Küsnacht

Oben die Bergler, unten die Studierten

Die SVP Küsnacht feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Alt-Gemeinderat Martin Bachmann hat aus diesem Anlass in den Archiven gewühlt und eine Schrift verfasst. Dabei ist er auch auf Erstaunliches gestossen.

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Der ehemalige Gemeinderat Martin Bachmann (SVP) war zum Zeitpunkt seiner Wahl 2002 kein typischer Repräsentant seiner Partei: Er arbeitete im Kader der Flughafenpolizei und war ein Zugezogner. Während Jahrzehnten hatten Bauern und Gewerbler die SVP Küsnacht im Gemeinderat vertreten. Mathys, Weber, Welti, Freitag, Schulthess, Pfister, Fenner und Brupacher waren Geschlechter, die die Partei über mehrere Generationen prägten.

Bachmann, der seit 1973 in Küsnacht lebt, ist diesen Namen im Zuge seiner Recherche für die Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum immer wieder begegnet. In den vielen Gesprächen, die er geführt hat, in den Protokollen und Zeitungsartikeln, die teils mühsam zusammengesucht werden mussten. So fehlten 20 Jahre an Protokollen, die schliesslich bei einem Mitglied zuhause auftauchten. Unterstützt wurde der 73-Jährige angesichts der Fülle des Materials von Parteikollege Michael Schollenberger, der die Zeit ab 1978 aufbereitete.

«Du gehörst dazu»

Die SVP Küsnacht wurde 1919 als Bauernpartei gegründet, zu einer Zeit, als es noch gut 30 Bauernbetriebe im Dorf gab. Es verstand sich von selbst, dass man der Partei angehörte. Wer es nicht war, erhielt Besuch. «Du gehörst da auch dazu», hiess es dann. Belege für diese unmissverständliche Art der Rekrutierung finden sich in den Protokollen. Erst 1954 war die Zeit reif für eine Öffnung, die sich auch im Namen ausdrückte.

Die Partei nannte sich fortan Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, BGB. Diese existierte damals schweizweit seit 17 Jahren. Die Öffnung lag auf der Hand: Die Anzahl der Bauernbetriebe ging nach dem zweiten Weltkrieg zurück, die Bauern gaben ihr Land auf oder fingen neu an, wie Familie Weber in Uetikon.

«Bereits in den 1950er Jahren hat es in Küsnacht einen enormen Bauboom gegeben», sagt Bachmann, «1962 zählte die Gemeinde bereits 12'000 Einwohner. Das hat mich wirklich erstaunt.» Was der Alt-Gemeinderat ebenfalls aus den Dokumenten herausgelesen hat: «Wir hatten gute Vorväter im Gemeinderat, die während vielen Jahren grössere Grundstücksflächen erwarben.» Deshalb verfüge Küsnacht heute über ein gut durchgrüntes Siedlungsgebiet.

Bislang kein Frau

Der Brückenschlag zwischen Dorf und Berg war immer schon ein wichtiges Thema. Animositäten gab es trotzdem. Oben die Bergler, die sich teils benachteiligt und minderwertig fühlten, unten die Studierten – eine Bezeichnung, die in den Protokollen öfters auftaucht. Man sei stets bemüht gewesen um einen guten Mix und habe Kandidaten aus dem Berg und dem Dorf zur Wahl vorgeschlagen, oder, ab dem Zusammenschluss zur BGB, einen Bauern und einen Gewerbler.

Dass sich bestimmte Namen durch die ganze Parteiengeschichte ziehen, hebt Bachmann als positiv hervor. «Die Väter müssen eine gewisse Vorbildfunktion gehabt haben. Sonst hätten das die Jungen nicht weiter tradiert.» Nur mit den Frauen klappte es nicht. Obschon man ihnen 1969, als das kommunale Frauenstimmrecht eingeführt wurde, sogar den Parteibeitrag erliess. In den Vorstand schafften sie es zwar, aber für den Gemeinderat kandierte noch nie eine SVP-Frau. «Es fand sich bislang leider keine, die sich traute.»

Probleme mit Disziplin

Eine Anekdote streicht der Chronist besonders hervor: Die Bauernvertreter im Gemeinderat wurden, weil sie tagsüber verfügbar waren und meistens schon ein Auto besassen, mit Spezialaufgaben betraut: Sie waren es regelmässig, die bis in die 1970er Jahren, den Steuersekretär in Todesfällen begleiteten, um das Inventar der Verstorbenen aufzunehmen. Was früher ebenfalls anders war: Die Gemeinderäte machten drei bis vier Amtsdauern und bekleideten teils gleichzeitig das Parteipräsidium, was inzwischen nicht mehr üblich ist. Eines aber ist laut Bachmann gleich geblieben: Mit der Versammlungsdisziplin haperte es schon früher. «Wenn nichts Brisantes traktandiert war, sind nur wenige gekommen.»

Ab 1979 nannte sich die Partei SVP, nachdem sie vorher während vier Jahren den Namen SVP-BGB-Mittelstandspartei getragen hatte. Von ihren Wurzeln ist nicht viel geblieben. Heute zählt Küsnacht noch acht Bauernbetriebe und einen Winzer. Im Gemeinderat ist der Bauernstand seit 2002 nicht mehr vertreten. Auch im Vorstand der Partei sind seit Jahren keine Bauern mehr aktiv, der letzte, der das Parteipräsidium innehatte, hörten 2003 auf.

Der Rückzug der Bauern fällt in jene Zeit, die Bachmann für die Küsnachter Partei als schwierigste Phase bezeichnet. Um die Jahrtausendwende seien Spannungen zu Tage getreten, als sich die SVP für Industrielle und das Grosskapital öffnete. «Es gab damals Leute, die sich mit diesen Veränderungen schwer taten und sich zurückzogen», sagt der Alt-Gemeinderat. Inzwischen habe sich die Lage aber längst beruhigt. Bei den Wahlen 2010 und 2014 feierte die Partei mit vier Vertretern im Gemeinderat ihren grössten Triumph.

Willkommene Neue

Zuzüger wie die Kantonsrätin Nina Fehr Düsel oder Nationalrat Roger Köppel sind mit offenen Armen aufgenommen worden. «Küsnacht habe schon immer berühmte Bewohner gehabt», sagt Bachmann dazu nur. Der Vater zweier erwachsener Töchter und zweifache Grossvater klingt in all seinen Ausführungen moderat und überlegt. Die Arbeit an der Chronik war für ihn, so scheint es, genauso Dorf- wie Parteigeschichte.

Warum ist er einst der SVP beigetreten? Ausschlag habe der Konflikt zwischen der Schulpflege und einer Kindergärtnerin gegeben. «Da könnte man die Faust im Sack machen, ausrufen und nichts machen oder selbst aktiv werden.» Bachmann entschied sich für Letzteres und trat – auf Anfrage des damaligen Kantonsrats Ueli Welti – 1986 der SVP bei und war, bevor er in den Gemeinderat gewählt wurde, während 16 Jahren in der Küsnachter Schulpflege tätig.

Am Sonntag, 26. Mai, feierte die SVP Küsnacht ihren 100-Jahr-Jubiläum mit einem Puurezmorge. Er findet von 10 bis 14 Uhr auf dem Bauernhof von Roger Müller an der Bunzenhalde 17 statt. Festredner ist Roger Köppel. Der Brunch kostet 25 Franken pro Person.

Erstellt: 21.05.2019, 17:46 Uhr

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