Stäfa

«Persönlicher Einsatz steht in keiner Zielvorgabe»

Moritz Lechner, Co-Präsident von Sensirion, will die Eigenverantwortung von Mitarbeitenden fördern. Die Aktionäre haben diesen Kurs an der Generalversammlung bestätigt – trotz Kritik.

Sensirion mit Co-Präsident Moritz Lechner verfolgt einen speziellen Ansatz, um Boni im Unternehmen zu vergeben.

Sensirion mit Co-Präsident Moritz Lechner verfolgt einen speziellen Ansatz, um Boni im Unternehmen zu vergeben. Bild: Manuela Matt

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An der Generalversammlung von Sensirion vom Dienstag sind von Stimmrechtsberatern teilweise Ablehnungsanträge zu so zentralen Punkten wie dem Vergütungsbericht gestellt worden: Hat Sie die Opposition überrascht?
Eigentlich nicht. Die Zustimmungsrate zu den Anträgen des Verwaltungsrates betrug ausnahmslos über 94 Prozent. Die Signale der grösseren Aktionäre im Vorfeld der GV waren klar: Sie brachten unisono zum Ausdruck, dass sie unsere Corporate Governance - also die Organisationsform - für richtig erachten. Nur ein Teil der Stimmrechtsberater vertrat in einigen Punkten abweichende Positionen.

Welche sind das?
Es gibt ein paar Sachen, die Sensirion nicht so macht, wie es dem Zeitgeist entspricht. Dies tun wir aus Überzeugung. Letztlich können die Investoren entscheiden, in wen und was sie investieren wollen. Es gab zwei Punkte auf unserer Traktandenliste, die zu Diskussion führten: Einerseits werden bei uns die Boni nicht nach fixen Kriterien vergeben. Bei vielen Unternehmen werden genau messbare Ziele und Vorgaben definiert, die bei Erreichen den Bonus auslösen. Wir verfolgen einen anderen Ansatz.

Wie sieht der aus?
Das Gefährliche am Konzept des «Management by objectives» ist, dass nicht alle relevanten Ziele messbar sind. Also fängt man an, Ziele zu bemessen, die nicht wichtig sind. Aber die Welt ist komplizierter, als sie in drei Zahlen zu beschreiben. Ein Beispiel: Ein Verkäufer hat ein Verkaufsziel mit einem neuen Produkt, der Entwickler bringt es aber nicht rechtzeitig fertig. Der Verkäufer kann nicht verkaufen. Hat der Verkäufer nun deswegen versagt? Ich meine nein.

«Einige sagen,
wir führten die Firma schon fast wie ein Familienunternehmen.»
Moritz Lechner, Co-Präsident, Sensirion

Aber Sie werden doch bei Sensirion sich und Ihren Mitarbeitenden Ziele setzen?
Natürlich. Wir besprechen mit jedem Mitabeitenden seine Ziele und legen sie fest. Einige davon sind auch messbar. Aber bei uns liegt es im Ermessensspielraum des Vorgesetzten, am Schluss, aufgrund des Gesamtbildes, so und soviel Bonus auszuzahlen. Zum Gesamtbild gehört auch der persönliche Einsatz, der in keiner Zielvorgabe steht. Persönliche Verantwortung zu übernehmen, wird heute von vielen Leuten gerne vermieden. Die meisten stützen sich lieber auf klare Vorgaben und ein System ab und verstecken sich hinter einem fixen Mechanismus. Auch die Stimmrechtsberater von Ethos, ISS und Glass Lewis sind Verfechter einer klar messbaren Linie, natürlich auch vor dem Hintergrund von schlechten Erfahrungen mit ein paar schwarzen Schafen in jüngster Zeit, die sich überrissene Löhne ausbezahlt haben.

Stand für Sie nie die Anpassung Ihrer Corporate Governance aufgrund des Drucks aus Aktionärskreisen zur Diskussion?
Wenn die Mehrheit unserer Aktionäre an der GV der Meinung gewesen wäre, unser Modell sei nicht richtig, dann wären wir selbstverständlich über die Bücher gegangen. Schliesslich sind wir eine börsenkotierte Gesellschaft. Dann hätte ich mich gefragt, weshalb wir die falschen Aktionäre haben.

Ihre Aktionäre können Sie sich aber nicht aussuchen.
Bis zu einem gewissen Grad schon. Als wir vor über einem Jahr an die Börse gegangen sind, haben wir allen kommuniziert, wie wir funktionieren. Alle grossen und institutionellen Investoren, wie Fonds und Pensionskassen, erkundigten sich bei uns, wie wir es mit dem «Management by objectives» halten. Wir stellten fest, dass unser Ansatz überall auf ein positives Echo stiess. Wenn das jemand nicht gut findet, dann kann er in eine andere Firma investieren. Von daher haben wir auch die Aktionäre, die zu uns passen.

Was war der zweite Punkt, den die Stimmrechtsberater ins Feld führten?
Felix Mayer und ich als die beiden Co-Präsidenten von Sensirion sowie die Ernst-Göhner-Stiftung und 7-Industries bilden bei Sensirion die Ankeraktionäre, mit einem Aktienanteil von rund einem Drittel. Wir haben uns auf die Fahnen geheftet, langfristig bei der Firma für Stabilität zu sorgen. An der Börse kotiert zu sein hat viele Vorteile, ein Nachteil ist, dass man relativ schnell zum Spielball von kurzfristigen Interessen werden kann.

Das tönt gut: Worauf zielt nun die Kritik von Ethos und Co.?
Es geht um den Einfluss auf die Firma, den man uns unterstellt. Einige sagen, wir führten die Firma schon fast wie ein Familienunternehmen. Eine CS-Studie ist kürzlich aber zum Ergebnis gekommen, dass Firmen mit einem stabilen Aktionariat besser funktionieren und performen, weil sie langfristig denken und planen. Auch hier haben wir die Firma von Anfang an klar positioniert und darauf hingewiesen, dass Felix Mayer und ich das Co-Präsidium bilden und wir aus dem operativen Geschäft kommen. Die Stimmrechtsberater sagen hingegen, der VR-Präsident dürfe nicht aus dem Geschäft kommen, um möglichst unabhängig zu bleiben. Damit müssen wir leben.

Die Kritik ist nicht ganz von der Hand zu weisen.
Die Stärke an einem Ankeraktionariat ist, dass es wie gesagt Stabilität ins Unternehmen bringt. Umgekehrt kann dieser Pool einen bestimmten Kurs weiterziehen, solange er will, eine Änderung ist wegen der Besitzverhältnisse fast nicht möglich. Auch hier haben wir unsere Karten von Anfang an auf den Tisch gelegt und aufgezeigt, wie wir organisiert sind. Die Investoren haben unter anderem genau deswegen in uns investiert, weil sie es als Stärke empfinden, dass Felix Mayer und ich aus dem operativen Geschäft kommen und verstehen, um was es hier geht. Wir werden unseren Weg auch in Zukunft gehen.

Erstellt: 16.05.2019, 14:58 Uhr

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Die in Stäfa beheimatete Sensirion ist 1998 als Spin-off der ETH Zürich entstanden. Seither hat sie sich zu einem weltweit führenden Anbieter von Mikrosensoren und -systemen entwickelt. Gegründet wurde die Firma von Moritz Lechner und Felix Mayer, die das Unternehmen bis 2016 operativ geleitet haben und heute als Co-Präsidenten des Verwaltungsrates fungieren. Im März 2018 ging die Firma an die Börse. Zusammen mit der Ernst-Göhner-Stiftung (EGS) und 7-Industries Hold. bilden Lechner und Mayer das Ankeraktionariat von Sensirion (Aktienanteil: 31%). An der Generalversammlung vom Dienstag stimmten die Aktionäre allen Anträgen des Verwaltungsrates mit grossem Mehr zu. Im Vorfeld der Versammlung hatte ein Teil der Stimmrechtsberater, die zuhanden von institutionellen Investoren Stimmempfehlungen abgeben, ihre ablehnende Haltung zu gewissen Traktanden bekundet, darunter den Vergütungsbericht und die Wahl des Vertreters der EGS in den Verwaltungsrat von Sensirion. (ths)

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