Weinbau

Netz schliesst Arbeit im Rebberg ab

Wer will schon die Früchte seiner Arbeit verlieren? Die Winzer wappnen sich mit Netzen gegen diebische Stare. Sie zeigen an, dass die Trauben bald reif für die Ernte sind. Doch der Schutz darf nicht zur Falle für Vögel und Igel werden.

Winzer Rico Lüthi zieht das Netz straff über die Reben und lässt am Rand zwei Handbreiten über dem Boden Platz, damit das Netz nicht zur Falle für Tiere wird.

Winzer Rico Lüthi zieht das Netz straff über die Reben und lässt am Rand zwei Handbreiten über dem Boden Platz, damit das Netz nicht zur Falle für Tiere wird. Bild: Michael Trost

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Als ob Verpackungskünstler Christo die Landschaft eingewickelt hätte. So sieht es im Frühherbst in den Rebbergen aus. Sie sind mit blauen Netzen überspannt. Der Wind lässt sie sanft tanzen wie die Wellen auf dem Zürichsee. Solch poetische oder künstlerische Vergleiche liegen dem Männedörfler Winzer Rico Lüthi fern, wenn er sein eben vollendetes Werk der eingenetzten Rebparzellen lakonisch kommentiert: «Es ist nicht der lustigste Job im Winzerjahr.» Vor allem hat er nichts mit dem eigentlichen Handwerk des Winzers zu tun: Reben zu kultivieren und qualitativ hochstehenden Wein zu produzieren.

Aber diese Arbeit ist notwendig um gefrässigen Vögel davon abzuhalten, sich an den Trauben zu bedienen. Vor allem Stare laben sich gerne an den süssen Früchten. Ein grosser Schwarm kann in kurzer Zeit zentnerweise Früchte fressen, schreibt die Forschungsanstalt Agroscope. Diese Vögel picken wahllos in den Trauben und können riesigen Schaden anrichten. Sie dezimieren also nicht nur den Ertrag, sondern hinterlassen wegen der verletzten Beeren Brutstätten für Fäulnis. Die wiederum lockt Wespen und andere Schädlinge an.

Oben dicht, unten straff

Lüthi beschreibt, wie es beim Einnetzen zugeht. Ein Mitarbeiter geht mit einer fünf bis sechs Meter langen Stange zwischen den Reben voran. Am Rücken trägt er eine Tause mit dem Netz. Dahinter folgen ihm links und rechts zwei Helfer, die das Netz auf einer Breite von rund 14 Metern über die Rebstöcke spannen. «Sie sollten möglichst gleich gross sein und koordiniert arbeiten, sonst verheddert sich das Netz in der oberen Rebzeile statt straff gespannt zu sein», erklärt der Winzer. Dann folgt die nächste Bahn. Sie wird so gezogen, dass sie sich mit dem zuvor montierten Netz überlappt. Clips verbinden die Teile und verhindern, dass der Wind Lücken öffnet. Das ergibt den geschlossenen Vogelschutz. «Ja nicht lose hängen lassen», sagt Lüthi. Das gilt sowohl für das Dach im Netzbau als auch am Boden. An den Seiten wird darum das Netz in tief im Erdreich steckenden Ankern eingehängt. Der Winzer dreht das Ende zu einem Zopf bis es fest wie eine Zeltplane hält.

Blau sehen Vögel besser

Fast 30 Stunden pro Hektar dauert diese Knochenarbeit. Die Akribie im Netzbau hat einen zweiten Grund: Tierschutz. Das Netz darf keine Falle für Igel sein. Darum muss das Ende am Boden eingerollt und gespannt sein. Und die Vögel sollen zwar abgehalten, jedoch nicht im Netz gefangen werden. Die Farbe ist kein Zufall. «Blaue Netze sehen die Vögel besser als gelbe oder schwarze», sagt Lüthi. Kleinere Vögel wie Meisen schlüpfen zwar durch die 4 Zentimeter grossen Maschen, sie verursachen aber keinen nennenswerten Schaden. «Die Stare hingegen sind eine echte Plage», meint er.

Zur Sicherheit kontrolliert der Winzer die ersten drei bis vier Tage nach der Montage die Netze regelmässig. Dann hätten sich die Vögel daran gewöhnt und machten mangels Erfolgsaussichten einen Bogen um den geschützten Rebberg. Ganz vor Löchern gefeit ist das Maschenwerk aber nie. Frei laufende Hunde können Lücken ins Netz reissen. Lüthi zuckt mit den Achseln. «Wir können nicht Tag und Nacht die Netze überprüfen.»

Ab jetzt ein Fall für die Sonne

Der Männedörfler verwendet wie die meisten Winzer Einwegnetze. Rund 800 Franken pro Hektar Rebland kosten sie laut Agroscope und werden gleich nach der Abnahme als Abfall entsorgt. Mehrwegnetze sind wiederverwendbar, kosten aber etwa ein Drittel mehr und müssen jedes Jahr wie Fischernetze geflickt und sorgfältig gelagert werden. Hagelnetze sind die teuerste Variante, sie decken seitlich die Traubenzone ab. Ausserdem ist die Montage aufwändiger als jene der weichen Netze.

Welches System auch verwendet wird: Die Netze über den Reben signalisieren eine entscheidende Phase im Winzerjahr. Die Menschenarbeit an den Reben ist vollendet. Oder wie es Rico Lüthi ausdrückt: «Jetzt kommt nur noch Feinschliff.» Ab nun liegt es alleine an der Sonne und am Wetter, wie die Trauben bis zum Wümmet reifen.

Rico Lüthi (49) bewirtschaftet in Stäfa und Ürikon 2 Hektar Rebland mit Räuschling, Riesling x  Madeleine Royal (Riesling  x Silvaner ), Scheurebe, Pinot Gris, Pinot Noir und Cabernet-Sauvignon. Lüthi lebt in Männedorf und keltert seine Weine selbst in einer Keller-WG in Obermeilen. www.luethiweinbau.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 22.09.2016, 13:40 Uhr

Zug- und Standvögel

Schutz und Abschreckung

Gegen gefrässige Vögel gibt es viele Methoden, um sie von den reifenden Trauben fernzuhalten. Gegen alle Vögel nützen am besten Netze, die über und seitlich den Reben gespannt werden. Das hält Zugvögel wie Stare aber auch standorttreue Vögel wie Amseln fern. Amseln fliegen von Waldrändern seitlich in die Reben. Gegen sie würde es daher genügen, die Rebparzelle nur auf der Seite mit Netzen zu verhängen.

Es gibt weitere Unterschiede zwischen Stand- und Zugvögeln, die sich auf Abwehrmassnahmen auswirken, wie die Forschungsanstalt Agroscope in einem Merkblatt festhält. Mit Helium gefüllt Ballone etwa schweben wie Drachen über dem Rebberg. Stare halten sie für Greifvögel, deshalb meiden die gefürchteten Schwärme diese Gebiete. Standvögel hingegen lernen aus der Gewohnheit und lassen sich von Ballonen, Vogelscheuchen, blinkenden CD-Girlanden oder Plastikbändel kaum mehr abschrecken.

Gleiches gilt für pyroakustische Vogelabwehrmassnahmen. Regelmässig Knall verursachende Geräte e verscheuchen Stare, nicht aber die ansässigen Standvögel. Die Knallerei ist im dicht besiedelten Züribiet ohnehin verpönt, weil sie Lärmklagen von Anwohnern auslöst. Am Zürichsee eignen sich Knallanlagen und Traubenhut (Schreckschusswaffen) auch nicht, weil diese vor allem für grosse, durchgehende Reblagen praktisch sind. Hier aber ist der Weinbau meist auf kleinere Parzellen verstreut, was den personellen wie materiellen Aufwand ausufern liesse. (di)

Weinbau am Zürichsee

Ein Kalenderjahr im Rebberg und im Keller: Die ZSZ widmet dem Weinbau in der Region eine ganzjährige Artikelserie. Sie beginnt und ­endet mit dem Wümmet. Dazwischen sollen die verschiedensten Aspekte dieses Landwirtschaftszweiges gezeigt und erklärt werden – vom Anbau über die Pflege der Trauben bis zum Keltern; vom Hagel bis zum Schädling; vom Entwerfen der Etikette bis zum Abfüllen und Verkauf; vom Wert der Rebberge als Naherholungsgebiet bis zum Siedlungsdruck. (di)

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