Küsnacht

Mit dem Strom schwimmen, im Netz gefangen

Vernetzung ist heute überall. Dass dies auch unheimlich werden kann, zeigt das Theater «Alissia in Space» an der Kantonsschule Küsnacht. Das bemerkenswerte Stück Gesellschaftskritik ist Teil eines kulturellen Grossprojekts.

Die beste Version von sich selbst werden: Moderne Arbeitsbedingungen in der Firma Space, dargestellt von Küsnachter Kantischülern.

Die beste Version von sich selbst werden: Moderne Arbeitsbedingungen in der Firma Space, dargestellt von Küsnachter Kantischülern. Bild: Michael Trost

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Die Stelle als Communication Trainee in der aufstrebenden Firma Space erscheint der jungen Alissia wie ein Sechser im Lotto. Arbeitsbedingungen und -klima sind perfekt. Alle strahlen, sind per Du, Transparenz in jeder Hinsicht ist das Motto, erreicht durch absolute Vernetzung und Kontrolle. Je mehr man über andere weiss, desto besser sei das Verständnis. «Wenn wir die beste Version von uns selbst werden, ist alles möglich», sagt eine der drei Gründerinnen der zukunftsorientierten Firma.

In der angestrebten Perfektion ist eigenständiges Denken oder Handeln kaum notwendig und wenig erwünscht, denn ein Chip liefert alle Informationen über die Person – vom Gemütszustand über den pH-Wert des Schweisses bis hin zum Hormonhaushalt. Jede Aktion muss man online «sharen», wie Teilen auf Neudeutsch heisst. Die Popularität und somit der Erfolg werden dann an der Anzahl Likes und Followers gemessen.

Von Schülerinnen getextet

Gut ein Jahr lang setzte sich die ganze Kantonsschule Küsnacht mit dem Thema Vernetzung auseinander. Nebst einer Werkschau auf dem Schulareal (siehe Kasten) entstand so auch das experimentelle Musiktheater «Alissia in Space», das sechs Gymnasiastinnen mit der Hilfe von Autorin und Dramaturgin Maja Bagat schrieben. Unter der Regie von Janina Offner begeisterten die jungen Darsteller am Donnerstagabend ihr Premierenpublikum in der Heslihalle. Ebenso ­herausragend waren Chor und Orchester unter der Leitung von Michael Kessler, welche die für das Projekt komponierte Musik von David Lichtsteiner und Tobias Krebs interpretierten.

Doch zurück in die Zukunft,die so fern gar nicht scheint. Für Familie und Freunde fehlt dem Space-Personal erst die Zeit, dann das Interesse. Die Persönlichkeiten der Mitarbeiter verblassen und verschwimmen schnell im Communitystrom, wo Privatsphäre und Abgrenzung Fremdwörter sind. Erfolg ist öffentlich – Scheitern auch. Der Mensch scheint austauschbar, jeder kann aus einem Online-Backup als Download in einem anderen weiterleben.

Drei Gesichter – oder keines

Dass es drei Alissia-Darstellerinnen gibt, liegt nicht etwa daran, dass eine Schülerin der Hauptrolle alleine nicht gewachsen wäre, sondern ist ein raffinierter Kniff, der die sterile Depersonalisation auf beklemmende Weise darstellt. Wer welche Rolle spielt, erschliesst sich dem Publikum nicht nur im Falle von Alissia nicht. Das Programm bietet lediglich eine alphabetisch geordnete Liste aller Akteure. Im Sinne der Handlung zählt das grosse Ganze, das Endprodukt, an dem alle gleichermassen beteiligt sind. Orchester und Chor vor und neben der zentral angelegten Bühne sind keine blosse Untermalung, sondern wichtiger Bestandteil einer Choreografie.

Auch die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum werden immer durchlässiger. Geschickt wird das Publikum mehr und mehr in die Handlung eingebunden. Diese Vernetzung, in die sich das Publikum verwickelt sieht, ehe es sich dessen überhaupt bewusst werden kann, ist schlicht genial.

Sehnsucht nach Fehlern

Die angestrebte Perfektion wird im Verlauf der Geschichte geradezu widerlich: Das ständige überschwängliche Lächeln, das wie eingemeisselt auf den Gesichtern der Space-Mitarbeiter prangt, animiert sehr schnell nicht mehr zum Zurücklächeln, sondern weckt eher Aggressionen. Die Offenlegung aller Informationen zu einer Person entzaubert sie, nimmt Charme, Spontaneität und entzieht ihr schliesslich alles, was man unter Lebensfreude und Lebensqualität versteht.

Ganz so hatte sich das Alissia doch nicht vorgestellt. Die Jugendlichen rütteln mit dieser Gesellschaftskritik an den Pfeilern einer Welt, in der Erwachsene sie eher zu Hause wähnten. Sogar die Sprache verliert mit den Unmengen an passiv integrierten Anglizismen ihren ursprünglichen Charakter. Die Jugendlichen sprechen, als würden sie chatten. Es sträuben sich einem die Nackenhaare – und das nicht zuletzt ob der grossartigen schauspielerischen und musikalischen Leistungen. In einer Welt, in der alles plan- und vorhersehbar ist, sehnt man sich nach verbranntem Toast und übergekochter Milch.

Weitere Aufführungen: Samstag, 8. April, 20 Uhr; Sonntag, 9. April, 17 Uhr; Montag, 10. April, 20 Uhr in der Heslihalle, Untere Heslibachstrasse 33, Küsnacht. Vorverkauf und Informationen: www.kkn.ch oder www.synapse.17.ch.

Erstellt: 07.04.2017, 17:04 Uhr

Die Ausstellung «überall ist hier»

Am Kulturprojekt «Synapse 17» beteiligten sich alle Küsnachter Kantonsschülerinnen und -schüler sowie Lehrkräfte – ob als Darsteller, Sänger, Musiker oder Requisiteure im Theater «Alissia in Space», bei der Gestaltung von Apéros oder an der Werkschau «überall ist hier», die noch am Samstag und Sonntag auf dem Schulgelände zu besuchen ist und zu diversen Performances lädt. Leitung und Konzeption dieser Ausstellung liegen in den Händen der Prorektorin Sandra Pitel.

An der «Sozialen Plastik» erarbeiteten zahlreiche Schulklassen in einer Art improvisiertem Gestalten einen schwungvollen Kontrast zu den Schau-Containern. Im grössten davon, der «Blackbox», einem entdigitalisierten Raum der Ruhe und Besinnung, treten 50 Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Ensembles auf, unterstützt von einigen Instrumentallehrkräften. Die 23 Stücke schrieb Klavier- und Orgellehrerin Margrit Schenker. Die Stationen der Werkschau decken thematisch viele Schulfächer ab und geben erstaunliche Einblicke in Möglichkeiten der Vernetzung. Der Kreativität sind hierbei ebenso wenig Grenzen gesetzt wie dem Engagement.

Die Ausstellung «überall ist hier» auf dem Areal der Kantonsschule Küsnacht, Dorfstrasse 30, ist am Samstag, 8. April, von 11.30 Uhr bis 19.30 Uhr und am Sonntag, 9. April von 11.30 Uhr bis 16.30 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. (afa)

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