Zürichsee

Region soll zum Hotspot für Künstliche Intelligenz werden

Die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich beteiligt sich am Projekt zum Aufbau eines Talent- und Forschungs-Hubs in Zürich. Eine massgebende Rolle spielt dabei die Stiftung eines Meilemers.

Am Anfang einer Revolution: Die Entwicklung von künstlicher Intelligenz wird unser aller Leben verändern und die Gesellschaft als Ganzes herausfordern – darin sind sich die Experten einig.

Am Anfang einer Revolution: Die Entwicklung von künstlicher Intelligenz wird unser aller Leben verändern und die Gesellschaft als Ganzes herausfordern – darin sind sich die Experten einig. Bild: Keystone

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Besser spät als gar nie. Politik und Wirtschaft wollen beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) zusammenspannen und den hiesigen Wirtschaftsstandort stärken. So fordern führende Fachleute und die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) eine nationale Strategie zur KI.

Die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich wiederum will zusammen mit Wissenschaft und Wirtschaft ein Zentrum für Künstliche Intelligenz und Robotik in Zürich lancieren. Der Startschuss soll zu Beginn 2020 erfolgen. Dazu haben Teilnehmer aus unterschiedlichen Fachgebietenan einem runden Tisch das «Belvoir Manifest für KI» entwickelt.

Dieses sieht den Bau eines «Robot-Scientists» - eines lernenden und kreativen Roboters - in der nächsten Dekade vor. Die Ambitionen, die damit verbunden sind, verdeutlicht der geschichtsträchtige Ort des Treffens: das Hotel Belvoirpark, der ehemalige Wohnort des Schweizer Industriepioniers Alfred Escher.

Umsetzung entscheidend

Treibende Kraft hinter dem Manifest ist der Meilemer Pascal Kaufmann, Gründer der KI-Firma Starmind in Küsnacht. Diese stellt Konzernen eine Software zur Verfügung, mittels derer Mitarbeiter weltweit ihr Fachwissen vernetzen können.Vor zwei Jahren initiierte Kaufmann die Mindfire Stiftung: ein länderübergreifendes Forschungsprogramm, welches die Prinzipien der menschlichen Intelligenz entschlüsseln und die Entwicklung von KI vorantreiben soll.

Die gemeinnützige Stiftung will die Schweiz zum Epizentrum für künstliche Intelligenz machen. Tausende KI-Experten auf der Welt hat sie schon vernetzt, hundert von ihnen tauschen sich regelmässig in Online-Netzwerken aus, um systematisch die Entschlüsselung des Braincodes voranzutreiben.

«Die Schweiz hält beim Thema Künstliche Intelligenz eine weltweit einzigartige Stellung.»Pascal Kaufmann, Gründer und VR-Präsident der KI-Firma Starmind, Küsnacht

Kaufmann unterstützt die Formulierung einer einheitlichen Strategie im Bereich Künstliche Intelligenz, hält allerdings wenig von reinen Absichtserklärungen, so schön sie auch klingen mögen. Eine neue Idee zu entwickeln, sei nicht das Problem: «Viel wichtiger ist es, Empfehlungen auch umzusetzen.» Dabei sei noch nicht einmal klar, was genau mit dem Begriff Künstliche Intelligenz gemeint sei.

Einig sind sich die diversen Initiativen darin, dass die Schweiz und allen voran der Wirtschafts- und Forschungsstandort Zürich - und damit auch die Industrie am Zürichsee - eine Führungsrolle in der Entwicklung und Förderung von KI übernehmen soll. Dieser Minimalkonsens ist für Kaufmann ein Fundament, das wichtige erste Schritte ermöglicht.

Neue Kontinente entdecken

Der globale Wettlauf zur Künstlichen Intelligenz ist in vollem Gang. Die von der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich zusammen mit der Mindfire Stiftung angestossene Partnerschaft zwischen Forschung, Industrie und Politik hat sich im Rahmen des «Belvoir Manifests für KI» den Bau eines «Robot-Scientists» zum Ziel gesetzt. Der Roboter soll in der Lage sein, Konzepte zu erlernen, Wissen aus Vorlesungen aufzunehmen, mit Menschen zu interagieren und durch Kreativität und Neugierde Wissenschaftler, insbesondere in der medizinischen Forschung, zu unterstützen.

«Wir betreten Neuland und gehen ans Menschenmögliche.»Pascal Kaufmann

Für Kaufmann fühlt sich das Programm an, als ob man aufbreche, einen neuen Kontinent zu entdecken: «Wir betreten Neuland und gehen ans Menschenmögliche.» Der 41-Jährige spricht von einer Revolution: «Wer täglich Bücher und wissenschaftliche Publikationen liest, bis er 60 Jahre alt ist, und dann noch ein bis zwei Jahre Forschung betreiben kann, arbeitet ineffizient».

Wer hingegen in der Lage sei, künstliche Intelligenz einzusetzen und sich mit Talenten global zu vernetzen, um der medizinischen Forschung zu neuen Durchbrüchen zu verhelfen, etwa um Krebs zu heilen und den Menschen eine höhere Lebenserwartung zu geben, könne durch die Symbiose von Mensch und Hochtechnologie in viel kürzerer Zeit Durchbrüche bewirken. Darüber herrsche Einigkeit zwischen den am Manifest beteiligten Hochschulen - ETH, ZHAW, Uni Zürich, Uni Lugano und weiteren Forschungsinstitutionen - und den über 30 ans Projekt angeschlossenen Firmen, wie Swiss Re und ABB, Investoren und Organisationen.

Wissensnation Schweiz

Was die Finanzierung des Baus des «Robot-Scientists» betrifft, so sei viel Geld im Spiel, sagt Kaufmann. Deshalb erhalte die Mitwirkung der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich als Koordinatorin emorme Bedeutung. Der Staat sei neutral und verfolge keine Partikularinteressen. Nur er bringe alle Hochschulen, wichtige Firmen und vermögende Privatpersonen an einen Tisch.

Vom Potenzial des Standorts Schweiz zur Förderung der Künstlichen Intelligenz ist Kaufmann überzeugt. Unser Land halte bei diesem Thema eine weltweit einzigartige Stellung, «weil wir das relevanteste Know-how im Bereich der KI, von Robotik und Neurowissenschaften mitbringen». Dies zeigten die aktuellen Wissenschaftspublikationen und der «Scientific Impact Factor». Dieser beschreibt, wie häufig ein in einer Fachzeitschrift veröffentlichter Artikel von anderen wissenschaftlichen Artikeln zitiert wird.

Als weitgehend neutrales Land, das weltweit eine hohe Reputation geniesst und in der Vernetzung von Menschen eine erstklassige Historie aufweist, sei die Schweiz prädestiniert für eine Führungsrolle. Kaufmann schwebt ein dritter Weg vor, als Alternative zu einem von China und den Techfirmen dominierten Szenario, sprich, «KI für das Wohl des Menschen zu bauen».

Erstellt: 01.11.2019, 14:21 Uhr

«Daten im Sinne des Gemeinwohls nutzen»

Fachleute im Bereich Künstliche Intelligenz fordern eine nationale Strategie. Wichtig ist ihnen
die gesellschaftliche Akzeptanz. Unterstützt wird die Initiative vom IBM-Forschungslabor in Rüschlikon.

Führende Fachleute für Künstliche Intelligenz (KI) sprechen sich zusammen mit der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) für eine Schweizer KI-Strategie aus. In ihrem Weissbuch fordern sie eine intensivere Nutzung der Technologie und die Schaffung nationaler Datenplattformen, da Daten eine Voraussetzung für leistungsfähige Algorithmen seien. «Daten sollen aber im Sinne des Gemeinwohls genutzt werden und nicht ausschliesslich für kommerzielle Zwecke», sagt Adrian Sulzer, Mediensprecher der SATW. Ohne entsprechende Anstrengungen riskiere die Schweiz, den Anschluss bei dieser zukunftsweisenden Technologie zu verlieren. Ein Erfolgsfaktor sei zudem die gesellschaftliche Akzeptanz, weshalb die Bevölkerung verstärkt für Chancen und Risiken zu sensibilisieren sei.

Dass die Initianten mit ihrem Vorstoss den Nerv der Zeit treffen, bestätigt eine Umfrage, die das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) kürzlich unter 150 Institutionen und Forschenden durchgeführt hat. 81 Prozent der Befragten aus der Privatwirtschaft erachten es als sehr wichtig, dass sich die Schweiz am «Digital Europe Programme» der EU beteiligt und sie eine nationale KI-Strategie erarbeitet. Allerdings, so räumt Sulzer ein, wisse man nicht im Detail, wer befragt wurde, und wieviele Vertreter von KI-Firmen darunter seien. Aus Expertengesprächen im Zusammenhang mit anderen Aktivitäten gehe aber hervor, dass es sowohl Befürworter als auch Gegner gebe.

Schweizer Werte schützen

Zu den unbestrittenen Befürwortern einer nationalen KI-Strategie gehört das IBM Research - Zurich in Rüschlikon, respektive dessen Direktor Alessandro Curioni. Der 54-Jährige ist Leiter der Themenplattform «Künstliche Intelligenz» bei der SATW und einer von mehreren Herausgebern des Weissbuchs. Curioni, der in theoretischer Chemie promoviert hat, spricht von einer globalen Revolution im Bereich Künstliche Intelligenz mit dem Potenzial, grosse wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen.

Eine nationale KI-Strategie hat nach Ansicht von Curioni zum Ziel, dass die Schweiz von dieser Revolution profitiert. Gleichzeitig soll die Schweizer KI-Strategie sicherstellen, dass die Entwicklungen in diesem Bereich im Einklang mit Schweizer Werten vonstatten gehen. Es gelte, so Curioni, eine gesellschaftliche Diskussion zu führen, um Risiken und Grenzen zu definieren, «sodass Aspekte wie der Datenschutz oder das Eigentumsrecht an den Daten die notwendige Beachtung finden».

Am IBM-Forschungslabor in Rüschlikon werden derzeit Lösungen für eine Reihe von Anwendungen von KI erarbeitet. Einerseits werden im Gesundheitswesen unter anderem KI-Tools entwickelt, die in der Krebsforschung zum Einsatz kommen und die Medikamentenentwicklung beschleunigen sollen. Andererseits soll Kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) der Zugang zur KI erleichtert werden. Deshalb hat das IBM-Labor eine Künstliche Intelligenz namens NeuNets entwickelt, die selber KI-Modelle entwickeln kann. Eine solche KI soll Firmen, die nicht über das qualifizierte Personal verfügen, in die Lage versetzen, KI trotzdem zu nutzen.

Thomas Schär

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