Männedorf

Regisseur Samir spricht in Männedorf über seinen neusten Film

«Baghdad in My Shadow» heisst der neuste Spielfilm des irakisch-schweizerischen Regisseurs Samir. Am Wochenende sprach er im Kino Wildenmann über das Werk.

«Heuchler gibt es in jeder Religion», sagt der Schweizer Regisseur Samir.

«Heuchler gibt es in jeder Religion», sagt der Schweizer Regisseur Samir. Bild: Keystone

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Von den Bildern gibt es kein Entrinnen. Sie zeigen Männer, die aus Fahrzeugen gezerrt werden. Halbnackte, die an den Armen aufgehängt von der Decke baumeln – bei lebendigem Leib. Hände, die zertrümmert, Fingernägel, die ausgerissen werden. Es sind Szenen, die den Museumswächter Taufiq auf seinen einsamen Kontrollgängen heimsuchen. Und die am vergangenen Samstagabend das Publikum im Männedörfler Kino Wildenmann bewegen.

«Baghdad in My Shadow» heisst der Film, der mit den verstörenden Szenen beginnt. Gedreht hat ihn der Schweizer Regisseur Samir. Er ist in Männedorf anwesend, um mit den Zuschauern über sein neustes Werk zu sprechen. Doch erst gilt es für die 71 Anwesenden – damit ist das Kino voll besetzt –, gut eineinhalb Stunden in eine wohl fremde Welt einzutauchen. Der Einstieg in den Spielfilm ist zwar nichts für schwache Nerven. Schon kurz nach den Flashbacks der Folterungen ist aber die quirlige Atmosphäre des Londoner Cafés Abu Nawas zu sehen. Wo die Lebensgeschichten von Exil-Irakern miteinander in Berührung kommen, sich verknüpfen – bis sie in diesem Gefüge dramatisch erschüttert werden.

Video: Der Trailer zu Samirs «Baghdad in My Shadow»

Zwar wird erst noch beim Tee gelacht und gescherzt. Bald allerdings lässt Regisseur Samir erste Wolken über die heitere Stimmung ziehen. Dies nicht nur im übertragenen Sinn: Regentropfen prasseln an Fensterscheiben und in Pfützen. Sie tauchen die anonymen Betonbauten der Grossstadt noch mehr ins Grau – und lassen ein Gefühl von Beklemmung aufkommen.

Nachdenken über Kultur

In dem Film geht es denn auch um die verschiedensten Verstrickungen der Figuren zwischen dem Hier und dem Dort, dem Gestern und dem Heute. Da sind etwa die Selbstbestimmung der Caféaushilfe Amal in ihrer Rolle als Frau, die Homosexualität und der religiöse Wahn zwischen den Kulturen – und die Schatten der verschiedenen Terrorregimes des Irak.

Die Geschichte sei schon lange in ihm angelegt gewesen, sagt Samir nach der Vorstellung. Er – Sohn einer Schweizerin und eines Irakers – hat sich in der Vergangenheit denn auch schon dokumentarisch mit seinen Wurzeln auseinandergesetzt.

«Die Darsteller mussten den irakischen Dialekt, Arabisch und Englisch beherrschen»Regisseur Samir

Mit «Baghdad in My Shadow» habe er das westliche Publikum über die Begriffe von Leitkultur und Parallelgesellschaft nachdenken lassen wollen. Denn auch wenn der Film unter Exil-Irakern spiele, seien die Grundthemen universell. «Heuchler gibt es in jeder Religion», erläutert er in Anspielung auf den Hassprediger Scheich Yassin, der die Reinheit der muslimischen Frau propagiert – und sich nichtsdestotrotz an westlichen Pornodarstellungen verlustiert. Und die Verfolgung Homosexueller oder die Unfreiheit der Frauen sei in der Geschichte westlicher Länder nicht allzu lange her, erinnert Samir.

Zensurierte Fassung

Bis er den Film beginnen konnte, hatte er indes einige Schwierigkeiten zu umschiffen. So etwa bei der Suche nach den Darstellern. «Sie mussten den irakischen Dialekt, Arabisch und Englisch beherrschen», erklärt er. Im Irak sei die Kulturszene klein. Dann aber habe sich etwa der Hauptdarsteller für die Rolle des Taufiq gleich selbst angeboten, nachdem Samir ihn – Professor an der Schauspielschule Bagdad – für junge Darsteller angefragt hatte. «Er konnte erst kein Wort Englisch», sagt Samir, «dank Youtube hat er es binnen eines Jahres gelernt.»

Zahraa Ghandour, die Amal verkörpert, sei gar keine Schauspielerin, sondern eine im Irak bekannte Frauenrechtlerin. «Drei Wochen vor Drehbeginn hat sie abgesagt – wegen der Liebesszenen.» Man habe dann einen Kompromiss gefunden und eine zensurierte Fassung für den Irak produziert. «Ghandour lebt zurzeit im Libanon», sagt Samir auf eine Frage aus dem Publikum. «Die Lage im Irak ist zu gefährlich für sie.»

Dies wegen des Films und ihres politischen Engagements. Auch die Besetzung eines Homosexuellen habe eine Herausforderung bedeutet. «Lebte der Schauspieler in Bagdad statt in London, wäre er gefährdet», sagt Samir – und zeigt, wie eng Fiktion und Realität beieinanderliegen.






Erstellt: 13.01.2020, 09:10 Uhr

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