleistung unserer Büros», sagt Peter Brändle, CEO der Midor AG.

Dank der modernen Seeanlage kann das Unternehmen seine bisherigen Kältemaschinen ersetzen und dadurch viel Strom und Wasser sparen. 650 000 Kilowattstunden Strom verbraucht die Fabrik dadurch künftig weniger. Das entspricht dem Jahresverbrauch von 130 Haushalten. Der Verbrauch von Trinkwasser reduziert sich um 20 Millionen Liter pro Jahr, das sind etwa acht Olympiaschwimmbecken.

Unterirdische Bohrungen

Die Midor AG ist nicht der einzige Betrieb in der Region, der auf eine Prozesskühlungsanlage setzt. Auch Lindt & Sprüngli in Kilchberg und beispielsweise das Spital Männedorf nutzen Wasser für die Kühlung. Die Anlage in Meilen wird gemäss den Verantwortlichen mit einer Leistung von 7500 Kilowatt eine der grössten am Zürichsee sein. Sie kostet rund 3,5 Millionen Franken.

Gebaut und betrieben wird sie von Energie 360°. Das Unternehmen befindet sich zu 96 Prozent in Besitz der Stadt Zürich. Kleinstbeteiligungen halten überdies diverse Gemeinden. Am Zürichsee sind dies nebst Meilen die Gemeinden Stäfa, Männedorf, Uetikon, Herrliberg und Erlenbach.

In einem ersten Schritt wird ab September die Seewasseranlage gebaut. Von der Midor her lässt die Bauherrin mittels Bohrverfahren die Leitungen erstellen. Die Arbeiten laufen also unterirdisch ab, in der Kirchgasse wird es keine offenen Gräben geben. Hingegen wird ein Teil des Seeplatzes, den die Gemeinde Meilen im vergangenen Jahr saniert hat, wieder aufgerissen.

Ursprünglich wollten die Gemeinde und Energie 360° die Arbeiten koordinieren. Allerdings verzögerte sich dann das Projekt für die Seewasseranlage, weshalb eine Abstimmung der beiden Vorhaben nicht mehr möglich war, wie die Gemeinde im Juni der Bevölkerung an einer Informationsveranstaltung mitteilte.

Pappeln werden geschont

Für den verzögerten Baubeginn der Pumpanlage habe es keine speziellen Gründe gegeben, sagen Deplazes und Brändle. Bei Projekten dieser Grösse komme dies oft vor. In diesem Fall hatte es zur Folge, dass die Arbeiten aus Rücksicht auf das Ökosystem erst ein Jahr später beginnen konnten als geplant. Denn die Bauherrin muss unter anderem die Fischschonzeiten berücksichtigen.

«Wir nehmen bei den Arbeiten selbstverständlich Rücksicht auf die Pappeln.»Romeo Deplazes, Mitglied der Geschäftsleitung Energie 360°

Die Arbeiten auf dem Seeplatz wiederum beginnen erst im Oktober, weil dieser dann von der Meilemer Bevölkerung nicht mehr so stark frequentiert wird. Die kürzlich gepflanzten Pappeln, welche die alten kranken Bäume ersetzt haben, werden übrigens nicht gefällt. «Wir nehmen bei den Arbeiten selbstverständlich Rücksicht auf sie», sagt Deplazes.

Ohnehin beansprucht der Technikraum für die Pumpen lediglich einen kleinen Teil des Platzes. Die Gemeinde Meilen als Eigentümerin stellt diesen der Energiedienstleisterin im Baurecht zur Verfügung. Da der Bau unterirdisch entsteht, wird von der Anlage nach Abschluss der Arbeiten wenig zu sehen sein. Lediglich der Zugangsschacht, etwa ein auf zwei Meter gross, wird darauf hindeuten, dass sich im Untergrund mehr abspielt, als man gemeinhin vermuten würde.

Erstellt: 14.08.2019, 18:19 Uhr

Energie

Wärmeverbund geplant

Die Midor selber ist nicht am Bau der Seewasseranlage in Meilen beteiligt, sondern lediglich Kundin von Energie 360°. Sie wird voraussichtlich nicht die einzige bleiben. Denn das Seewasser soll nicht nur zum Kühlen, sondern auch zum Heizen genutzt werden, insbesondere dann, nachdem es die Abwärme aus der Fabrik aufgenommen hat. Hier kommen die privaten Haushalte in der Nachbarschaft der Midor ins Spiel. Gemeinsam mit der Gemeinde plant Energie 360° in einem zweiten Schritt einen Wärmeverbund, dem sich Liegenschaftenbesitzer nördlich des Bahnhofs zwischen dem Stelzenareal und der Wampflenstrasse anschliessen können.

Symbiotische Beziehung

«Es kommt so zu einer symbiotischen Beziehung zwischen Industrie- und Wohnquartier», sagt Romeo Deplazes, Mitglied er Geschäftsleitung von Energie 360°. Der eine Partner brauche Kälte, die anderen Partner bräuchten Wärme. Zudem würden die Hauseigentümer die Möglichkeit erhalten, von fossilen Energieträgern wie Öl oder Gas auf erneuerbare Energie umzusteigen. Die potenziellen Kunden hat Energie 360° bereits angeschrieben. «Wir haben schon zahlreiche positive Rückmeldungen bekommen», sagt Deplazes. Der Wärmeverbund wird im Idealfall ab Herbst 2021 die ersten Kunden mit Wärme versorgen. (miw)

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