Herrliberg

Präsidiumswechsel in Herrliberg: Wittmer geht, Schwitter kommt

Des einen Rücktritt, des anderen Antritt: Ein Doppelporträt.

Acht Jahre war Walter Wittmer Präsident des Herrliberger Gemeinderats. Jetzt tritt er zurück. Bilder: Michael Trost.

Vielleicht wird er wieder Strassenmusikant

Acht Jahre lang war Walter Wittmer Gemeindepräsident in Herrliberg. Ab Sonntag hat er wieder mehr Zeit für anderes.

Man könnte denken, dass er ein Zahlenmensch ist. Denn Walter Wittmer schloss ein Studium als Ökonom ab und arbeitete lange in der Versicherungsbranche. Er war vier Jahre lang im Herrli­berger Gemeinderat für die Finanzen zuständig und leitete bis zu seiner Pensionierung das Statistische Amt der Stadt Zürich.

Aber im Studium habe er Buchhaltung und Statistik gehasst, erzählt Wittmer. Vielleicht verhalte es sich damit so wie mit dem einzigen Pfosten auf einer breiten Skipiste: ein Hindernis, und trotzdem oder gerade darum zieht er den Skifahrer an.

Skifahren ist eines von den ­vielen Interessen, für die der vermeintliche Zahlenmensch wieder mehr Zeit haben wird, nachdem er als Herrliberger Gemeindepräsident nun per 1. Juli zurücktritt.

Wandel symbolisiert

In dieses Amt gewählt worden war er vor acht Jahren, und jene Wahl markierte symbolisch einen Wandel Herrlibergs. Er, ein Pendler, angetreten für den Gemeindeverein, überflügelte die im Dorf tätigen Gewerbler. Allerdings nicht weil er Pendler ist, sondern weil er im Dorf bekannt und geschätzt ist. Der Sieger und der Unterlegene aus dem letzten Wahlgang waren zwei Wochen danach schon wieder – mit den Ehefrauen – zusammen auf einer Wanderung im Engadin.

Walter Wittmer war es wohl in seiner Rolle als Gemeindepräsident. Dass er als Frühpensionierter sich auch einmal spontan Zeit für ein Gespräch nehmen konnte, sei ein Vorteil gewesen, ist ihm klar. «Über etwas reden können, löst manche Verhärtung.»

Gefreut in seiner Amtszeit hat den scheidenden Präsidenten unter anderem die Zustimmung zum Kauf der Vogteiwiese. Dass der gemeinderätliche Vorschlag für einen Grossverteiler im Dorf nicht durchkam, trägt Wittmer niemandem nach. «Solche Projekte brauchten auch in anderen Gemeinden oft mehrere Anläufe», sagt er. Nach wie vor ist er überzeugt, dass ein Besuchermagnet Herrlibergs Zentrum beleben würde. Das findet er erstrebenswert. Denn wenn alle auswärts einkauften, begegne man sich im Dorf zu wenig.

Wittmer liebt sein Dorf nach wie vor, er verkörpert sozusagen dessen zwei Gesichter: Einerseits ist er Ur-Herrliberger, vertraut mit dem Geruch nach Wiese und Stall, wie er im oberen Dorfteil noch präsent ist. Anderseits ist er ein Zugezogener, ein sogar zweifach Studierter. Mit 50 schloss er ein Zweitstudium als Business Engineer ab.

Kulturell engagiert

Mit seinem Zweitwohnsitz im Engadin hat Wittwer eine Basis nicht nur fürs Skifahren, sondern auch zum Wandern und Langlaufen und für Skitouren. Der Zurücktretende, der auf den 70. Geburtstag zugeht, ist immer unternehmungslustig und traut sich eine fünf- bis siebenstündige Wanderung ohne Zögern zu. Weiterpflegen will er auch seine kulturellen Interessen, als Vorstandsmitglied des Kulturkreises Herrliberg, im Förderverein der Kulturschiene Herrliberg, als Besucher unter anderem der Heubühne in Feldmeilen und der ­Kulisse in Küsnacht.

Ein anderes kulturelles Feld musste Wittmer als Gemeindepräsident brachliegen lassen: Für das Musizieren reichte die Zeit nicht mehr. Er sei früher zuweilen als Strassenmusikant unterwegs gewesen, erzählt er. Und schliesst nicht aus, Gitarre und Mundharmonika genau dafür wieder hervorzuholen.

Gemeinschaft erlebt

Die Freude am Theater, erzählt Wittmer, habe ihm seine Mutter vermittelt, eine Berlinerin. Seine Eltern lernten einander in Buenos Aires kennen. Sohn Walter wurde in Argentinien geboren und ist Doppelbürger, mit spanischem Vornamen Gualterio.

Wegen der politischen Verhältnisse in Argentinien kehrte Vater Wittmer mit seiner Familie 1954 in die Schweiz zurück. Da war Walter sechs Jahre alt. Er wuchs in Herrliberg auf, wo damals nur drei Strassen asphaltiert waren, wo sich der Kunstschlosser nicht zu schade war, ihm das kaputte Trottinett zu schweissen, wo ihm der Sattler-Tapezierer den Schulthek flickte.

Diese Dorfgemeinschaft lebt in Walter Wittmer weiter, auch wenn Herrliberg inzwischen dreimal mehr Einwohner zählt und vom Gewerbler- und Bauerndorf zumindest im untern Teil zu einer Art Zürichberg-Quartier geworden ist.(Urs Köhle)


Acht Jahre stand Gaudenz Schwitter dem Ressort Hochbau vor. Jetzt übernimmt er das Präsidium.

Er integrierte sich über den Männerchor

Mit Gaudenz Schwitter übernimmt ein Zugezognener das Gemeindepräsidium. Er kennt die Behörde bereits aus dem Effeff.

Gaudenz Schwitter hat es in Herrliberg in kurzer Zeit weit gebracht: 2006 zog er zusammen mit seiner Frau in die Gemeinde, 2010 wurde er in den Gemeinderat und im April dieses Jahres nun zum Gemeindepräsidenten gewählt. «Mir ist es wichtig, mich einzubringen», sagt der 47-Jährige beim Treffen im Gemeindehaus. Es interessiere ihn, was direkt um ihn herum passiere. Der Gang in die Politik erfolgte daher fast zwangsläufig. Bereits sein Vater habe sich jahrzehntelang in der Kommunalpolitik engagiert.

In Landquart aufgewachsen, ist der Jurist über Umwege in Herrliberg gelandet. Einer Partei gehörte er vor zwölf Jahren noch nicht an. Seine Integration ins Dorf begann mit dem Eintritt in den Männerchor. Diesen habe ihm Antiquitätenhändler Hans Walliser bei einem Einkauf ans Herz gelegt. «Gesungen habe ich schon in der Studentenverbindung gerne.»

Einer, der gefragt wird

Schwitter ist mit seiner gewinnenden und offenen Art einer, der gefragt wird. Auch dem Eintritt in die hiesige FDP ging eine Anfrage voraus. Es dauerte nicht lange, bis er sich daraufhin für den Gemeinderat zur Verfügung stellte – und ein erstes Mal gewählt wurde. Als Bauanwalt erhielt er mit dem Hochbau ein massgeschneidertes Ressort. «Ich hatte im Gemeinderat einen Traumstart mit einem Traumressort», sagt er rückblickend. Durch diese Aufgabe habe er den gesamten Bewilligungsprozess kennen gelernt. Mit dem Fazit, dass er nun als Anwalt die Entscheide von Behörden besser verstehe und umgekehrt sein juristisches Wissen in das Gremium tragen könne. «Selbstverständlich ohne eine Rechnung zu schreiben.»

Als Anwalt, der für eine Küsnachter Kanzlei tätig ist, drängt sich die Frage nach allfälligen Interessenkonflikten förmlich auf. Er habe von Beginn an keine Fälle aus Herrliberg angenommen, in denen die Gemeinde involviert gewesen sei. Selbst bei privatrechtlichen Geschichten habe er sich zurückgehalten. «Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass der Gemeinderat seine Hände im Spiel hat.»

Einziger Kandidat

Das Präsidentenamt ist Schwitter als einzigem Kandidaten förmlich in den Schoss gefallen. Wieder einmal war er zuvor angefragt worden. Schon sehr früh von der eigenen Partei, wie er sagt. «Für mich war klar, dass ich nicht gegen Walti Wittmer antreten würde.» Als dieser mitten in der Legislatur ankündigte, nicht wieder anzutreten, habe er sich für eine Kandidatur entschieden.

«Obwohl wir alles nach Lehrbuch gemacht haben, fanden wir keine Mehrheit.»Gaudenz Schwitter

Dass es in der Politik manchmal nicht so läuft, wie die Exekutive beantragt, bezeichnet Schwitter als eine Begleiterscheinung, mit der er gut leben könne. Deswegen gleich von Niederlage oder Sieg zu sprechen, hält er hingegen für verfehlt. «Unsere Aufgabe ist es, Handlungsspielräume auszuarbeiten», sagt er. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht immer. Die verlorene Zentrumsabstimmung – die von Wittmer vorangetrieben und von ihm als Hochbauvorstand mitgeprägt wurde – habe an ihm genagt. «Obwohl wir alles nach Lehrbuch gemacht haben, fanden wir keine Mehrheit.» Schwitter hält das vorgeschlagene Projekt nach wie vor für gelungen.

Das Dorfzentrum bleibt für den Herrliberger Gemeinderat auch in der neuen Legislatur ein Thema. Er wird dort ansetzen, wo es laut Schwitter einen Minimalkonsens gibt: beispielsweise die Trennung des Dorfs durch die Forchstrasse aufzuweichen. Als Erstes überarbeitet das neue Gremium die Entwicklungsstrategie 2030. Das Papier wurde vom Gesamtgemeinderat in der vergangenen Legislatur erarbeitet. Es macht Aussagen darüber, wie sich Herrliberg weiter entwickeln soll. Schwitter betont die Wichtigkeit einer solchen Strategie. Sie definiere unter anderem die künftige Nutzung der Wiese neben dem Gemeindehaus und die Unterstützung an die Vereine.

Weniger Sitzungen

Eine letzte Frage: Was für ein Gemeindepräsident will er sein? «Einer, der ein offenes Ohr hat und im Dorf präsent ist», sagt er. Letzteres wird der Vater einer 11-jährigen Tochter wohl auch zu Hause wieder vermehrt sein, zumindest abends. Denn Schwitter rechnet aufgrund des neuen Amts zwar mit einem zeitlichen Mehraufwand, aber mit weniger abendlichen Sitzungen. (Regula Lienin)

Erstellt: 29.06.2018, 17:40 Uhr

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