Stäfa

Missbrauchsvorwürfe: Protokoll zeigt Widersprüche

Eine Mitarbeiterin der gemeindeeigenen Kinderhorte «Mikado» wirft ihrem Arbeitskollegen sexuellen Missbrauch eines Mädchens vor. Ein Gesprächsprotokoll zeigt nun: Die Argumentation hat Lücken.

Die Vorfälle in einem Kinderhort in Stäfa geben weiterhin zu reden. (Symbolbild)

Die Vorfälle in einem Kinderhort in Stäfa geben weiterhin zu reden. (Symbolbild) Bild: Reto Oeschger

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Die Vorwürfe verunsichern. Hat ein Betreuer der Stäfner Kinderhorte «Mikado» tatsächlich ein 12-jähriges Mädchen missbraucht? Der Mann habe dem Mädchen etwa an die Brüste gefasst, das Kind aufgefordert das T-Shirt auszuziehen und es immer wieder berührt. Über diese Anschuldigungen berichtete die Gratiszeitung «20 Minuten» gestützt auf Erzählungen einer Mitarbeiterin des Beschuldigten. Eine Vertrauensperson dieser Mitarbeiterin hatte sich an die Zeitung gewandt, weil die Gemeinde aus ihrer Sicht die Missstände zu wenig ernst nimmt.

Ein Protokoll, das der Zürichsee-Zeitung zugespielt wurde, zeigt nun detailliert auf, wie die Schule Stäfa über die Vorwürfe in Kenntnis gesetzt wurde. An einem Gespräch im November informierte die Mitarbeiterin im Beisein ihrer Vertrauensperson die Stäfner Schulpflegepräsidentin, Cristina Würsten (FDP), und die Chefin der «Mikado»-Horte. Aus dem Gesprächsprotokoll wird unter anderem klar: Der happige Vorwurf, dass der Betreuer das Kind an den Brüsten berührt hat, wird der Gemeinde gegenüber gar nicht erwähnt.

Der happige Vorwurf, dass der Betreuer das Kind an den Brüsten berührt hat, wird der Gemeinde gegenüber gar nicht erwähnt.

Silvia Frommelt, Vertrauensperson der Mitarbeiterin und Leiterin einer privaten Kindertagesstätte in Zürich, begründet den Widerspruch so: «Die Schulpräsidentin hat die Mitarbeiterin laufend verbal bombardiert, so dass sie gar nicht dazu kam das zu erwähnen.» Zudem habe sie nur Vorfälle angesprochen, von denen sie ein konkretes Datum nennen konnte. «Bei der Anzeige bei der Polizei hat die Mitarbeiterin den Vorfall aber erwähnt.» Frommelt steht auch weiterhin zu ihrer Aussage, dass die Schule Stäfa die Meldung nicht ernst genommen habe und sie deshalb den Fall an die Medien gebracht habe.

Situation ausgenutzt

Es ist aber nicht die einzige Ungereimtheit zwischen der Darstellung in der Zeitung «20 Minuten» und dem Protokoll. Der Betreuer hat zwar die Schülerin aufgefordert, ihr T-Shirt auszuziehen, allerdings trug das Mädchen darunter - laut den Erzählungen der Mitarbeiterin - ein weiteres Trägershirt. Eine Tatsache die Frommelt im Bericht von «20 Minuten» unerwähnt liess. Klar wird etwa durch das Protokoll auch, dass die «Umarmungs- und Begrüssungsrituale» nicht vom angeschuldigten Betreuer ausgingen, sondern von der 12-jährigen Schülerin allen Menschen im Hort gegenüber.

Silvia Frommelt bestätigt denn auch, dass das Mädchen teilweise sehr überschwänglich agiert habe. Das ändere aber nichts daran, dass es sich um schlimme Übergriffe gehandelt habe. Der Betreuer habe die Situation «schamlos ausgenutzt». Frommelt kritisiert, dass das von der Schulpflege Stäfa geführte Protokoll Mängel aufweise und damit aufzeige, dass die Schule die Vorkommnisse nicht ernst genommen habe.

Gesamthaft lässt das Protokoll die Ereignisse zumindest teilweise in anderem Licht erscheinen. Unklar bleibt, ob es sich bei den Vorkommnissen tatsächlich um Übergriffe gehandelt hat oder ob die Beobachtungen nicht einfach nur ein ungutes Gefühl bei der Mitarbeiterin ausgelöst haben. Das kann wohl nur das laufende Verfahren der Staatsanwaltschaft und die Administrativuntersuchung der Schule zeigen. Der Anwalt des Beschuldigten wies die gemachten Vorwürfe bereits am Dienstag zurück, es handle sich bei den Vorfällen höchstens um «pädagogische Pflichtverletzungen».

Schulpräsidentin Cristina Würsten (FDP) will sich zu den jüngsten Vorwürfen von Silvia Frommelt nicht äussern. Sie wolle nun die Ergebnisse der Administrativuntersuchung abwarten.

Dauerthema Nähe

Die Vorwürfe an Mitarbeiter im Betreuungsbereich lässt auch den Verband Kinderbetreuung Schweiz nicht kalt: «Nähe und Distanz ist ein Dauerthema in Aus- und Weiterbildungen», sagt Nadine Hoch, Geschäftsleiterin von «Kibesuisse». Es sei ganz wichtig, dies auch in der praktischen Arbeit zu thematisieren. Dazu gehöre auch, dass jede Institution für sich Regeln aufstelle, wie mit Berührungen umgegangen werden soll. «Wichtig ist auch, dass in Betrieben eine offene Gesprächskultur herrscht, um Erfahrungen und Haltungen auszutauschen.»

«Wichtig ist auch, dass in Betrieben eine offene Gesprächskultur herrscht, um Erfahrungen und Haltungen auszutauschen.»Nadine Hoch, Geschäftsleiterin von «Kibesuisse»

Hoch macht aber auch klar: «Eine Kinderbetreuung ohne Berührung gibt es nicht.» Das sei schlicht unrealistisch, auch weil Kinder durchaus von selbst die Nähe von Betreuungspersonen suchten. Selbstverständlich spiele aber der Kontext der Berührung eine Rolle. Körperkontakt in der Öffentlichkeit wird anders bewertet, als jener hinter verschlossenen Türen. Küssen oder ähnliche Handlungen seien aber in jedem Fall zu unterlassen.

Allgemeine Verunsicherung

Dass man ein Kind alleine mit in ein separates Zimmer nehme und die Türe schliesse – wie auch dem Stäfner Betreuer vorgeworfen wird –, sei heutzutage ein No-Go. Und dennoch differenziert Hoch: Ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen müsse in der Kinderbetreuung möglich sein. «Wir können nicht alles verbieten.»Die Geschäftsleiterin des Verbandes Kinderbetreuung Schweiz spürt nach den jüngsten Missbrauchsvorwürfen eine allgemeine Verunsicherung – gerade bei Männern. «Die publik gewordenen Fälle, aber auch die teils aufgebauschte Berichterstattung werfen die wichtigen Bestrebungen nach mehr Männern in der Kinderbetreuung zurück.»

Hoch bedauert, dass nun der Ruf laut wird, Männer von der Kinderbetreuung auszuschliessen. Schliesslich komme auch niemand auf die Idee, dass Juniorenmannschaften im Fussball nur noch von Frauen trainiert werden sollten.

Erstellt: 14.02.2019, 16:40 Uhr

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