Regionalwirtschaft

Regionale Industrie will weiter in Forschung investieren

Die Innovationskraft der Schweiz bröckelt, vor allem auf Stufe KMU. Das zeigt eine neue Studie. Für die Zukunft des Wirtschaftsstandortes verheisst das nichts Gutes. Am Zürichsee setzt die Industrie aber weiterhin auf Forschung und Entwicklung.

Der Schliess- und Sicherheitssystemanbieter Assa Abloy beschäftigt heute eine wesentlich höhere Anzahl an Ingenieuren im Bereich Forschung und Entwicklung als noch vor zehn Jahren – auch am Standort Richterswil.

Der Schliess- und Sicherheitssystemanbieter Assa Abloy beschäftigt heute eine wesentlich höhere Anzahl an Ingenieuren im Bereich Forschung und Entwicklung als noch vor zehn Jahren – auch am Standort Richterswil. Bild: Michael Trost

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Es sind Signale, die zu denken geben: Nicht nur nimmt die Zahl der Industriefirmen in der Schweiz immer mehr ab, wie der Swiss Engineering Index zeigt. Auch die Innovationsleistung, vor allem bei den Kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), lässt nach. Das zeigt eine Studie der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW). Demnach hat die Zahl jener Industriebetriebe, die in Forschung und Entwicklung (F&E) investieren, zwischen 1997 und 2014 abgenommen.

Essentielle Forschung

Einer der grossen Trümpfe der Schweiz – ohne natürliche Ressourcen – ist ihr starker Fokus auf Bildung, Forschung und Innovation. Ein Wegfall von wissensbasierten Tätigkeiten – im Zeitalter der Digitalisierung – würde den ganzen Wirtschaftsstandort in Mitleidenschaft ziehen. Dieser Negativtrend lässt sich in der Region nur teilweise nachvollziehen. Zwar haben auch hier diverse Industriebetriebe in den letzten Jahren ihre Tore geschlossen. Darunter sind so prominente Namen wie der Rüstungshersteller Ruag, der seinen Standort Hombrechtikon dicht machte, oder der Präzisionstechnikspezialist Mettler Toledo, der sein Werk in Uznach aufgab. Was aber die so wichtigen, weil wertschöpfungsintensiven F&E-Aktivitäten betrifft, zeichnen die von der ZSZ befragten Betriebe auf Stufe KMU allesamt ein positives Bild.

Ein Vorzeigeunternehmen auf diesem Gebiet ist die Firma U-blox in Thalwil. Der börsenkotierte Anbieter von Halbleiterbausteinen für die Positionierung und drahtlose Kommunikation hat sich seit 1997 von einem 5-Personen-Startup zu einer Firma mit heute weltweit mehr als 1000 Mitarbeitenden entwickelt. Davon sind über 200 in der Schweiz tätig, zwei Drittel davon im F&E-Bereich. Ein Beispiel: Diese Woche hat die kalifornische Firma Bird bekanntgegeben, dass sie sogenannte e-Trottinetts nach Zürich bringt. Die Empfänger für das globale Navigationssatellitensystem und die Mobilfunkmodule, mit denen ein Teil der e-Scooter-Flotte ausgerüstet ist, hat U-blox hergestellt.

Allerdings betreibt U-blox auch in vielen anderen, zumeist europäischen Ländern F&E. Es sei nicht immer möglich, die notwendigen Experten ausschliesslich in der Schweiz zu finden. Daher unterhalte das Unternehmen Entwicklungszentren an verschiedenen Standorten, sagt U-blox-Mitbegründer und Executive Director Daniel Ammann.

Beruhigende Kunde kommt aus Männedorf vom Labortechniker Tecan. Die Anzahl Mitarbeitende sei sowohl weltweit als auch am Standort Männedorf gewachsen, erklärt Konzernsprecher Martin Brändle. Gerade im Bereich F&E werde stellenmässig weiter aufgebaut, «auch hier in Männedorf». In der von der SATW-Studie untersuchten Zeitspanne von 1997 bis 2014 haben sich die Aufwendungen für F&E bei der Tecan Group laut Brändle mehr als verdreifacht. Das rein organische Umsatzwachstum des Unternehmens – ohne Zukäufe – seit 2014 bis heute sei zu einem erheblichen Teil «von neuen, hoch innovativen Produkten» getrieben gewesen, die auf dem Markt eingeführt wurden.

Verschärfter Wettbewerb

Beim Schliess- und Sicherheitssystemanbieter Assa Abloy in Richterswil weist der Entwicklungsleiter Detlef Sprenger darauf hin, dass die Aufhebung des Mindestkurses im 2015 zusätzlich zu einer Verschärfung des Wettbewerbs geführt habe, welcher bis heute spürbar sei. Um dem Trend zu innovativen neuen Lösungsansätzen zu begegnen, beschäftige Assa Abloy heute eine wesentlich höhere Anzahl an Ingenieuren im Bereich Forschung und Entwicklung als noch vor zehn Jahren. Zwar sei in einigen Teilen der Welt ein höheres Wirtschaftswachstum zu verzeichnen als hierzulande, sagt Sprenger. Nichtsdestotrotz blieben «viele anspruchsvolle Tätigkeiten nach wie vor in der Schweiz ansässig». Der Standort Schweiz sei für Assa Abloy «extrem relevant». Eine Abwanderung der F&E-Ressourcen ins Ausland sei nicht geplant. Im Gegenteil, Assa Abloy habe viel in die Entwicklungsstandorte in der Schweiz investiert und bündle hier strategisch wichtige Entwicklungsressourcen.

Das Thema Forschung und Entwicklung praktisch in ihrer Gründungs-DNA gespeichert hat die Firma HSE in Hombrechtikon. Das noch keine zwei Jahre alte Unternehmen ist als Dienstleister für die Entwicklung von In-vitro-Analyse und Diagnostiksysteme tätig. «Wir sehen ein sehr grosses Interesse an unseren Leistungen, gerade von Schweizer Unternehmen, und wir stellen Biologen und Ingenieure ein, um den Bedarf zu decken», sagt Firmengründer und CEO Michael Collasius.

Für staatliche Förderanreize

Die HSE AG, die keine Eigenprodukte entwickelt, sondern ausschliesslich im Kundenauftrag unterwegs ist, betrachtet Forschung und Entwicklung als ihre Kernkompetenz, die den überwiegenden Teil der eigenen Aktivitäten ausmacht. Allerdings begegne ihnen immer wieder das Argument, dass die Lohnkosten in der Schweiz zu hoch seien, sagt Collasius: «Deshalb können wir im wesentlichen nur Entwicklungstätigkeiten mit sehr stark differenzierendem Know-how und hoher Wertschöpfung in der Schweiz anbieten». Beides treffe auf die HSE zu. Gemäss der SATW-Studie haben aber insbesondere Industriebetriebe auf KMU-Stufe in der Schweiz vermehrt Mühe, die hohen Kosten für F&E zu tragen.

Collasius hält deshalb den Ruf nach einer stärkeren Unterstützung seitens des Bundes für die Innovationsanstrengungen der heimischen Industrieunternehmen für unterstützungswürdig, beispielsweise mit entsprechenden Förderanreizen, wie Steuervergünstigungen. In innovativen, prosperierenden Nationen wie USA, Deutschland oder Singapur gebe es solche starken Anreize für Innovation und Entwicklungen würden ebenfalls stark gefördert: «Hier kann die Schweiz sicherlich mehr tun». (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 30.10.2018, 15:16 Uhr

Schweizer Industrie büsst an Innovationskraft ein

Die Zahl der Schweizer Industriefirmen, die in Forschung und Entwicklung (F&E) investieren, hat im Zeitraum 1997–2014 abgenommen. So ist der Anteil der Firmen mit F&E-Aktivitäten von 46 Prozent in der Periode 2000–2002 auf 20 Prozent in der Periode 2012–2014 gesunken. Demgegenüber ist bei Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, den Niederlanden, Finnland und Schweden kein Abwärtstrend erkennbar. Im Gegenteil: Seit 2010 hat der Anteil der F&E-treibenden Unternehmen sogar leicht zugenommen. Dies sind die Hauptaussagen der Ende August erschienenen Studie der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften (SATW). Zwar belege die Schweiz in internationalen Innovationsstudien und -Rankings regelmässig Topplatzierungen und zähle zu den innovativsten Ländern weltweit.

Solche Studien beurteilten aber die gesamte Volkswirtschaft und sagten wenig über die Innovationskraft einzelner Industrieklassen aus, heisst es in einer Mitteilung der SATW. Die SATW hat deshalb die Innovationskraft genauer untersucht und dabei «Beunruhigendes» festgestellt. Schweizer Industrieunternehmen, insbesondere Kleine und mittlere Betriebe (KMU), schienen zunehmend Innovationskraft und Konkurrenzfähigkeit einzubüssen: «Das sind schlechte Nachrichten für ein Land, das auf eine international konkurrenzfähige Exportindustrie angewiesen ist».

Die SATW-Studie basiert auf den Daten der Innovationsumfrage der Konjunkturforschungsstelle KOF, welche bis und mit 2014 vorliegen. Auffällig sei auch, dass es immer weniger Schweizer Industriefirmen gibt. Diese Entwicklung zeige der Swiss Engineering Index: Die Schweiz verliert seit sechs Jahren jährlich rund 4000 Vollzeitstellen im Industriesektor.

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