Uetikon

Mit 900 Büchern des Pfarrers hat alles begonnen

Die Bibliothek Uetikon feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Wenige Meter neben ihrem heutigen Standort hat ihre Geschichte in einer bewegten Zeit begonnen.

Marianne Koller ist seit zehn Jahren Leiterin der Bibliothek Uetikon – inzwischen ein Treffpunkt, Ort zum Lesen oder Lernen.

Marianne Koller ist seit zehn Jahren Leiterin der Bibliothek Uetikon – inzwischen ein Treffpunkt, Ort zum Lesen oder Lernen. Bild: Moritz Hager

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Die Gläser stehen schon bereit in den Wirtschaften. Gefüllt mit Schnaps, und das am frühen Morgen. Doch die Männer sagen nicht Nein. Und kehren ein, ehe sie mit der Arbeit beginnen. Ein weiteres Glas genehmen sie sich am Mittag. Ein drittes vor dem Heimweg. Mindestens. Diesem Treiben sieht die Uetiker Fabrikantenfamilie Schnorf mit Missvergnügen zu. Verständlicherweise, ist sie doch die Arbeitgeberin der meisten Leute von nah und weiter her.

Was die Trinkfreudigkeit anrichten kann, wissen die Unternehmer von vielen Fällen: Gewalt, Schulden, Elend. Aber dann überstürzen sich die Ereignisse – und die Familie Schnorf handelt. So etwa hat es sich vor gut 100 Jahren zugetragen. Und noch heute zeigt die Tatkraft der Schnorfs ihre Spuren in Uetikon: in der Existenz der Gemeindebibliothek – die denn auch demnächst die 100 Jahre feiert. Indes, wer die Bibliothek heute betritt, sieht ein breites Angebot an Sachbüchern, Romanen oder technologisch neusten Hörmedien. Aber er denkt dabei kaum an das Alkoholproblem der Arbeiter um 1919.

«Die Bibliothek ist nicht mehr der Ort, an dem man nur flüstern darf.»Marianne Koller, Leiterin Bibliothek Uetikon

Armin Pfenninger, Präsident vom Uetiker Museum, klärt auf: Mit der Bibliothek habe man dazumal der Bevölkerung eine sinnvolle Alternative zum Wirtshausbesuch als Freizeitgestaltung bieten wollen. «Dafür hat die Schnorf-Familie die Wohlfahrtshaus-Stiftung gegründet», führt er aus. Der Zeitpunkt, Anfang 1919, ist kein Zufall. Bringen doch kurz zuvor Aufstände, Proteste und Krawalle das Land zum Erschüttern – und gipfeln im November 1918 im Generalstreik. Es kommt zur 48-Stunden-Woche. Und damit die Arbeiterschaft zu mehr Freizeit.

Lesen vor Ort

Mitstreiter der Schnorfs ist Uetikons reformierter Pfarrer Rusterholz: Er bestückt mit seinen privaten Büchern die erste öffentliche Bibliothek im Dorf. A propros: Es gibt bereits im 19. Jahrhundert eine Bibliothek auf Uetiker Boden – aber keine öffentliche. Sie ist nur für die Arbeiter der chemischen Fabrik. Zurück zu Pfarrer Rusterholz: 900 Exemplare zählt sein Buchfundus. «Wohl geistliche oder erbauende Literatur», vermutet Pfenninger, mehr wisse man nicht. Dass den einstigen Uetikern die Bibliothek etwas bedeutet, beweisen sie 1924: 150 Franken geben sie an die Chilbikollekte für neue Bücher. «Das entspricht heute dem zehnfachen Wert», sagt der Chronist.

Später besorgt die Reformierte Kirchgemeinde Neuanschaffungen und führt überhaupt die Bibliothek. Gelesen werden muss bis 1930 im Lesesaal, den die Stiftung 1919 im Restaurant Sonnenhof einrichtet. Der Wirt kontrolliert strengen Blickes, ob nicht doch Schnaps oder Wein die Lektüre begleiten. Dass er selber alkoholfrei geschäftet, versteht sich.

Der Lesesaal im Restaurant Sonnenhof hatte bis 1930 Bestand. Bild: Archiv ETH Bibliothek.

Wandel ab 1998

Vielleicht kommt es von da, dass der Bibliothek noch immer ein strenges Image anhaftet. «Sie ist aber nicht mehr der Ort, an dem man nur flüstern darf», sagt Marianne Koller, seit zehn Jahren Bibliotheksleiterin. Heute verstehe sich die Bibliothek als Treffpunkt, Ort zum Lesen oder Lernen. Entscheidend für den Imagewandel ist das Jahr 1998. «Dann haben wir den ersten Computer bekommen», erklärt Koller. Er löst die Karteikärtchen ab. Allerdings, für Effizienz steht das Gerät nicht. «Wir brauchten fast zwei Jahre, um unsere damals 10 000 Medien elektronisch zu erfassen», erinnert sich Koller.

So, wie die Computerprogramme schneller werden, so vereinfachen sich die Abläufe an der Theke. Den Bibliothekarinnen eröffnen sich neue Betätigungsfelder: Weg vom Katalogisieren hin zu Kundenberatung und dem Organisieren von Anlässen. Dazu gehört auch, «laufend zu beobachten, welche Themen und Titel im Gespräch sind», sagt Koller. Ausser wenige Klassiker ist kaum ein Buch der heutigen Bibliothek älter als sieben Jahre.

Einige Ortswechsel

Untergebracht sind diese seit 2009 im Riedstegzentrum – wenige Meter neben dem Sonnenhof. Chronologisch gibt es von dort bis da einige Zwischenstationen: Ab 1930 im Erdgeschoss des neu erbauten Wohlfahrtshauses – heute das Haus Riedsteg. Ab 1969 ebenda im Keller – nun von der Gemeinde geführt. Ab 1991 im einstigen Konsumhof an der Bergstrasse.

Seit dann ist die Bibliothek auch für die Schule zuständig, aktuell zudem für die Kantonsschule. 16 000 Medien zählt die Uetiker Bibliothek heute, von Büchern über CDs bis zu DVDs. Zudem stehen 130 000 Titel zum Downloaden bereit. Zeitgemäss die Mittel, ursprünglich die Idee: Den Leuten das Lesen als sinnvolle Freizeitbeschäftigung näher zu bringen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.03.2019, 21:37 Uhr

Lyrik, Musik und Rückblick

Die Bibliothek Uetikon feiert ihr 100-jähriges Jubiläum am Freitag, 15. März, mit einem sprachlich-musikalischen Abend. Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart rezitiert ernste und heitere Lyrik und wird dabei vom Klarinettisten Matthias Mueller begleitet. Über den Bibliotheksalltag früher und heute berichten zudem die aktuelle Bibliotheksleiterin, Marianne Koller, und zwei ihrer Vorgängerinnen. Ihr Rückblick auf die Bibliotheksgeschichte wird ergänzt durch die Sicht von Gemeindepräsident Urs Mettler (parteilos). Das Gespräch moderiert der Uetiker Journalist Marco Huber.

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