Stäfa

«Mit der Zeitung hat man der Region eine eigene Stimme gegeben»

Theodor Gut gehört zur dritten und letzten Generation der Familie, welche die «Zürichsee-Zeitung» geprägt hat. Der 71-jährige Stäfner sieht die ZSZ und die Lesegesellschaft Stäfa als wesensverwandt: Beide dienten der Region als eigenständiges Sprachrohr.

«Auch Schimpfen kann ein Beitrag zum Diskurs sein»: Theodor Gut.

«Auch Schimpfen kann ein Beitrag zum Diskurs sein»: Theodor Gut. Bild: Keystone

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Kann man die ZSZ als Kind der Lesegesellschaft bezeichnen?
Die Lesegesellschaft beschloss 1844, mit dem «Wochenblatt vom Zürichsee» – der nachmaligen ZSZ – ab 1845 eine Zeitung herauszugeben. Anfangs war sie auch Verlegerin. Daher ist klar: Die ZSZ ist ein Kind der Lesegesellschaft.

Hätte es eine ZSZ auch ohne die Lesegesellschaft gegeben?
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im Kanton Zürich viele Zeitungen gegründet, zum Beispiel der linksufrige «Anzeiger vom Zürichsee». Das war eine spannende Zeit nach dem Ustertag und der neuen Zürcher Kantonsverfassung bis zur Gründung des Bundesstaates 1848. Diese politische Entwicklung hat die Menschen bewegt und es gab ein grosses Bedürfnis nach Informationen. Es ist daher anzunehmen, dass im Bezirk Meilen sonst jemand eine Zeitung gegründet hätte. Ob daraus genau diese ZSZ geworden wäre, wie sie dann entstanden ist, bleibt offen.

Von welchem Geist waren die Gründer des «Wochenblatts vom Zürichsee» getragen?
Die Grundgedanken waren der Liberalismus und die neuen politischen Strömungen. Ausserdem wollte man der Region eine eigene Stimme geben.

«Die Region hatte plötzlich ein Sprachrohr und eine Diskussionsplattform.»Theodor Gut

War das eine Art Selbstbehauptung gegenüber der Stadt?
Ja, das Gewicht der Landschaft gegenüber der Stadt wurde verstärkt. Es ging auch um die Unabhängigkeit bei der Verbreitung von Informationen.

Waren die in der Kirche verlesenen Nachrichten – der Kirchenruf – nicht unabhängig?
Nein, der Kirchenruf wurde von der Stadt vorgegeben. Damals verlas am Ende der Predigt der Pfarrer die öffentlichen Verlautbarungen. Man erfuhr also erst nach mehreren Stunden in der Kirche, was in der Welt passiert ist, was politisch beschlossen wurde, wann die Maikäfersammlung im Dorf ist. Von dieser Art der Information hatten die Menschen genug. Sie wollten etwas anderes, sie wollten eigenständige Informationen erhalten.

Hat die ZSZ zur Entwicklung der Region, zur Demokratie beigetragen?
Ich bin überzeugt, dass diese Zeitung viel Positives zur Entwicklung der Region gebracht hat. Zur Information kam ja auch die Möglichkeit zur Meinungsbildung. Die Region hatte plötzlich ein Sprachrohr und eine Diskussionsplattform.

Wie wichtig ist die Information aus der Region für die Region?
Informationen über Trump, Putin und Xi Jinping findet man überall. Aber die Diskussion über die Gemeindeversammlung in Männedorf, ein Bauprojekt in Horgen, Streit im Juniorenfussball findet man nur in der ZSZ. Darum braucht es sie, weil den Bürgerinnen und Bürgern nirgendwo anders Grundlagen zur Meinungsbildung geboten werden, um mitzuentscheiden über das, was sie im Alltag betrifft.

Nimmt diese Funktion «aus der Region für die Region» ab?
Objektiv nein, aber subjektiv sagen viele, sie würden ja alles im Internet finden. Die Frage darf gestellt werden, wer von der Gemeindeversammlung berichtet, wenn nicht gut ausgebildete und bezahlte Journalisten. Darum betrachte ich es als gefährlich, wenn das Internet als informatives Allheilmittel angesehen wird. Die bezahlte Zeitung bürgt für Seriosität, weil sie unabhängig von den politischen Entscheidungsträgern ist. Die ZSZ ist keine Parteipostille, sondern eine Zeitung, die geprägt ist von einer liberalen, offenen Grundhaltung ohne Interessensbindung.

Muss eine Regionalzeitung heute andere Funktionen erfüllen als zu Vor-Internet-Zeiten?
Im Internet geht es um grosse Dinge, das Kleine geht dort meist verloren. Dabei ist gerade das scheinbar Kleine entscheidend für die Lebensqualität. Selbst wenn es nur um Kleinigkeiten wie Blumenrabatten und Öffnungszeiten von Strandbädern geht: Zuerst muss man die Informationen haben, bevor man sich aufregen kann. Auch Schimpfen kann ja ein Beitrag zum Diskurs sein. Darum bleibt die Regionalzeitung unverzichtbar, weil sie Dinge im Alltag erfasst, die im Internet kaum Beachtung finden.

«Die Uraufgabe ist und bleibt: aus der Region für die Region.»Theodor Gut

Die ZSZ ist heute nur noch im Regionalteil selbstständig, Ist das ein publizistischer Nachteil?
Es wäre schön, wenn die ZSZ noch alle Ressorts selbst besetzen könnte. Aber in der heutigen Situation mit dem Verlust an Inseraten ist das ein Wunschkonzert und nicht mehr finanzierbar. Wichtig ist, dass es die Regionalzeitung gibt. Die Uraufgabe ist und bleibt: aus der Region für die Region.

Heute gehört die ZSZ der Tamedia AG, einem Kommunikationskonzern mit Sitz in Zürich. Was würden die Gründer der ZSZ dazu sagen – Ihr Grossvater und Ihr Vater inklusive?
Vermutlich wären alle erschrocken, weil die ZSZ nicht mehr eigenständig ist. Aber ebenso hätten sie die Beweggründe verstanden, weshalb die ZSZ an ein grosses Verlagshaus verkauft wurde. Wir haben 2010 erkannt, dass eine kleine Familiengesellschaft die aufkommenden Probleme mit dem Wandel des Inserategeschäfts nicht mehr allein stemmen kann. Das hat sich extrem bewahrheitet.

Wie sieht für Sie die Regionalzeitung im Jahr 2045 – zum 200. Geburtstag der ZSZ – aus?
Mein grösster Wunsch ist, dass es sie immer noch gibt – aus der Region für die Region. Ob gedruckt oder online, hängt nur vom Publikumswunsch ab.

Erstellt: 29.07.2019, 15:46 Uhr

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