Küsnacht

Rundgang durch C.G. Jungs ehemaliges Zuhause

Der Enkel des Psychiaters C.G. Jung wohnt in der Liegenschaft, die sein weltberühmter Grossvater einst an der Seestrasse bauen liess. Für den Verein für Ortsgeschichte Küsnacht hat Andreas Jung die Türen des Anwesens geöffnet.

Das ehemalige Wohnhaus des Psychiaters Carl Gustav Jung an der Seestrasse 228 in Küsnacht wird heute von der Familie seines Enkels bewohnt.

Das ehemalige Wohnhaus des Psychiaters Carl Gustav Jung an der Seestrasse 228 in Küsnacht wird heute von der Familie seines Enkels bewohnt. Bild: Michael Trost

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Die Nummer 228 an der Seestrasse in Küsnacht hat einen unscheinbaren Zugang. Wer nicht weiss, dass sich hinter dem Mäuerchen und den hohen Bäumen der ehemalige Wohnsitz des Psychiaters Carl Gustav Jung verbirgt, fährt achtlos daran vorbei. Rund 30 Personen, aufgeteilt in zwei Gruppen, haben sich am Samstagvormittag hier eingefunden, um sich von den heutigen Bewohnern durch das historische Haus und den lauschigen Garten führen zu lassen.

Haus selber gezeichnet

Andreas Jung, Enkel des weltberühmten Seelenforschers, lebt seit 1975 mit seiner Familie im dreistöckigen Haus, für das der Grossvater selber die Pläne gezeichnet hatte. «Es gab ein Hin und Her mit dem Architekten Ernst Fiechter, weil er nicht mit allen Ideen Jungs einverstanden war», erzählt der Gastgeber. 1908 wurde es erbaut und ein Jahr später bezogen. Der 1875 geborene C.G. Jung war im Jahr 1900 als Assistenzarzt in die heutige Psychiatrische Universitätsklinik Burghölzli eingetreten und verliess diese 1909 als Oberarzt. Im Burghölzli ist auch der Vater von Andreas Jung geboren, der einzige Sohn neben vier Töchtern. Im neuen Zuhause gedachte der Psychiater seine Klienten zu empfangen und sich seinen Schriften und Forschungen zu widmen.

Gemeinde wollte Land nicht

Die Gemeinde Küsnacht wollte das Land an der Seestrasse damals mit einem Verkauf abstossen, da es an das damalige Armen- und Waisenhaus angrenzte. Dort, wo seit 1930 das Küsnachter Strandbad steht. Elf Franken habe der Quadratmeter seinen Grossvater gekostet, erzählt der Enkel. Das 7000 Quadratmeter grosse Land konnte er sich nur dank dem geerbten Vermögen seiner Ehefrau Emma Rauschenbach leisten.

Andreas Jung führt als erstes in den hinteren Teil des Gartens. Dass sich hier einst ein Karpfenteich anstelle des geometrisch angelegten Rasens befand, sieht man am vertieften Bereich des Areals. Lauschig ist es hier im Schatten der mächtigen Bäume und der Blick über die gepflegte Uferböschung zum See wunderschön. An der östlichen Grenze steht noch heute das Gartenhäuschen, das sich Jung als Rückzugsort errichten liess. «Mit dem Bau des Strandbads war es vorbei mit der Ruhe», erzählt Andreas Jung. Darauf habe sei Grossvater sich in Bollingen am Obersee einen runden Turm erstellen lassen, wohin er sich in den Sommermonaten zurückzog, um ungestört zu schreiben. Als leidenschaftlicher Segler liess sich C.G. Jung einen eigenen Hafen mitsamt dem noch von den Nachkommen benutzten Bootshaus bauen. Er habe auch ein Motorboot besessen. «Er war bis ins hohe Alter fit und unternahm regelmässig Velotouren», erzählt der Enkel.

Bis zu 300 Besucher jährlich

Im Haus, das um die 14 Zimmer hat, bittet der Gastgeber in den Hauptraum im Erdgeschoss, den die heutigen Bewohner normalerweise nicht zeigen. Jedes Jahr empfangen sie 250 bis 300 Besucher, die der Lehre Jungs nahestehen. Sie kommen aus aller Herren Länder, um die Wirkungsstätte des Seelenforschers zu besichtigen. Es sei das erste Mal, dass man Interessierte aus der nächsten Umgebung empfange, sagte Jung. Der Rundgang ist auf das Engagement von Alfred Egli vom Verein für Ortsgeschichte zurückzuführen

Im Hauptraum, den die Familie heute noch als Esszimmer und Stube benützt, stand zu Jungs Zeiten ein grosser Tisch in der Mitte. Obwohl Jung «viel geistig gearbeitet hat», so der Enkel, seien ihm «alle anderen Sinne ebenso wichtig gewesen». Selber ein ausgezeichneter Koch habe er von seiner Köchin nur hochwertiges Essen erwartet. «Wehe, wenn ihr einmal etwas misslang.»

Kein Zutritt ins Kabinett

Im ersten Stock öffnet Andreas Jung die Tür zur Bibliothek, in der Jung ein kleines Kabinett integrieren liess. In diesem bewusst dunkel gehaltenen Studierzimmer, wo der Psychiater Klienten empfing, dringt wegen den farbigen Butzenscheiben kaum Tageslicht ein. Im engen Raum steht der massive Schreibtisch, auf dem eine Fotografie den einstigen Bewohner bei der Arbeit zeigt. Die Wände der Bibliothek sind bis zur Decke gefüllt mit Büchern. «Hier ist alles Wissen der Welt vereint», sagt Andreas Jung. Was das Internet heute als Informationsquelle biete, habe der Grossvater in Bücherform angelegt. Dank seines ausgezeichneten Gedächtnisses, habe er stets gewusst, in welchem Werk er sich welche Information holen musste.

In seiner Erinnerung sieht Jung den Grossvater noch in der Bibliothek wandeln, ins Kabinett hingegen hatte der Enkel keinen Zutritt. Die Gemeinde Küsnacht hat C.G. Jung an seinem 85. Geburtstag die Ehrenbürgerschaft verliehen. Ein Jahr später verstarb der weltberühmte Küsnachter 1961. ()

Erstellt: 13.07.2015, 15:27 Uhr

Andreas Jung, Enkel des weltberühmten Psychiaters, führte die Gäste durch das Anwesen. (Bild: Michael Trost)

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