Prozess

Mutmasslicher Vergewaltiger soll ins Gefängnis

Eine Frau zeigt ihren Ehemann wegen Vergewaltigung an, will danach aber nicht gegen ihn klagen. Die Staatsanwältin jedoch fordert eine Strafe sowie einen Landesverweis für den Ausländer.

Das Bezirksgericht Meilen hat sein Urteil noch nicht gefällt.

Das Bezirksgericht Meilen hat sein Urteil noch nicht gefällt. Bild: Archiv Manuela Matt

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Was im Schlafzimmer geschehen ist, weiss niemand. Die Versionen von Ehefrau und Ehemann unterscheiden sich grundsätzlich. Eine Frau aus dem Bezirk Meilen geht zur Polizei, weil ihr Mann sie vergewaltigt haben soll. Ebenfalls soll es im vergangenen Jahr zu zwei weiteren sexuellen Übergriffen gekommen sein – dies, nachdem die beiden schon seit einiger Zeit getrennt waren, aber immer noch miteinander Kontakt hatten. Er sagt, das sei alles nicht wahr.

Der Beschuldigte, 46-jährig und in Bosnien zur Welt gekommen, war am Mittwoch am Bezirksgericht Meilen wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung angeklagt. Aber nicht von seiner Ehefrau – sie hat die Anzeige inzwischen zurückgezogen. Vielmehr strebt die Staatsanwältin das Verfahren an, weil es sich um ein Offizialdelikt handelt und somit – vorausgesetzt, die Vorwürfe treffen zu – geahndet werden muss.

Enormer psychischer Druck

Das mutmassliche Opfer ist somit als Zeugin vorgeladen und nicht als Klägerin. Sie schildert, immer wieder unter Tränen, was sich aus ihrer Sicht ereignet hat. Ihre Ausführungen, wie ihr Mann sie ins Schlafzimmer gezogen, wie er sie ein anderes Mal im Lift und in der Küche belästigt haben soll, sind detailliert. Sie erzählt auch, wie sehr sie sich von ihrem Mann fürchtete und dass sie als Kind von ihrem Grossvater missbraucht worden sei – seit Jahren scheint auf der Frau ein enormer psychischer Druck zu lasten.

Widersprüchlich mag es da erscheinen, dass sie ihre Anzeige plötzlich zurückgezogen hat. Und seltsam mutet es an, dass sie nach den Vorfällen trotzdem mehrmals gemeinsam mit ihrem Mann und den Kindern in die Ferien fuhr. Vom Richter darauf angesprochen, sagt sie: «Ich tat dies alles wegen der Kinder. Sie tun mir leid. Für mich selber habe ich nie geschaut.» Auch sagt sie aus, ihr Mann habe sie dazu gedrängt, die Anzeige zurückzuziehen. Und er setze sie unter Druck, damit sie sich weiterhin sehen würden. «Ich hätte lieber weniger Kontakt zu ihm.»

Anders nimmt der Beschuldigte, der sich aufgrund einer ausserehelichen Beziehung von seiner Frau getrennt hat, das aktuelle Verhältnis zwischen ihnen wahr. Nach den Vorfällen, deretwegen er vor Gericht steht, hätten sie sich wieder versöhnt, sagt er. Er verzeihe seiner Frau, dass sie ihn angezeigt habe. Ihre Vorwürfe aber versteht er nicht.

«Sie hat nichts gesagt»

Seit Jahren schon, sagt sie, habe sie nicht mehr mit ihm Geschlechtsverkehr haben wollen. Sie habe es einfach über sich ergehen lassen. Zwar habe sie oft Nein gesagt, aber er habe dies nicht akzeptiert oder ignoriert. Er hingegen sagt: «Ich habe nie bemerkt, dass sie nicht will. Sie hat auch nichts gesagt.» Das Gericht und der Verteidiger wollen es genau wissen. Warum hat sie sich bei den drei besagten Vorfällen, um die es in der Verhandlung geht, nicht stärker gewehrt? «Ich hätte sowieso keine Chance gehabt», sagt sie schluchzend. Er habe sich immer geholt, was er wollte.

Ähnlich sieht es die Staatsanwältin. Sie spricht von einer «Disbalance des gegenseitigen Respekts». Der Beschuldigte habe sich um die Wünsche seiner Gattin foutiert, selbst dann, als sie sich gewehrt habe. Sie forderte eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 32 Monaten. 12 Monate müsste der Beschuldigte im Gefängnis absitzen, die übrige Strafe würde bei einer zweijährigen Probezeit aufgeschoben. Überdies beantragt die Anklägerin einen Landesverweis des Ausländers für sieben Jahre.

Rache als Motiv?

Der Verteidiger fordert einen Freispruch. Die Aussagen der Geschädigten seien nicht glaubhaft. Vielleicht habe sie sich rächen wollen, weil ihr Mann sie betrogen habe. Zudem sagt er: «Selbst wenn sie innere Widerstände gegen den Geschlechtsverkehr hatte, gab sie diesen zu wenig stark Ausdruck.»

Die ganztägige Verhandlung ist ohne Urteil zu Ende gegangen. Das Gericht will dieses in den nächsten Wochen eröffnen.

Erstellt: 16.10.2019, 21:34 Uhr

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