S-Bahn

Noch steigen Wenige auf die S20 um

Technisch und fahrplanmässig erlebt die neue Entlastungslinie S20 am rechten Ufer einen makellosen Einstand. Doch voll sind immer noch die Züge der S7. Das liegt vor allem an der Gewohnheit und auch an der Unwissenheit der Fahrgäste.

Am Dienstagmorgen um 06:38 fuhr erstmals die neue S20 ab Stäfa Richtung Zürich. Sie soll künftig während den Stosszeiten die überfüllte S7 entlasten.
Video: Martin Steinegger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer am Morgen die S7 Richtung Zürich nimmt, muss standfest sein. Die S-Bahn am rechten Ufer füllt sich in Stäfa und Männedorf, ab Uetikon braucht es Glück, um noch einen Sitzplatz zu finden. Ab Meilen ist zu den Stosszeiten die Aussicht auf eine bequeme Fahrt zur Arbeit gering. Das soll sich mit der S20 ändern. Seit Dienstag verkehrt die Entlastungslinie viermal morgens ab Stäfa mit Halt in Männedorf, Meilen, Küsnacht, Stadelhofen, Zürich HB und Hardbrücke. Abends federt sie den Pendlerstrom seeaufwärts mit drei Zügen ab – Viertelstundentakt zu den Spitzenzeiten. Die ZSZ war an der Premiere dabei.

6.15 Uhr auf dem Perron in Stäfa. Wenige Personen warten auf die S7, die um 6.23 nach Zürich und Winterthur abfährt. Die S20, die eine Viertelstunde später kommt, liegt für eine Dame nicht drin. «Ich muss heute auf den Anschlusszug in Zürich um 7 Uhr nach Genf, da wäre ich mit der S20 zu spät dort.» Aber für den Alltag könnte die neue Linie für sie eine Option sein. «Das ist eine gute Idee, hängt aber von meinem Tagesplan ab», sagt sie. Ein Herr ist heute nur ausnahmsweise mit der S-Bahn unterwegs. «Aber für unsere Tochter ist die S20 ideal, sie tritt im August eine Lehrstelle in Küsnacht an.» Eine junge Pendlerin bedauert, dass die S20 für sie zeitlich ungünstig verkehrt. «Ich muss vor 7 Uhr in Zürich sein.»

6.23 Uhr: Die S7 fährt gut besetzt ab. Die nächsten auf dem Perron werden die Premierenpassagiere der neuen Linie sein. Zu ihnen gehört ein Mann, für den die S20 ein Segen ist. «Ich kam nicht so gut aus dem Bett, aber das ist heute unwichtig.» Früher musste er rennen, um den Anschluss nach Winterthur nicht zu verpassen. «Eine Viertelstunde später reicht mir nun immer noch.»

6.30 Uhr: Die erste S20 fährt in Stäfa ein. Die Leuchtschrift am Wagen wechselt von «Fahrzeug geschlossen» auf «S20 Hardbrücke». Ein junger Mann freut sich über die paar Minuten mehr Schlaf. «Mit der S7 musste ich früher aufstehen.» Einer Frau passt ebenfalls die Abfahrzeit besser in den Morgenablauf. «Ich musste bisher einen Zug früher nehmen. Jetzt habe ich mehr Zeit und ausserdem fahren weniger Leute mit der S20, wie es scheint.» Ein Mann mittleren Alters sagt: «Es ist Zufall, dass ich jetzt hier stehe. Ich war einfach zu früh dran für die S7.» Von der S20 habe er natürlich schon gehört. «Aber die Abfahrtszeiten konnte ich mir nicht merken.» Ein anderer Passagier freut sich über die neu gewonnene zeitliche Flexibilität: Man müsse sich nun nicht mehr auf die halbstündlich fahrende S7 versteifen, sondern könne irgendwann von zu Hause los. «Um die Zeit eben, zu der ich gerade aufgestanden bin.» Aufgefallen ist ihm, wie leer der Bus war, mit dem er zum Bahnhof fuhr. «Ich war praktisch der einzige Passagier.»

6.41 Uhr: In Männedorf steigen nur wenige Fahrgäste zu, dasselbe um 6.47 Uhr in Meilen: Die erste S20 fährt zu zwei Dritteln leer weiter in die Stadt.

6.53 Uhr: In Stäfa fährt die nächste S7 ein. Der Bus hat zuvor eine grosse Menschenmenge zum Bahnhof gebracht. Warum haben all die Leute diese Linie gewählt, obwohl bekannt ist, dass sie sehr ausgelastet ist? Eine Pendlerin zuckt mit den Schultern. «Wahrscheinlich schlicht aus Gewohnheit», sagt sie.

7.00 Uhr: Die zweite Kurs der S20 fährt in Stäfa ein. Der Zug steht hier acht Minuten, bevor er die Reise nach Zürich antritt. Es steigen etwas mehr Passagiere ein als noch vor einer halben Stunde. Durchschnittlich sitzt in einem Abteil eine Person. In Meilen gibt es immer noch freie Sitzplätze. «Schön, wie viel Platz man hier drin hat», sagt eine Frau zu ihrem Partner. Ansonsten unterscheidet sich nicht viel von der S7: Alle sind mit sich selbst oder mit ihrem Handy beschäftigt. Im Wagen herrscht teils Grabesstille.

7.23 Uhr: Die S20 hält in Küsnacht. Es steigen wenig Leute ein und aus. «Komisch, dass der Zug jetzt auch in Küsnacht hält», sagt eine Schülerin, die das Pendeln in der S7 gewohnt ist, zu ihren Kolleginnen. Sieben Minuten später hält der Zug im Stadelhofen. Der Wagen leert sich fast vollständig. «Krass, das sind ja nur Schüler, die diesen Zug benützen», sagt ein Jugendlicher, der grosszügig die zahlreichen Erwachsenen übersieht, die zur Arbeit pendeln.

7.23 Uhr: Um die gleiche Zeit ist der Bahnsteig in Stäfa voll, die S7 füllt sich sofort. Das bedauert eine Frau. «Ich habe es vergessen, dass heute schon die S20 fährt, sonst hätte ich sie vor einer Viertelstunde genommen.» Immerhin komme es ihr jetzt doch etwas komfortabler vor. Üblicherweise würden jetzt schon Einige in der S-Bahn stehen. «Ich freue mich auf den nachlassenden Dichtestress im Morgenverkehr, auch im Bus war es schon viel besser», sagt sie.

7.33 Uhr: In Meilen finden in der S7 einige Passagiere keinen Sitzplatz mehr. Sie müssen nun bis Stadelhofen stehen. Das haben sich eine Uetikerin und ein Uetiker erspart: Sie sind mit dem Bus nach Meilen gefahren, um mit der nächsten S20 um 7.46 Uhr bequem zur Arbeit zu fahren. «In Uetikon muss man als Erste in den Wagen steigen, sonst sind die Sitzplätze weg», sagt sie. Er schätzt die neu gewonnene Gelassenheit am Morgen. «Ich habe Freude an der neuen S-Bahn-Linie, ich benutze sie ab heute bewusst, weil ich weniger Hektik erwarte.» Die beiden kommen ganz auf ihre Rechnung: Die S20 verlässt mit genügend freien Sitzen Meilen – welch ein Kontrast zur S7 eine Viertelstunde zuvor. In Küsnacht steigen nur wenige zu, das Platzangebot kommt den meisten Reisenden wie Luxus vor. «Wunderbar viel Platz haben wir», sagt eine Frau zu ihrem Gegenüber, «ist man sich gar nicht gewöhnt um diese Zeit.»

8.03 Uhr, Zürich HB: Der Rush ist vorbei, die S20 hat ihre Bewährungsprobe bestanden. Wenn es sich auch herumgesprochen hat, wie viel bequemer es sich darin zur Arbeit pendeln lässt, wird sie ihren Zweck noch besser erfüllen als am Premierentag. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.06.2019, 15:59 Uhr

SBB und VZO ziehen positive Bilanz

Die SBB zeigen sich nach dem ersten Tag mit der S20 zufrieden. «Wir sind fahrplanmässig gut gestartet», sagt Mediensprecher Reto Schärli. Zur Auslastung kann er sich noch nicht detailliert äussern. Dass die neue S20 am ersten Tag noch nicht so gut frequentiert worden ist wie die S7, überrascht allerdings auch ihn nicht. Es brauche jeweils eine gewisse Zeit, bis sich Passagiere an ein neues Angebot gewöhnen würden. «Am Anfang sind neue Linien oft eine Weile ein Geheimtipp», sagt Schärli. Allerdings glauben die SBB, dass es sich bei der neuen Linie an der Goldküste nicht lange so verhält. «Denn die S20 wurde hier sehnlichst erwartet.»

Sorgfältig beobachtet

Eine neue S-Bahn-Linie verlangt auch, dass die ÖV-Reisekette mit dem Bus fein erschlossen wird. Die Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland (VZO) kauften daher drei Busse für Zusatzfahrten zur S20 und bauten den Fahrplan aus. Die Morgenkurse auf den Linien 950/951/952 zum Bahnhof Stäfa sowie auf den Linien 921 und 925 nach Männedorf und Meilen hätten problemlos funktioniert, berichtet Joe Schmid, Leiter Angebot und Markt der VZO. «Es ist gelaufen wie geplant, wir sind sehr zufrieden.»

Das Busunternehmen schickte wie auch die SBB, welche beispielsweise in Stäfa die Pünktlichkeit der S20 überprüfte, Personal zur Beobachtung in die Busse und an die Bahnhöfe. Die Zusatzkurse seien mit bis zu 15 Fahrgästen belegt gewesen, erklärt Schmid von den VZO. In den randvollen Bussen zur S7 mit 50 bis 100 Passagieren in den Gelenkbussen brachte das schon eine Entlastung.

Mehr Platz stösst auf Freude

Bei einem neuen Angebot brauche es immer eine gewisse Zeit, bis es rege genutzt werde, sagt zudem auch Schmid. «Wir sind mit der Nutzung am ersten Morgen sehr zufrieden.» Es wurde nämlich festgestellt, dass die ersten Fahrgäste auf den Zusatzkursen bewusst und in Kenntnis der neuen S-Bahn-Linie umgestiegen seien. Diese hätten sich positiv geäussert, vor allem, weil ihnen viel mehr Platz als üblich zur Verfügung stand, fügt der Marketingleiter der VZO an.

Artikel zum Thema

Das müssen Sie zur neuen S20 wissen

Verkehr Am 11. Juni fährt erstmals die S20 von Stäfa nach Zürich. Mit der neuen Verbindung in die Stadt soll die chronisch überfüllte S7 am rechten Zürichseeufer entlastet werden. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben