Stäfa

«Plötzliche Gewalt gibt es eigentlich nicht»

Die Drohungen gegen die Gemeinde Stäfa sind kein Einzelfall. Generell häufen sich Übergriffe und Drohungen gegen Behörden. Ein Sicherheitsexperte erklärt.

Ein Mann, der Mitarbeiter der Gemeinde Stäfa bedroht hat, wurde am Mittwoch aus der Untersuchungshaft entlassen. Nun wird das Gemeindehaus bewacht.

Ein Mann, der Mitarbeiter der Gemeinde Stäfa bedroht hat, wurde am Mittwoch aus der Untersuchungshaft entlassen. Nun wird das Gemeindehaus bewacht. Bild: Archiv ZSZ

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Markus Atzenweiler, Fälle von Übergriffen und Drohungen gegen Behörden häufen sich. Wie erklären Sie dieses Phänomen?
Gerade, wenn es um existenzielle Fragen oder emotionale Themen wie Kinder und Familie geht, stehen betroffene Bürger oft in einem speziellen Verhältnis zu Behörden und Gemeinden. Sie fühlen sich machtlos und sehen die Gewalt als einzigen Weg, ihre Position zu stärken und Rechte zu erzwingen. Was natürlich nicht funktioniert. Gewalt und Drohungen kommen immer aus einer schwachen Position heraus. In solchen Fällen sind Mitarbeitende von Gemeinden und Behörden extrem gefordert.

Spüren sie momentan eine steigende Nachfrage nach Präventionsschulungen für Behördenmitarbeiter?
Ja, definitiv. Die Nachfrage hat enorm zugenommen. Wir erstellen immer wieder mit Gemeinden und Behörden umfangreiche Notfallplanungen und führen auch Mitarbeiterschulungen durch. Dabei geht es um Prävention und Deeskalation, um das konkrete Verhalten in einem Notfall und auch um eine Nachbearbeitung von Fällen. Zentral ist, dass das Erlernte regelmässig repetiert wird. Dadurch wird eine Sicherheitskultur gelebt, und Mitarbeiter fühlen sich innerhalb ihrer Organisation geschützt. Dies senkt nachweislich die Anzahl von Vorfällen.

Welches Verhalten empfehlen Sie, wenn eine Situation aus dem Ruder läuft?
Am wichtigsten sind eine klare Grenzsetzung, eine einfache Sprache und räumliche Distanz. Es beginnt niederschwellig, schon ein «dumme Kuh» darf nicht durchgelassen werden. Wir empfehlen, Respekt einzufordern, klar darzulegen, wie man an diesem Ort miteinander kommuniziert und was die Konsequenzen sind, wenn man sich nicht an diese Regeln hält. Für Beleidigungen sollen Entschuldigungen eingefordert werden. Dazu gehört auch, dass betroffene Mitarbeiter einen Fall intern weiterleiten, sodass ein Vorgesetzter mit der ausfällig gewordenen Person nochmals Kontakt aufnehmen und eine Entschuldigung allenfalls auch schriftlich einfordern kann.

Sie schulen unter anderem mit Rollenspielen. Was fällt ihnen dabei auf?
Es ist immer wieder eindrücklich zu sehen, wie Personen, die gut geschult sind, trotzdem wütend werden, wenn ihr Gegenüber aufbrausend wird. Wir nennen unser Training daher auch Realitätstraining und nicht Rollenspiel; in einer Rolle ist nur der Trainer.

Wie kann man vermeiden, dass man selber emotional reagiert?
Unsere Reaktion ist nonverbal meist besser zu trainieren als verbal. Daher bringen wir unseren Kunden jeweils bei, als erstes Distanz einzunehmen: einen grossen Schritt zurücktreten oder mit dem Bürostuhl zurückfahren. Auch einfache Sprachmuster werden eingeführt und sollen helfen, in einer Ausnahmesituation ruhig zu bleiben. Eine sehr wichtige Erkenntnis ist, dass sich Gewalt entwickelt. Kaum jemals kommt sie «plötzlich», allermeistens geht ihr ein verbaler Konflikt voraus. Daher ist es so entscheidend, was ich in einer solchen Situation mache und sage.

Neben dem Verhalten gehören auch bauliche Massnahmen zur Prävention. Welche Empfehlungen geben Sie diesbezüglich ab?
Da gibt es sehr viele Aspekte, die zu beachten sind. Zum Beispiel die Auslegung und Sicherung von Besprechungsräumen: Sie sollten einen Fluchtweg haben und idealerweise eine Alarmschnur, sodass ein Notruf nicht nur per Telefon ausgelöst werden kann. Aber es ist halt immer eine Kostenfrage, oftmals wird man erst aktiv, wenn etwas vorgefallen ist. Ich kann es daher sehr empfehlen, sich an die Polizei zu wenden. Sie macht diesbezüglich einen super Job und kommt auch für Beratungen vorbei.

Erstellt: 26.04.2019, 10:54 Uhr

Markus Atzenweiler bietet mit seiner Firma Yourpower Schulungen für Institutionen im Bereich der Kriminalprävention an.

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