Küsnacht

Mit Ho’oponopono den Gottesdienst gestaltet

Der erste Hawaii-Gottesdienst begeisterte am Sonntag die zahlreichen Kirchgänger in Küsnacht. Sie erhielten Einblick in die lebendigen Traditionen der Reformierten auf den amerikanischen Pazifikinseln.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer wie jeden Sonntag den Gottesdienst in der reformierten Kirche besuchte und nichts von Pfarrer Andrea Marco Biancas Idee wusste, dürfte nicht schlecht gestaunt haben, als ein barfüssiger Mann im Hawaiihemd Ukulele spielend und singend zwischen den Sitzreihen hervortrat. Kumu Keala Ching ist ein hawaiischer Songwriter, Hula-Tänzer sowie -lehrer und zugleich eine Art Botschafter für die kulturelle wie spirituelle Tradition seiner Heimat. Genau diese ist es, die den Küsnachter Pfarrer seit einem Besuch so beeindruckt, dass er den gestrigen Taufsonntag zu einem Hawaii-Gottesdienst machte.

Gemeinsam mit Gastprediger Olaf Hoeckmann-Percival von der Waimea United Church of Christ in Kauai, Hawaii, dem hawaiianischen Musiker und Tänzerinnen wie Sängerinnen von «Aloha Spirit» aus Meilen entstand etwas ganz Neues, das die zahlreich erschienen Kirchengänger begeisterte.

Besondere Taufe

Dass ihre Taufe etwas ganz Spezielles war, wird die kleine Vivien einmal nur aus Erzählungen wissen. Kumu Keala Ching und die Sängerinnen und Tänzerinnen des «Aloha Spirit», ein Zentrum für hawaiische Körperarbeit und Kultur in Meilen, sangen, als das Baby zum Taufstein getragen wurde. Pfarrer Bianca hatte sowohl Gastprediger Olaf Hoeckmann als auch die Paten des Täuflings und Kumu Keala Ching gebeten, Wasser aus ihrer Heimat mitzubringen. Nebst St. Galler Hahnenburger wurde das Mädchen entsprechend auch mit Süsswasser aus Hawaii und Kalifornien sowie Wasser aus dem Pazifik getauft. Besonders dem Salzwasser wird in Hawaii eine reinigende Wirkung nachgesagt. Vivien schien das Ganze trotzdem etwas suspekt zu sein.

Biancas ehemaliger Kommilitone Hoeckmann-Percival, den er während des Studiums in Kalifornien kennenlernte, lebt seit vielen Jahren auf Hawaii, wo das Christentum auch unter den indigenen Hawaiiern die vorherrschende Religion ist. Die Reformation setzte sich auch im «Aloha State» durch, wo sich im Gegensatz zu uns die Tradition mit den Menschen stetig veränderte. «In Hawaii ist es wichtig, sich kein allzu enges Bild von Gott zu machen», sagte Bianca.

Ritual zur Aussöhnung

In seiner Gastpredigt brachte Hoeckmann den Anwesenden Ho’oponopono, ein traditionelles Verfahren der Hawaiier zur Aussöhnung und Vergebung, nahe, das sich in etwa mit «in Ordnung bringen» übersetzen lässt. Besonders wichtig sei hierbei, Probleme wie Streitigkeiten unverzüglich zu regeln, also so lange die darin verwickelte Person noch zugegen sei.

Welch grosse Auswirkungen solch eine sofortige Auseinandersetzung – mit sich wie mit dem anderen – haben kann, merkte der Pfarrer, als er einmal einen Drogendeal unter Jugendlichen direkt vor der Kirche verhinderte. In einem der Jungen erkannte er den Enkel eines Mitgliedes seiner Gemeinde und klärte ihn darüber auf, dass er jetzt nicht die Polizei anrufe, sondern dessen Grossmutter. Und die bewirkte wohl mehr als das, wozu die Gesetzeshüter imstande gewesen wären. Dass sie den Jungen buchstäblich ins Gebet nahm und ihm aber auch gehörig die Kappe wusch, brachte für ihn einen Wendepunkt in seinem Leben. Mittlerweile hilft er ehrenamtlich Bedürftigen.

Auch wenn Ho’oponopono längst nicht immer so gut funktioniert, verdeutlicht dieses religiöse Brauchtum auch einen wichtigen Aspekt von hawaiischer Kultur und Gedankengut. Dieses Bedürfnis nach Harmonie spiegelt nichts besser – und vor allem schöner – wider als Musik und Tanz. Kumu Keala Ching war mit seiner Ukulele und kraftvollen Stimme während des ganzes Gottesdienstes immer wieder präsent und brachte vom ersten Ton an ein Paradies-Feeling von Sonne, Meer und guter Laune in die Kirche, das die Zuhörenden den kalten Regen draussen schnell vergessen liess.

«So anders und spirituell»

Die Tänzerinnen und Sängerinnen von «Aloha Spirit», darunter auch dessen Inhaberin, Leiterin und Mitbegründerin Noëlle Delaquis, rundeten die künstlerische Darbietung ab. Die ruhigen, fliessenden Bewegungen und das Lächeln berührten die Anwesenden. «Das war so ein wunderschöner Gottesdienst, Herr Pfarrer», gratulierte eine Kirchgängerin Bianca. «So anders und spirituell.» Der erste Hawaiigottesdienst ist für alle Beteiligten durchwegs geglückt. Einem zweiten dürfte nichts im Wege stehen.

Erstellt: 03.07.2017, 16:57 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben