Stäfa

«Pioniergeist von Andy Rihs ist bei Sonova immer noch spürbar»

Der neue Konzernchef von Sonova, Arnd Kaldowski, will die Innovation beim Hörgerätehersteller weiter vorantreiben und die Talente firmenintern stärker fördern. Für den Standort Stäfa ist Sonova-Personalchef Claudio Bartesaghi optimistisch.

«Stäfa ist der wichtigste Standort in Bezug auf die Entwicklung und die Führung des Unternehmens weltweit»: Sonova-Chef Arnd Kaldowski (rechts) und Personalchef Claudio Bartesaghi.

«Stäfa ist der wichtigste Standort in Bezug auf die Entwicklung und die Führung des Unternehmens weltweit»: Sonova-Chef Arnd Kaldowski (rechts) und Personalchef Claudio Bartesaghi. Bild: Michael Trost

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Arnd Kaldowski, Sie sind seit knapp 100 Tagen neuer Konzernchef von Sonova – wie viel «Kaldowski» steckt schon im Unternehmen?
Arnd Kaldowski: Am meisten wohl dort, wo ich Schwerpunkte setzen will. Ein Thema ist, noch mehr Talente aus den eigenen Reihen zu entwickeln und zu fördern. Wir müssen uns überlegen, wie wir unsere erfolgreiche Strategie weiterführen. In diesem Prozess befinden wir uns gerade. Nachdem das neue Geschäftsjahr am 1. April begonnen hat, machen wir uns auch Gedanken darüber, wie die Reise bei Sonova lang­fristig weitergeht.

Was sind die vorrangigen Ziele, die Sie im ersten Jahr Ihres Amtsantritts verfolgen?
Arnd Kaldowski: Ein wichtiges Augenmerk gilt der Innovation, die ich vorantreiben möchte. Ende des Jahres wollen wir ein neues Phonak-Produkt einführen, welches dann im Markt lanciert werden soll. Dazu gibt es einige Herausforderungen im Konzern, die wir bereits mit den Finanzergebnissen zum Geschäftsjahr 2017/18 im Mai kommuniziert haben: In erster Linie betrifft es das Retailgeschäft, also den Verkauf in unseren Läden, der vor allem in den Niederlanden und den USA harzt. Dazu kommt das Geschäft mit den Hörimplantaten, das profitabler werden muss.

Der Hauptsitz in Stäfa hat in der jüngeren Vergangenheit einige Federn gelassen: 2015 wurden 100 Arbeitsplätze ins Ausland verlagert. Welche Rolle soll der Standort in Zukunft spielen?
Claudio Bartesaghi: Ich bin seit 2010 bei Sonova tätig. Wenn ich diese Zeitspanne überblicke, so haben wir trotz starken Schweizer Frankens und trotz des schwierigen Stands der Schweizer Industrie insgesamt in dieser Zeit im Schnitt in Stäfa etwa 25 Arbeitsplätze pro Jahr aufgebaut. Und dies unter Einbezug des Abbaus von 100 Arbeitsplätzen hier in Stäfa. Besonders wichtig dabei ist, dass wir die verlorenen Stellen mehrheitlich durch hoch qualifizierte Funktionen ersetzt haben, vor allem im Bereich Marketing und Forschung und Entwicklung. Darunter sind viele Software-Ingenieure.

Arnd Kaldowski: Stäfa ist unser wichtigster Standort in Bezug auf die Entwicklung und die Führung des Unternehmens weltweit. Das fängt beim globalen Marketing an und geht über die globale Vertriebssteuerung bis hin zu ad­ministrativen Funktionen. In der Fertigung ist Stäfa weltweit unser wichtigster Standort für das Anfahren der Fertigungsserien. Wir werden die Fertigung auch weiterhin hier beginnen und den Transfer der Entwicklung in die Fertigung lokal am Zürichsee vollziehen. Dafür brauchen wir qualifiziertes Personal.

«Stäfa ist unser wichtigster Standort in Bezug auf die Entwicklung und die Führung des Unternehmens weltweit», Sonova-CEO Arnd Kaldowski. Bild: Michael Trost.

Wie schwierig ist es, das von ­Ihnen gerade in Stäfa stark nachgefragte qualifizierte ­Personal zu rekrutieren?
Claudio Bartesaghi: Wir befinden uns in einem hart umkämpften Umfeld. Der Standort Stäfa pro­fitiert davon, dass sich hier der Kern der Sonova-DNA befindet und wir über einen sehr guten Ruf verfügen, sowohl in der Region als auch bei den umliegenden Hochschulen. Das ermöglicht es uns, weiterhin die guten Leute anzuziehen. Allerdings ist der Arbeitsmarkt im Moment ausgedünnt. Wir suchen deshalb schon seit langem nicht mehr ­allein im Grossraum Zürich, sondern international.

Hat der hiesige Industriestandort – angesichts der hohen ­Kosten und Billigkonkurrenz – überhaupt noch eine Zukunft?
Arnd Kaldowski: Aus meiner Sicht ist es so, dass ein Teil der Fertigung in der Nähe der Entwicklung sein sollte. Wir lancieren etwa alle zwei Jahre von jedem Produkt eine neue Generation. Wir sind also ständig damit beschäftigt, zu entwickeln und zu transferieren. Dabei haben wir uns so aufgestellt, dass wir die wichtigsten Fertigungskompetenzen hier in Stäfa haben. Wenn es dann in die Massenfertigung über die drei, vier Jahre Lebenszyklus eines Produkts geht, nutzen wir tatsächlich die Kostenvorteile in China und Vietnam.

Sonova beansprucht branchenweit die Technologieführerschaft: Woran lässt sich dieser Anspruch festmachen?
Arnd Kaldowski: Wir verfügen über zwei starke Positionen in Bereichen, in denen wir schon lange tätig sind: Der eine betrifft die audiologische Leistung des Hörgeräts. Ausgehend von unseren Chiptechnologien und Algorithmen, verfügen wir diesbezüglich über einen Vorsprung gegenüber unseren Mitbewerbern. Zum anderen sind wir in der Lage, das Hörgerät so zu miniaturisieren und so einfach zu machen, dass der Umgang damit für den Benutzer äusserst angenehm ist – über einen langen Zeitraum. In den letzten zwei, drei Jahren sind weitere Innovationen dazu­gekommen: Das eine sind die wiederaufladbaren Batterien. Hier sind wir ebenso führend wie bei der Konnektivität, also der Verbindung des Hörgeräts zu verschiedenen Endgeräten, wie dem Mobiltelefon.

«Ein Teil der Fertigung sollte in der Nähe der Entwicklung sein.»
Sonova-CEO Arnd Kaldowski

Sonova verfolgt den Anspruch, gutes Hören möglichst vielen Menschen zugänglich zu ­machen. Aber gerade in der Schweiz kann die Anschaffung eines Hörgeräts eine teure ­Angelegenheit sein . . .
Arnd Kaldowski: Es ist wichtig, zu wissen, wie breit der Kostenrahmen pro Hörgerät letztendlich ist. In der Presse wird häufig nur der höchste Preis zitiert. Dabei gibt es eine grosse Bandbreite, auch im Schweizer Markt. Natürlich gibt es die verschiedenen Funktionalitäten, deren Zugänglichkeit von der Höhe des Preises abhängt. Aber unseren Anspruch, den Menschen das Hören zu verbessern, auch jenen, die sich die hohen und höchsten Preise nicht leisten können, da würde ich schon sagen: Den leben wir. Nicht vergessen dürfen wir dabei auch, dass ein Hörgerät zwar relativ hochwertig und kompliziert ist. Aber die weitaus grössere Leistung und Wertschöpfung er­bringen die Fachgeschäfte und die Akustiker bei der Anpassung der Hörgeräte.

Sonova ist – sowohl nach ­Umsatz als auch nach Produkte­palette – immer noch welt­weiter Marktführer: Wie wichtig ist Grösse in Ihrem Geschäft?
Arnd Kaldowski: Grösse um der Grösse willen ist nicht unser Ziel. Aber es braucht eine kritische Masse da, wo es darum geht, ­Investitionen tätigen zu können, wie etwa bei der Produktentwicklung, der Innovation und beim Ausbau des Marktzugangs. Aber ich würde daraus nun nicht ableiten, dass wir in Zukunft nur zukaufen, um grösser zu werden. Es geht darum, das richtige Ziel anzuvisieren, das uns einen strategischen Mehrwert verschafft.

Ist der spezielle Unternehmergeist, den vor allem Andy Rihs bei Sonova geprägt hat, heute überhaupt noch spürbar? Wird er auch unter der neuen ­Führung weiter gepflegt?
Arnd Kaldowski: Was Andy Rihs, sein Bruder Hans-Ueli sowie ­Beda Diethelm mit Sonova als Unternehmen und der damit ­verbundenen Kultur geschaffen haben, ist äusserst eindrucksvoll und hat den Erfolg der Firma erst möglich gemacht. Dieser Pioniergeist ist weiterhin spürbar, etwa in Bezug auf unseren Fokus auf Innovation. Hier bei Sonova spüre ich diesen Puls, diese Begeisterung und den Glauben, dass wir die Welt weiter verändern können. Dazu kommt ein hoher kollaborativer Gedanke. Die Leute arbeiten als Team eng zusammen, mit hohem gegenseitigem Respekt, aber auch durch ein sich gegenseitiges Pushen, was die Inhalte angeht. Das sind Werte, für die auch ich persönlich einstehe.

Claudio Bartesaghi: Wir wären töricht, würden wir diese Werte aufgeben. Die DNA und die Kultur von Sonova sind ein unschätzbarer Wettbewerbsvorteil. Er hebt uns von anderen Unternehmen ab. Wir können von unseren Mitbewerbern lernen, aber kopieren müssen wir niemanden. Ich arbeite nun acht Jahre bei Sonova, und ich spüre dieses Mit­ein­ander hier immer noch, und das, obwohl wir uns stetig verändern, grösser und internationaler werden. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 04.07.2018, 13:54 Uhr

Zu den Personen

Arnd Kaldowski ist seit 1. April 2018 neuer Konzernchef der Stäfner Hörgerätegruppe Sonova. Zuvor war der 50-jährige Deutsche seit 2008 für den US-Industriekonzern Danaher Corporation in diversen Führungsfunktionen tätig. Arnd Kaldowski hat einen Master of Science in Physik an der Technischen Universität Darmstadt und einen MBA der Wirtschaftshochschule Insead in Fontainebleau (Frankreich) erworben.
Claudio Bartesaghi ist seit 1. Oktober 2017 Group Vice President Corporate HRM & Communications – und damit oberster Personalchef – und Mitglied der Konzernleitung von Sonova. Zuvor war der 45-jährige Schweizer Leiter von HRM Sonova Nordamerika sowie Leiter HRM Asia-Pazifik. Claudio Bar­te­saghi verfügt über einen Bachelor of Science von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und einen Master of Advanced Studies in Human Resources Management (HRM) der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Sonova

Sonova mit Hauptsitz in Stäfa ist der weltweit führende An­bieter von Hörlösungen. Dazu zählen neben den Hörgeräten auch Hörimplantate (Cochlea-Implantate) und drahtlose Kommunikationslösungen. Das Retailgeschäft, bei dem audiologische Dienstleistungen angeboten werden, umfasst rund 3500 Standorte in 18 Ländern. Sonova ist im Markt durch die Kernmarken Phonak, Unitron, Hansaton, Advanced Bionics und Audionova vertreten. Hervorgegangen ist die Gruppe aus der im Jahr 1947 in Zürich gegründeten AG für Elektroakustik. 18 Jahre später übernahm Ernst Rihs eine Mehrheitsbeteiligung am Unternehmen und benannte es in Phonak AG um. Kurz darauf traten seine beiden Söhne Hans-Ueli und Andy Rihs ins Unternehmen ein und wurden zusammen mit ­Beda Diethelm gleichberechtigte Aktionäre. Heute ist Sonova in über 100 Ländern vertreten und beschäftigt über 14 000 Mitarbeitende, wovon fast 1200 in Stäfa. Sonova erzielte im ­Geschäftsjahr 2017/18 (per Ende März) einen Umsatz von 2,65 Milliarden Franken.

Zurzeit wird in Stäfa das Personalrestaurant Bistromax für zwei Millionen Franken umgebaut. Die Anzahl der Mittagessen soll von heute 650 auf 1000 ­ansteigen. Die sechsmonatige Umbauphase dauert noch bis Mitte August.

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