Stäfa

Mit Jägern auf gewehrloser Pirsch

Im Frühling zählen die Jagdgesellschaften im Kanton Zürich die Rehe auf ihrem Gebiet. Die ZSZ war mit den Stäfnern auf der Pirsch – ohne Gewehr.

Als erstes ruft Stefan Schleich immer die Polizei an: «Schleich, Jagdaufseher Stäfa, Revier 68, wir sind heute bis etwa 23 Uhr unterwegs auf Wildzählung mit Licht.» Die Gewehre haben er und sein Kollege Martin Eberle an diesem Abend zu Hause gelassen. Bewaffnet sind die beiden Jäger für einmal nur mit Feldstechern und starken Scheinwerfern. Und weil letztere die Aufmerksamkeit neugieriger Bürger auf sich ziehen, müsse man die Einsätze im Vorfeld bei der Polizei anmelden, erklärt Schleich, der Obmann des Jagdbezirks Pfannenstiel und Jagdaufseher im Revier Stäfa ist.

Im schwachen Licht der Abenddämmerung stehen die beiden Männer auf dem Parkplatz an der Stäfner Aberenstrasse. Es ist 20:30 Uhr. Nur wenige Minuten später wird es stockdunkel sein. Schleich setzt sich ans Steuer, Eberle nimmt neben ihm auf dem Beifahrersitz platz. Auf einem Formular hält er Datum, Zeitpunkt und Wetter fest.

Bestand konstant halten

Schleich lenkt den Geländewagen Richtung Risi. Die Reifen knirschen auf dem Feldweg. Die Dunkelheit legt sich wie ein schwarzes Tuch über die Landschaft und verschluckt Formen und Farben. Ausser der Fahrbahn unmittelbar vor dem Auto erkennt man nichts. Schleich bremst und fährt an den Strassenrand. Eberle zückt den Scheinwerfer und schwenkt das Licht auf und ab. Aus dem offenen Fenster dringt frische Luft ins Wageninnere. Es riecht nach Frühling.

Dann tauchen wie aus dem Nichts in der Ferne sechs reflektierende Augen auf – «Lichter» wie es im Jägerjargon heisst. Drei Rehe äsen friedlich am Waldrand. Weder vom Auto noch vom Licht lassen sich die Tiere aus der Ruhe bringen. Es scheint fast so, als wüssten sie, dass die Jäger an diesem Abend nicht auf gebratenen Rehrücken aus sind.

«Jägersein bedeutet eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit der Natur.»
Stefan Schleich, Obmann Jagdbezirk Pfannenstiel

«Kannst du sie ansprechen?», fragt Eberle Schleich. Wie bitte, fragen sich Journalistin und Fotograf auf der Rückbank. Schleich steigt nun aber nicht etwa aus dem Auto, um mit den Tieren nähere Bekanntschaft zu schliessen. Stattdessen greift er zum Feldstecher. «Ein Tier anzusprechen, heisst es zu identifizieren», erklärt er. Männliche Tiere haben ein Geweih und werden als Böcke bezeichnet. Weibchen nennt man Geisse. Eberle notiert die Beobachtung in der Tabelle. «Wir fahren jedes Mal genau die gleiche Strecke ab», erklärt der Obmann der Stäfner Jagdgesellschaft. Ziel der Zählung ist es, den Wildbestand zu erfassen und zu kontrollieren. Der Vergleichbarkeit wegen wird immer an den gleichen Orten gezählt. Anhand der Zahlen wird die Abgangsquote festgelegt. Für das rund 300 Hektar grosse Jagdrevier in Stäfa sind dies etwa 20 Rehe pro Jahr. An diesem Abend sehen Eberle und Schleich 33 Tiere. Gemäss früheren Zählungen wird der Stäfner Bestand auf 38 Rehe geschätzt. «Die Abgangsquote scheint vielleicht hoch, aber man darf nicht vergessen, dass jedes Jahr Jungtiere geboren werden», sagt Schleich. Das Ziel sei es, den Bestand konstant zu halten.

Schiessen ist nicht alles

Die Zählungen finden jeweils zwischen Mitte März bis Ende April statt, weil die Rehe dann «im Sprung» sind – sich also in Gruppen bewegen und das Gras noch kurz ist. Später im Sommer, wenn die Muttertiere ihre Jungen bekommen, sondern sie sich von ihren Artgenossen ab. Gezählt wird nicht etwa tagsüber im Wald, sondern in der Dämmerung, wenn sich die Tiere zum Äsen auf offene Flächen wagen.

Beim Naturschutzgebiet Auen taucht im Lichtkegel plötzlich ein weisses Hinterteil – in Jägerjargon «Spiegel» genannt – auf. «Das passt mir gar nicht», sagt Schleich. Das Tier steht nur wenige Meter von der Kreuzung entfernt, wo die Brunisbergstrasse in die Weidholzstrasse mündet. Gefahren wird auf der Schnellstrasse 80 km/h. «Hier müssen wir im Herbst jagen, sonst kommt es zu Unfällen.»

«Wir fahren jedes Jahr genau die gleiche Strecke ab.»
Martin Eberle, Obmann Jagdgesellschaft Stäfa

Der Jäger als Beschützer. Der Jäger als Tierquäler. Weiter könnten die Meinungen nicht auseinander gehen. Das zeigt auch die Initiative «Wildhüter statt Jäger». Die Initianten fordern, dass die Milizjagd im Kanton Zürich verboten und durch ein professionelles Wildtiermanagement ersetzt wird. Die Forderung ist auch an diesem Aprilabend ein Thema. «Wieso sollte man etwas professionalisieren, was im Milizsystem gut funktioniert», fragt Schleich und erntet von Eberle zustimmendes Nicken. Das Schiessen auf die Tiere sei zudem anders als gemeinhin angenommen der kleinste Teil der Jagd. Bis zu vier Anrufe erhielten die beiden Jäger pro Woche aus der Bevölkerung – etwa wegen Mardern oder Füchsen, die sich zu weit in das menschliche Territorium vorwagen. «In solchen Fällen helfen wir unentgeltlich», sagt Schleich.

Die Grünröcke befinden sich mitten im Abstimmungskampf. Am Rückfenster des Geländewagens ist ein grosser Kleber mit dem Abstimmungsslogan angebracht, der Journalistin drücken die beiden Broschüren in die Hand. «Jägersein bedeutet eine intensive und ganzheitliche Auseinandersetzung mit der Natur», sagt Schleich. Dazu gehöre das frühe Aufstehen genau so wie die Kälte und das stundenlange Beobachten.

Mit geübtem Auge

Der Staub der Landstrasse tanzt im Scheinwerferlicht. Für einen Moment sieht man wieder nichts. Als die Wolke sich setzt, erscheinen am Strassenrand zwei rötliche Punkte. «Das ist ein Fuchs», sagt Eberle ohne zu zögern. Nur wenige Meter von Meister Reineke ist eine Katze am mausen und eine Gruppe von Rehen «im Lager» – also am Wiederkäuen.

Mit Leichtigkeit erkennt das geübte Auge eines Waidmannes, was dem Laien verborgen bleibt. Als der Scheinwerfer nach zweieinhalb Stunden wieder erlischt und die Kreaturen der Nacht wieder sich selbst überlässt, bleibt die Erkenntnis: Die Dunkelheit ist nicht leer – in der Nacht ist die Welt nur eine andere. (Linda Koponen) (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 27.04.2018, 14:53 Uhr

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