Bobsport / Zürichsee

Pilotprojekt zur Nachwuchssicherung

Die Schweizer Spitzenpiloten Beat Hefti und Rico Peter sind beide über 30-jährig. Nachwuchs ist rar, doch mit dem Projekt Monobob soll Abhilfe geschaffen werden.

Der Monobob soll mehr junge Leute in den Eiskanal locken und könnte sich als neue Sportart durchsetzen.

Der Monobob soll mehr junge Leute in den Eiskanal locken und könnte sich als neue Sportart durchsetzen. Bild: Keystone

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Während fünf Jahren hielt Beat Hefti nach der Enttäuschung mit den medaillenlosen Olympischen Spielen 2010 in Vancouver – den ersten seit 1964 – die Fahne des Schweizer Bobsports praktisch im Alleingang hoch. Seit letzter Saison hat mit Rico Peter vom BC Zürichsee ein zweiter Schweizer Pilot Anschluss an die Weltspitze gefunden. Dennoch ist die Nachwuchssituation für die helvetischen Eiskanal-Spezialisten prekär. Während die beiden Deutschen Francesco Friedrich und Johannes Lochner, die letztes Wochenende an der Zweierbob-WM in Igls einen Doppelsieg landeten, 25-jährig sind, feierte Hefti am 3. Februar seinen 38. Geburtstag. Und auch Peter ist bereits 32 Jahre alt.

Bei den Anschiebern ist die Situation ähnlich prekär. In der Not griff Peter auf den Holländer Janne Bror van der Zijde zurück, mittlerweile ist der Aargauer aber auch mit Schweizer Hinterleuten gut aufgestellt. Hefti ergriff im vergangenen Sommer die Initiative und suchte mit einem öffentlichen Casting Anschieber, die natürlich noch nicht Weltcup-Niveau aufweisen.

Mit Sauber entwickelt

Bobsport ist teuer und zeitaufwändig – gerade auch in der Schweiz, wo die Piloten Kleinunternehmer mit grosser Verantwortung sind. Die finanziellen Mittel des Verbands sind – im Gegensatz zu Deutschland – sehr begrenzt. Mit dem Monobob hofft man nun, ein Mittel gefunden zu haben, um mehr junge Leute in den Eiskanal zu bringen. Zum einen darf der Monobob bereits ab 15 Jahren (statt wie bisher 18) gelenkt werden, zum andern muss er nicht mehr vom Nachwuchssportler selbst angeschafft werden. Wie der Name sagt, wird das Gefährt von einer Person angeschoben, gelenkt und im Ziel gebremst.

International ist die Idee daran, sich durchzusetzen. Dieses Wochenende fahren an den Olympischen Jugend-Spielen in Lillehammer erstmals Monobob-Piloten um Medaillen. Die Schweiz ist in Norwegen mit dem 17-jährigen Bündner Marius Schneider und der 15-jährigen Solothurnerin Paulina Götschi am Start. Einen ersten helvetischen Erfolg hat es bereits gegeben. Vor zwei Jahren setzte sich die Zuger Firma SwissBob mit ihrem Gefährt gegen Konkurrenten aus Deutschland, Italien, Lettland und den USA durch. Das Unternehmen stellt nun die Einheits-Schlitten für die internationalen Wettkämpfe. Entwickelt wurden die Formel-1-Autos ähnlichen Monocoque-Chassis in Zusammenarbeit mit dem in Hinwil ansässigen Sauber-Rennstall.

Nur 1000 Franken im Jahr

«Die erste Fahrt in Innsbruck war Horror», blickt Schneider zurück. Er war von Curdin Morell, seinem Sportlehrer am Gymnasium in Schiers, zum Versuch animiert worden. Morell war zweifacher Weltmeister als Anschieber von Gusti Weder, welcher Ende der 80er und in den 90er-Jahren etliche Medaillen für den BC Zürichsee im kleinen und grossen Schlitten einfuhr. Jetzt zählt Schneider in Lillehammer zu den Medaillenkandidaten. Er war einst Kartfahrer, gab den Motorsport aber wegen der zu hohen Kosten auf. Eine Saison im Monobob kostet ihn nun gerade mal rund 1000 Franken.

Das ist für Erich Schärer, Vorstandsmitglied des BC Zürichsee, der Schlüssel zum Erfolg. «Der Bobsport ist aufwändig und teuer. Deswegen finden sich nur wenige motivierte Junge, die den Sprung in diese Sportart wagen», weiss der Olympiasieger von 1980 und fünffache Weltmeister aus Herrliberg. «Mit dem Monobob, mit dem man von verschiedenen Bahnbereichen aus starten kann, soll sich dies nun ändern», sagt Schärer. Der ehemalige Steuermann engagiert sich zusammen mit dem Schweizer Uhrenhersteller Omega, der mehrere hunderttausend Franken in das Projekt investiert. Sein Ziel ist es, dass an möglichst vielen Bahnen Monobobs bereitstehen, um Nachwuchs-, aber auch Freizeitsportler anzusprechen.

Kaum Platz in Weltcup-Serie

Ralph Rüegg, seit 2006 Sportchef des BC Zürichsee, begrüsst den Einsatz seines Vorstandskollegen. «Der Monobob ist ein gutes Instrument für Einsteiger», sagt der einstige Zweier-Pilot (2003 gewann er mit Bremser Beat Hefti in Winterberg EM-Bronze) und Anschieber aus Neuhaus. Der Schlitten sei nicht einfacher zu steuern. «Aber er verzeiht eher Fehler», weiss der 42-Jährige aus eigener Erfahrung. Schon mehrfach ist er in St. Moritz und Igls damit gefahren. «Das ist lässig, für mich aber komisch so alleine», ergänzt er.

Rüegg ist gespannt, welche Zukunft der Monobob hat. «Vielleicht kann er sich wie Skeleton als neue, international anerkannte Sportart durchsetzen», mutmasst er. Der Weg dorthin sei aber noch lang. «Man müsste eine zusätzliche Rennserie in den Weltcup einbauen, was aber wegen den sonst schon engen Zeitfenster schwierig wäre.» Ganz auszuschliessen sei zwar nicht, dass der Monobob eines Tages den Zweier ablöse und der Vierer dann als Mannschafts-Disziplin beibehalten werde. Doch das ist Zukunftsmusik. «Solange der internationale Verband den Einzelschlitten nicht fördert, gerät das Projekt ins Stocken», prognostiziert er.

Olympia-Zukunft offen

Doch dank dem neuen Gefährt werden nun auch Leute Bob-Piloten, die nicht bereits als Anschieber Erfahrung gesammelt haben und entsprechend jünger sind. Wie zum Beispiel Paulina Götschi. Die 15-Jährige aus Bettlach – nicht verwandt mit dem ehemaligen Weltmeister Reto Götschi – gewann bei einem Gemeinde-Duell in ihrem Dorf einen Plausch-Wettbewerb mit einem Anschiebe-Wägelchen auf Rädern und damit eine Taxifahrt in St. Moritz. Die hat sie zwar nie absolviert, dafür setzte sie sich – ebenfalls in Innsbruck – selber an die Lenkseile. In Lillehammer ist sie die jüngste Fahrerin im Teilnehmerfeld.

Ob Monobob dereinst auch olympisch wird, steht in den Sternen. Tatsache ist, dass es wohl den Bobsport internationaler machen würde. Marcel Rohner, ein weiterer ehemaliger Olympia- und WM-Medaillengewinner, leitet die Schweizer Delegation an den Jugendspielen. Er sieht vor allem bei den Frauen Potenzial. «Der Monobob könnte für sie zur zweiten Disziplin neben dem regulären Zweier werden.»

Für Marius Schneider ist hingegen klar, dass er schon bald – wenn möglich noch diesen Winter – erstmals einen Zweierbob pilotieren möchte. Der Horror ist längst zum Traum geworden. An Ehrgeiz fehlt es dem Bündner nicht. «Gold», nennt er sein Ziel klipp und klar. Es könnte einfacher zu erreichen sein als in den kommenden Jahren der Aufbau eines eigenen Bobteams. Das kostet nach wie vor viel Geld. (spg/ddu)

Erstellt: 18.02.2016, 16:35 Uhr

Monobob-Fahrten und Jugendförderung

Der Bobclub Zürichsee schlägt neue Wege ein

In St. Moritz bietet der Bobclub Zürichsee allen Interessierten ab 18 Jahren jedes Jahr an sogenannten «Taxi-Tagen» die Möglichkeit, im grossen Schlitten mit erfahrenen Piloten die Natureisbahn hinunter zu flitzen. Inzwischen hat sich der Klub einen eigenen Monobob angeschafft. In diesem können sich (auch jüngere) Anfänger selber als Steuermann versuchen. «Allerdings kann man nicht einfach einsteigen und losfahren», stellt BCZ-Sportchef Ralph Rüegg klar. Vorgängig seien Instruktionen zwingend notwendig.

Gregor Baumann, seit 2014 Sportchef Nachwuchs des BCZ, hält nächste Woche mit jungen Athleten im Engadin Monobob-Trainings ab. Der ehemalige Spitzenpilot führt mit weiteren Betreuern eine klubübergreifende Bobschule, in welcher künftige Steuermänner und Anschieber professionell und intensiv gefördert werden. (ddu)

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