Hombrechtikon

«Nichts reizt mich so sehr wie das Westernreiten»

In Hombrechtikon befindet sich auf dem Hof Hotwiel ein Westernreit-Idyll. Dort bereitet sich Adrienne Speidel auf die Weltmeisterschaften im «Reining» vor. Eine Sportart, die auch bei uns immer populärer wird.

Adrienne Speidel demonstriert mit ihrem WM-Pferd Punky auf ihrem Hof in Hombrechtikon, wie ein Sliding Stop auszusehen hat.

Adrienne Speidel demonstriert mit ihrem WM-Pferd Punky auf ihrem Hof in Hombrechtikon, wie ein Sliding Stop auszusehen hat. Bild: Michael Trost

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Im schnellen Galopp jagt das Pferd diagonal durch die Reit­halle. Dem Zuschauer stockt der Atem: Kann der Braune, der von einer zierlichen Frau mit Cowboyhut geritten wird, rechtzeitig bremsen, bevor er in die Hallenwand donnert? Punky kann – und wie er es kann. Seine Reiterin Adrienne Speidel ruft kurz «Whoa», als der Wallach auch schon seine Hinterbeine schräg in den Boden stemmt, sodass der Sand nach ­allen Seiten stiebt. Bei dem sogenannten Sliding Stop fährt das Pferd im Bruchteil einer Sekunde von hundert auf null herunter. Auch einem Laien dürfte nach dieser Vorführung klar sein, mit klassischer Dressur hat Reining, die Dressurdisziplin des Westernreitens, nichts zu tun. Nicht nur das Outfit von Reiterin und Pferd ­– Punkys Zaumzeug ist neckisch nur über ein Ohr gestülpt –, auch die Art des Reitens unterscheidet sich fundamental vom althergebrachten sogenannten Englisch-Reiten.

Adrienne Speidel, die in Hombrechtikon den Pensionsstall Hotwiel betreibt, ist landesweit eine der besten Reining-Reite­rinnen. Die 33-Jährige startet für die Schweiz an den Weltmeisterschaften, die vom 11. bis 13. August im waadtländischen Givrins auf der Ranch von Corinna Schumacher, der Frau von Michael Schumacher, stattfinden. Schumacher-Tochter Gina Maria ist selbst eine ausgezeichnete Reining-Reiterin und gewann letztes Jahr die Europameisterschaften der jugendlichen Reiter.

Speidel lieferte bei den letztjährigen Europameisterschaften der Elite das Streichresultat der Schweizer Mannschaft, doch dieses Jahr startet sie mit einem neuen Pferd. Auch bei SL Lil Cow Punky, der nur Punky genannt wird, handelt es sich wie bei ihrem letzten Pferd um ein Quarter Horse. Diese amerikanische Rasse eignet sich besonders gut fürs Westernreiten. Die Ausgangslage vor der WM ist nun dank Punky eine ganz andere.

Frau Speidel, wie haben Sie Ihr neues Pferd gefunden?
Adrienne Speidel: Ich habe im Januar auf Facebook gefragt, ob mir jemand ein Pferd ausleihen könnte. Eigentlich war es eher als Scherz gedacht, aber ich habe ­viele Rückmeldungen bekommen und so Punky gefunden. Als ich ihn Probe geritten habe, hat es sich gut angefühlt. Ausserdem bin ich mit ihm an zwei Turnieren gestartet, an denen es gut lief. Punky habe ich aber nur ausgeliehen, seine Besitzerin will ihn leider nicht verkaufen.

Wie würden Sie Punky ­beschreiben?
Er ist im Gegensatz zu meinem vorherigen Pferd Chexylution sehr introvertiert. Punky ist eher vorsichtig und hat einen lieben, ehrlichen Charakter. Da könnte man jedes Kind draufsetzen. Als ich ihn bekommen habe, gab es einige Situationen, in denen er nervös wurde, richtig Angst bekommen hat. Offensichtlich muss er früher Gewalt erlebt haben – er hat eben seine Geschichte.

«Trainieren in unserer Halle ist wie Skispringen im Wohnzimmer.»Adrienne Speidel,
Reiningreiterin

Was wurde aus Chexylution?
Chexylution hat ein sehr labiles Nervenkostüm. Bei der letztjährigen EM habe ich sogleich gemerkt, wie er in sich zusammensackt. Die vielen Menschen, die Reizüberflutung, das war alles zu viel für ihn. Zugleich ist er aber das talentierteste Pferd, das ich kenne. Genie und Wahnsinn liegen bei ihm nahe beieinander. Viele Leute haben mir nach der EM geraten, ihn zu verkaufen. Aber das könnte ich nicht. Er bleibt auf dem Hof und darf ein entspanntes Jahr erleben. Dann schauen wir weiter.

Wie haben Sie sich auf die WM vorbereitet?
Nach den Turnieren bin ich öfters ausgeritten und habe nicht mehr so hart gearbeitet. Trainieren in unserer Halle ist schwierig, weil sie zu klein fürs Reining ist. Es ist ein wenig wie Skispringen im Wohnzimmer. Deswegen bin ich auch oft bei meinem Trainer Grischa Ludwig in Deutschland. Anfang Juli durften wir als Schweizer Kader zudem auf der Anlage von Corinna Schumacher trainieren. Der Aufwand hat sich gelohnt: Es ist ein völlig anderes Gefühl, wenn man schon einmal am Austragungsort geritten ist. Ich fühle mich sicherer, weil ich die Anlage kenne. Wenn ich mich sicherer fühle, fühlt Punky sich auch sicherer.

Was haben Sie als Reiterin für Ziele an dieser WM?
Das Ziel wäre es, ins Finale vom Samstag zu kommen. Aber das wird schwierig. Die notwendige Punktezahl wäre schon die maximale Leistung meines Pferdes.

Was ist das Faszinierende am Reining?
Reining ist eigentlich eine deprimierende Sportart, weil man dermassen präzise arbeiten muss und schnell ein Fehler passieren kann. In dem Punkt ist es ähnlich wie Eiskunstlaufen. Aber vielleicht macht gerade das die Faszination aus: Diese Perfektion erreichen zu können. Faszinierend ist auch, was die Pferde mit ihrem Körper machen können. Reining infiziert einen wie ein Virus.

Andere Pferdesportdisziplinen wie Springsport oder Dressur ­haben Sie nie gereizt?
Nein, eigentlich nicht. Ich schaue gerne einem guten Springreiten zu oder gehe an ein Pferderennen oder Poloturnier, aber es reizt mich nicht gleich wie das Westernreiten. Wenn ich einen Reining-Reiter sehe, dann weiss ich, dass ich das will.

Sie konnten wahrscheinlich reiten, bevor Sie laufen konnten?
Ich bin hier auf dem Hof aufgewachsen. Schon von klein auf bin ich aufs Pferd gesetzt worden. Aber richtig zu reiten, fängt man eigentlich erst mit etwa 13 Jahren an. Zuvor ist es eher ein Spielen. Zum Westernreiten kam ich, weil meine Mutter ein Quarter Horse gekauft hat, als ich sechs Jahre alt war.

Bilden die Übungen des Reinings das ab, was Cowboys tagtäglich im Sattel anwenden?
Ja, das ist so. Reining kommt von den Cowboys, die Rinder treiben und dann schnell anhalten oder wenden müssen. Auch das einhändige Reiten kommt daher, weil der Cowboy in der einen Hand den Zügel und in der anderen das Lasso hält.

«Schon von
klein auf bin ich
aufs Pferd gesetzt
worden.»
Adrienne Speidel, 
Reiningreiterin

Könnten Sie mit Punky oder ­Chexylution Rinder treiben?
Es werden Kurse mit Rindern ­angeboten. Mit den Kühen kann man die Stopps und Wendungen viel besser üben, weil das Pferd die Aufgabe, den Sinn des Ganzen begreift. Mit Chexylution habe ich letztes Jahr einen solchen Kurs besucht. Er ist ein sehr intelligentes Pferd und hat toll mitgemacht.

Er hat lieber eine Weide voller Rinder als ein Stadion voller ­applaudierender Zuschauer?
(lacht) Genau! Aber mit Punky habe ich noch nie mit Rindern ­gearbeitet.

Sind Sie auch schon in den USA, dem Geburtsland des Reinings, geritten?
Ja, als Jugendliche hatte ich die Chance, auf verschiedenen Ranches in den USA bei der Arbeit mit den Rindern zu helfen.

Spielt der Lifestyle des Wilden Westens auch sonst eine Rolle in Ihrem Leben?
Ich selbst mag Countrymusik, höre aber auch anderes. Und ich liebe die landschaftliche Weite in Westernfilmen. Es wäre ein Traum, eines Tages auf eine Ranch nach Kanada zu gehen. Aber nur, wenn alles hier zusammenbricht. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 03.08.2016, 17:54 Uhr

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