Küsnacht

Museumsbesucher werden in Kriminalfall verwickelt

Wer derzeit im Ortsmuseum Küsnacht die Dauerausstellung besucht, kann ein schweizweites Pionierprojekt testen. Dies mit dem Hörspiel «Mord im Museum».

Kuratorin Elisabeth Abgottspon und Hörspielautor Stefan Schmidlin testen das neue Angebot im Ortsmuseum Küsnacht.

Kuratorin Elisabeth Abgottspon und Hörspielautor Stefan Schmidlin testen das neue Angebot im Ortsmuseum Küsnacht. Bild: Manuela Matt

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Im Küsnachter Ortsmuseum herrscht Ausnahmezustand. Es wird ermittelt wegen einer Vermissten. Mord, Selbstmord oder harmlose Abwesenheit – alles scheint möglich. Nur Tina Fasnacht ist sich sicher: Ihre beste Freundin ist umgebracht worden, und zwar auf grausame Art.

Gisèle Käuzchen ist diese beste Freundin. Ein Küsnachter Urgestein, wenn man so will. In Form eines ärmellosen Umhangs aus Eulenfedern gehörte sie – bis zu ihrem Verschwinden – zur Dauerausstellung des Museums. Da war sie die treue Nachbarin von Tina Fasnacht. Die wiederum ist Tänzerin am Maskenball im örtlichen Hotel Sonne, festgehalten auf einem Foto der Fünfzigerjahre.

So extravagant diese und weitere Charaktere hinter den Objekten sind – so fiktiv sind sie und mit ihnen der ganze Aufruhr im Museum. Davon erfahren aber nur die Besucher etwas, die ein mit Kopfhörer verbundenes I-Pad behändigen. Deren fünf liegen seit Kurzem am Empfang auf. Sie sind bespielt mit dem interaktiven Hörspiel «Mord im Museum» – und damit Teil eines Schweizer Pionierprojekts.

Eines von drei Museen

«Games@museums» heisst das Projekt, das der Förderfonds Engagement Migros initiiert hat. «Dies mit dem Ziel, Dauerausstellungen und Sammlungen von Museen mit unterhaltsamem Spielen neue Zugänge zu verschaffen», sagt Marc Griesshammer. Der stellvertretende Leiter des Stadtmuseums Aarau wirkt als Bindeglied zwischen den am Projekt Involvierten. Das sind neben den Verantwortlichen von Engagement Migros einerseits die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und ihr Genfer Pendant, die Kunsthochschule HEAD. An diesen wurden 35 erste Spielideen entworfen.

Andererseits sind da die Museen mit ihren spezifischen Anforderungen. So hat man in einer ersten Testphase am Stadtmuseum Aarau von den ursprünglichen Ideen vier ausgewählt. Dass dies in Aarau geschehen ist, war kein Zufall, hat sich das Museum doch mit seiner Ausstellung «PLAY» intensiv mit dem Thema Spielen und digitale Vermittlung befasst.

Mittlerweile sind die damals auserkorenen Projekte zu vier Prototypen entwickelt worden. Für sie steht eine weitere Testphase an – hierbei nun beteiligt sich das Ortsmuseum Küsnacht: Es ist eines von drei Museen, in denen die Spiele im realen Ausstellungsbetrieb getestet werden.

Historische Fakten

«Mord im Museum» des ZHdK-Absolventen Stefan Schmidlin ist ein für das Ortsmuseum geschriebenes Stück – wenngleich die Grundidee mit der interaktiven Struktur des Hörspielkrimis dieselbe ist wie in der Aarauer Testphase. Für die inhaltliche Adaption hat sich der 41-Jährige diesen Frühling während zwei Monaten in das Material der Küsnachter Dauerausstellung eingelesen. Denn, das Hörspiel soll durch das Unterhaltende hindurch auch Wissen vermitteln. So eröffnet sich zu den Exponaten ein neuer Zugang nebst dem bisher rein Textlich-Visuellen, indem diese immer wieder historische Fakten über sich hören lassen.

Neue Sichtweisen entstehen zudem, weil der Lauf des Spiels vom Hörer selber bestimmt wird. «Der Krimi führt die Spieler in Gestalt von Detektiv Bissig zu verschiedenen Objekten», erklärt Schmidlin, «dabei verlangen Weggabelungen immer wieder nach einer aktiven Entscheidung.» Je nach gewählten Pfaden dauert das Hörspiel zwischen 20 und 40 Minuten. Die technische Handhabung ist für den Anwender denkbar einfach: Kleine Sender bei den Exponanten, sogenannte Beacons, registrieren dessen Standpunkt. -«Auch wenn sich der Benutzer länger nicht bewegt, nimmt das das Gerät wahr», sagt Schmidlin, «und gibt dann Hinweise, wie er mit dem Spiel weiterfahren könnte.»

Stimmen von Kulisse

Eingespielt haben das Hörspiel Mitglieder der Küsnachter Schauspielgruppe Kulisse. «Ein Glücksfall», sagt Museumskuratorin Elisabeth Abgottspon. «Die Aufnahmen wurden vor Ort gemacht, führt sie aus, «dabei sorgt der eigene Klangteppich des Raumes für zusätzlichen Lokalkolorit.»

Mit der Teilnahme an der Prototypenphase wollen sie und das Projektteam nun sehen, wie sich das Hörspiel für kleine Museen mit eingeschränkten Öffnungszeiten und einem vorab ehrenamtlichem Team bewährt. Denn, eine Anforderung an die Spiele sei, dass man sie in allen Arten von Museen einsetzen könne, sagt Koordinator Griesshammer. «Auf die einmal entwickelte Grundanwendung sollten auf einfache Weise die spezifischen Inhalte zu installieren sein.» Und zwar so, dass diese nach Bedarf erneuer- oder anpassbar seien.

Die Prototypenphase läuft noch bis Ende September; dabei ist auch die Meinung der Museumsbesucher gefragt. Wie es dann mit dem Hörspiel weitergeht, wird bei Engagement Migros entschieden.

Ortsmuseum Küsnacht, Tobelweg 1, Küsnacht. Öffnungszeiten am Mittwoch, Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr.

Erstellt: 15.07.2019, 16:07 Uhr

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