Stäfa

Nur 6 von 144 Lesegesellschaften haben überlebt

Die Lesegesellschaft Stäfa wird 200 Jahre alt. Zusammen mit Wädenswil, Horgen, Bülach, Stammheim und Zürich ist sie eine der letzten von einst 144 Lesegesellschaften: ein Vergleich.

Die Lesegesellschaft übergab ihre teils historische Büchersammlung 2010 der Stadt Wädenswil.

Die Lesegesellschaft übergab ihre teils historische Büchersammlung 2010 der Stadt Wädenswil. Bild: André Springer

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Ein Jahrhundert dauerte es bis die kulturelle Selbstbestimmung in fast allen Zürcher Gemeinden angekommen war. Die ersten Lesegesellschaften (LG) wurden in Wädenswil und Stäfa 1790 gegründet. Die Stäfner Vereinigung wurde allerdings nach Niederschlagung des Protests gegen die Bevormundung durch die Stadt Zürich («Stäfner Memorial») und nach der Besetzung mit Zürcher Truppen 1795 verboten wurde. Es folgten Richterswil und Wollishofen 1798, Horgen 1802, Zürich 1808 und Thalwil 1810.

Bis 1830 kamen sieben weitere LG dazu, darunter in Bülach (1818) und die Neugründung in Stäfa 1819. «Der eigentliche Höhenflug setzte ab 1830 ein», wie Alfred Messerli, Historiker an der Universität Zürich, an der 200-Jahr-Feier der LG Bülach vor einem Jahr vorrechnete. Am Ende des Jahrhunderts waren im Kanton Zürich 144 Lesegesellschaften aus der Taufe gehoben worden.

Mit dem Aufkommen der politischen Parteien und beruflichen Vereinigungen war die Zeit dieser Gesellschaften abgelaufen. Entweder sie öffneten sich und orientierten sich neu, oder sie verschwanden. Heute sind noch sechs übrig geblieben: Stäfa, Wädenswil, Horgen, Bülach, Stammheim und die Museumgesellschaft Zürich.

«Exklusiver Lesezirkel»

Die LG Wädenswil wurde 1790 gegründet und war ein Kind ihrer Zeit und der Aufklärung. Nach der französischen Revolution von 1789 ging es den Herren des Bürgertums vor allem um eines: Sie wollten diskutieren. Politische Debatten wurden «frei von aller behördlichen und pfarrherrlichen Bevormundung» geführt, heisst es in der Eigenbeschreibung auf der Website. Der dörflichen Oberschicht diente die LG daher zunächst als politischer Club, der sich über das Tagesgeschehen ausgiebig Gedanken machte. Dieses Elitäre eines exklusiven Lesezirkels haftete ihr noch lange an.

Das Elitäre eines exklusiven Lesezirkels haftete ihr noch lange an.

Heute, mehr als zwei Jahrhunderte später spiegeln die rund 260 Vereinsmitglieder der LG einen Querschnitt der Wädenswiler Bevölkerung wider. Um ein Mitglied zu sein, braucht es keinen Zugang zur Oberschicht mehr als vielmehr einen zur Literatur. Die LG Wädenswil lädt regelmässig Autorinnen, Schriftsteller und andere Personen ein, die sich gerne und intensiv mit Literatur beschäftigen. Auch Musik, Kleintheater, Sprechpoesie oder politische Diskussionen finden ihren Platz. Die Zeit und das Geschehen zu reflektieren, ist nach wie von Bedeutung - die LG Wädenswil hat ihren Auftrag noch immer.

Ortshistoriker Peter Ziegler schrieb zum 200-Jahr-Jubiläum 1990: «Der Grund dafür, dass die LG Wädenswil immer noch existiert, ist zur Hauptsache, dass aus der anfänglichen Bücher-Einkaufsgenossenschaft und dem zugehörigen Lesezirkel eine gute Bibliothek herausging, die die Lesegesellschaft über die Jahrhunderte führte.» 2010 wurde die Bibliothek der Stadt Wädenswil übergeben und wird seither als Stadtbibliothek im alten Feuerwehrdepot geführt.

«Berüchtigt mit Paten»

Nach der Gründung der LG Horgen 1802 sprach man von einem «sehr berüchtigten Klub von sogenannten Freiheitsmännern», der den Obervögten «zu besonderer Aufsicht» empfohlen wurde. Die Französische Revolution fand auch in der Alten Eidgenossenschaft starke Beachtung und weckte in aufgeklärten und benachteiligten Bevölkerungsgruppen Hoffnungen auf eine Reform der bestehenden Herrschaftsverhältnisse. 1802 wurde aus dem «Klub» die LG. In den Familien zirkulierten die früher verbreiteten Lesemappen, die nach einer Woche weitergegeben werden mussten. Die Mitglieder, fast alles Männer, versammelten sich aber im Hinterstübchen des Stammlokals, wo heftig diskutiert wurde. Wenn jemand von ihnen - oder der Wirt - angezeigt worden wäre, wäre er im Gefängnis gelandet. Es konnten also nur ganz sichere Kandidaten aufgenommen werden, präsentiert von zwei «Paten» und mit einstimmigem Beschluss.

«Wir wollen eine führende Kulturinstitution in Horgen sein.»Christian Looser, Präsident LG Horgen

Die LG Horgen besteht heute aus circa 130 Personen. «Politisch engagiert sind wir auch heute noch», sagt Präsident Christian Looser. So lädt sie bekannte Persönlichkeiten ein, um zu aktuellen politischen Themen zu sprechen. Literatur, Weltpolitik, Gesellschaftliches und Erkenntniserweiterung seien Orientierungspunkte. «Wir wollen eine führende Kulturinstitution in Horgen sein», sagt er

Looser weiss, weshalb die LG Horgen immer noch existiert. «Sie hat sich seit der Gründung vor 217 Jahren laufend dem gesellschaftlichen Wandel angepasst.» Mit dem Aufkommen von politischen Parteien, von beruflichen Vereinigungen und der öffentlichen Presse wandelte sich der «berüchtigte Klub von sogenannten Freiheitsmännern» zu einem offenen Verein von Mitgliedern, die sich für ein breites Spektrum literarisch-kultureller Veranstaltungen interessieren.

«Gespür für Wandel»

Dass die 1794 und nach dem Verbot 1795 im Jahr 1819 erneut gegründete LG Stäfa bis heute überlebt hat, ist nicht selbstverständlich. Präsident Richard Diethelm erklärt: «In der bewegten 200-jährigen Geschichte des Vereins gab es sowohl im 19. Jahrhundert, als auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Phasen, in denen die LG beinahe sanft gestorben wäre.» Doch in jeder dieser kritischen Phasen übernahmen Stäfner Persönlichkeiten im Vorstand das Ruder, die ein Gespür für sich wandelnde, im weitesten Sinne kulturelle Bedürfnisse in der Stäfner Bevölkerung hatten und durch neue Initiativen die Aktivitäten der LG darauf ausrichteten.Denn mit der Zürcher Verfassung 1831 waren die wichtigsten, am Ustertag 1830 eingeforderten Rechte der Landbevölkerung verwirklicht.

Die Mitglieder erkannten daher, dass sie in den Zielsetzungen des Verein die Akzente stärker auf die Förderung der Bildung des Landvolkes, auf die Bewahrung des kulturellen Erbes und kulturelle Veranstaltungen legen mussten.In der Mitte des 20. Jahrhunderts formte die LG die drei noch heute bestehenden Pfeiler ihrer Aktivitäten als Kulturverein heraus: das 1947 eröffnete Museum zur Farb, die 1961 eröffnete Bibliothek Stäfa und das 1966 begründete alljährliche Konzert- & Theaterprogramm.

Unter Leitung von Walter Kobelt, der die LG von 1966 – 1996 präsidierte, wandelte sich der Verein zudem von einem elitären Club bürgerlich Gesinnter, «die im Dorf etwas zu sagen hatten», zu einem politisch ungebundenen Publikumsverein. Mitte der 1990er Jahre erreicht er den bisherigen Höchststand von 1400 Mitgliedern, heute sind es rund 850.Ein Grundsatz des Gemeinderats hilft: Die Gemeinde tritt nicht selbst als Veranstalterin von Kulturanlässen auf, sondern unterstützt private Träger von kulturellen Aktivitäten finanziell. «Unsere Vereinsfinanzen sind gesund», sagt Präsident Diethelm, «auch das hat bisher unser Überleben gesichert.»

Erstellt: 24.04.2019, 13:18 Uhr

200 Jahre Bildung und Kultur

Die Lesegesellschaft Stäfa feiert dieses Jahr ihren 200. Geburtstag als Verein. Sie hat mit ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Wirken wesentlich die politische Entwicklung der Region und des Kantons Zürich beeinflusst. Diese Zeitung begleitet das Jubiläum mit einer Artikelserie. Bisher erschienen: «Erst mit Lesen beginnt die Demokratie»

Bülach – Stammheim - Zürich

Drei der sechs noch bestehenden Lesegesellschaften Im Kanton Zürich liegen ausserhalb der Region Zürichsee.
Die LG Bülach wurde 1818 gegründet als ein literarischer Zirkel. Heute betreibt sie mit ihren rund 230 Mitgliedern im Auftrag der Stadt die Stadtbibliothek, das Ortsmuseum und führt die Ortschronik. Ausserdem gibt sie im eigenen Verlag ortskundliche und lokalhistorische Schriften heraus, veranstaltet in der Bibliothek literarische Abende, lädt zu Besichtigungen ein und bietet einen literarischen Lesezirkel an.

Die LG Stammheim, gegründet 1842, zählt heute 343 Mitglieder. Laut Präsident Christoph Walt hat sich die Lesegesellschaft gewandelt, der «revolutionäre Geist von einst» ist einer guten, vielfältigen Kultur gewichen. Auch heute noch trägt sie durch das Führen der Bibliothek und des Ortsmuseums sowie mit Veranstaltungen wie Konzerten, Lesungen, Theater oder Vorträgen zur kulturellen Bildung im Stammertal bei.

Die Museumsgesellschaft Zürich wurde 1834 vom Bildungsbürgertum im Geist des Liberalismus gebildet. Sie war von Anfang an ein «Verein von Personen aller Stände», offen für Mitglieder (ab 1894 auch für Frauen) verschiedenster politischer, konfessioneller und sozialer Herkunft und Ausrichtung. Sie betreibt im eigenen Haus am Limmatquai einen grossen Lesesaal, eine Ausleihbibliothek und seit dem Jahr 1999 das Literaturhaus Zürich. Die Museumsgesellschaft Zürich hat heute 1269 Mitglieder.

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