Pro & Kontra

O-Bike-Trend: Zwischen Fortschritt und Ärgernis

Leihvelos haben die Stadt Zürich längst überrollt. Eine Entwicklung, die polarisiert. Auch in den Gemeinden am Zürichsee stehen vermehrt herrenlose O-Bikes herum. Des einen Freud ist hier des anderen Leid.

PRO

Unnötige Aufregung um eine gute Sache

Wie kann man sich über einzelne herrenlose Velos aufregen? Über die Beweggründe der Firma O-Bike kann man durchaus geteilter Meinung sein. Lohnt es sich etwa wirklich, wenn der Nutzer nur 3 Franken pro Stunde zahlt? Oder haben es die Singapurer nicht doch auf die Daten der Nutzer abgesehen? Möglich, doch dass muss jeder Kunde selber abklären und seine Meinung bilden. Doch, dass dieDinger jetzt vereinzelt in den Seegemeinden zu finden sind, dabei kann ich kein Problem sehen.

Dass O-Bikes ausserhalb der Stadt Zürich, dem Hauptgebiet, stehen, kann sogar als Erfolg gesehen werden. Das Projekt Publibike in Rapperswil-Jona wurde wieder abgebrochen. In der Rosenstadt war auch ein Problem, dass die Nutzer die Velos immer wieder an denselben Ort bringen mussten. Es ist doch viel praktischer, wenn man nach hause fahren und an einem anderen Tag wieder mit dem selben oder einem anderen Fahrrad von zuhause aus losfahren kann. Das System funktioniert mehrheitlich. Es ist simpel und praktisch. Ein technischer Fortschritt, von dem sowohl Touristen als auch Einheimische profitieren können. Selbst in der Schweiz hat nicht jeder ein Velo. O-Bikes sind eine günstige Alternative.

Zugegeben, peinlich ist, dass die App offensichtlich nicht alle O-Bilkes anzeigt oder solche zeigt, die gar nicht mehr da stehen. Doch das sind Kinderkrankheiten, wie sie wohl zu jeder Entwicklung dazugehören. Negativ fällt natürlich auch auf, dass die Velos teilweise wochenlang am selben Standort stehen bleiben. Wäre die Betreiberfirma nicht verpflichtet, diese einzusammeln? Aus ökonomischen Gründen ist das bei so wenigen Fahrrädern wenig sinnvoll. Das Einsammeln hat die Firma ausgegliedert. Dass sie nicht jedes Mal zahlen will, wenn ein Velo drei Wochen am Bahnhof Erlenbach rumsteht, ist verständlich.

Im Sommer düfte das eine oder andere der rumstehenden Velos wieder genutzt werden. Da kommt vielleicht ein Badegast auf die Idee mit dem Velo von Küsnacht nach Zollikon zu fahren. Es ist doch positiv, wenn er beim Bahnhof einen fahrbaren Untersatz findet. Jetzt nehmen die Velos ja nicht sehr viel Platz weg. Sicher, im Sommer dürften mehr Velos am Zürichsee zu sehen sein. Entsprechend muss O-Bike dann aber darauf reagieren. Was zum letzten Negativpunkt führt, der vor allem Journalisten aufregt. Die Firma reagiert kaum oder verspätet auf Anfragen. Das gibt natürlich kein gutes Bild ab. Da muss O-Bike über die Bücher. Jedoch gilt es auch hier festzuhalten: Die Firma existiert seit Sommer 2017. Dass noch nicht alles klappt, wie es soll, ist kein Wunder. Pascal Jäggi

KONTRA

Niemand will mit dem Drahtesel am Berg stehen

Den Wind in den Haaren, die Sonne im Gesicht. Was gibt es schöneres als mit dem Velo dem Seeufer entlang zu kurven. Einziger Wermutstropfen: in den meisten Gemeinden rund um den Zürichsee geht es füher oder später einmal bergauf. Nicht erstaunlich also, dass immer mehr Mietvelos an den Bahnhöfen der Region stranden. Denn wer will sich schon mit einem Eingänger den Berg hoch kämpfen. Dank Leihvelos, wie etwa den O-Bikes, ist das aber auch gar nicht nötig. Mit der (Ent)-Sperrfunktion per App lässt sich der Drahtesel kurzerhand abstellen.

Genau das ist aber das Problem. Viele Nutzer lassen die Velos einfach ihrgendwo stehen. Frei nach dem Motto: «Gehört ja nicht mir» oder «Nach mir die Sintflut». Da stehen die Zweiräder dann tagelang, gar wochenlang herum, ohne dass sie jemand nutzt. Kein Wunder, denn die Velos lassen sich für Interessenten oftmals gar nicht mehr orten, wie ein Test offenbarte. Noch einmal ausgeliehen werden sie so nur dann, wenn es der Zufall will und jemand gerade an ihnen vorbeispaziert.

Im Prinzip wäre es ja durchaus wünschenswert, dass der Mensch vermehrt auf alternative Verkehrsmittel umsteigt. Insofern ist die Idee des stationslosen Fahrradverleihs auch nicht verkehrt. Die Firma O-Bike liefert derzeit allerdings das Paradebeispiel, wie man es nicht machen sollte. Denn eigentlich sollte das Unternehmen doch aus eigenem Interesse dafür sorgen, dass die Velos baldmöglichst wieder an einen Standort kommen, wo es potenzielle Mieter gibt. Diesen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand scheinen die Singapurer aber nicht auf sich nehmen zu wollen. Wer so geschäftet, der darf sich dann aber auch nicht wundern, wenn Vandalen sich an den herrenlosen Velos vergreifen.

Selbstgesetztes Ziel der Firma ist es, jedes Fahrrad durchschnittlich dreimal pro Tag zu vermieten. In einer Stadt wie Zürich mit vielen Wochenaufenthaltern ist dieses Vorhaben auch durchaus realistisch. In den Gemeinden am Zürichsee dagegen schlicht utopisch. Wer hier Velofahren will, der hat in seiner Garage längst einen eigenen und mit Sicherheit weistaus praktischeren Drahtesel stehen. Orang-weisse Eingänger braucht hier niemand.

Manch ein Optimist würde an dieser Stelle wohl argumentieren, es handle sich bei den aufgezeigten Schwächen um Startschwierigkeiten. Ist dem so, dann wäre es jetzt an der Zeit für O-Bike dazu zu stehen und alles zu tun, um das eigene Produkt zu verbessern. Denn auch der Goodwill ewiger Optimisten ist irgendwann erschöpft. Fabienne Sennhauser (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.01.2018, 16:40 Uhr

Pro

Pascal Jäggi, Reporter

Kontra

Fabienne Sennhauser, Redaktorin

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