Tag des Hörens

«Mein Herz ist bei den Gehörlosen, mein Verstand bei den Hörenden»

Der 47-jährige Andri Reichenbacher aus Stäfa erzählt, wie er mit dem Zwiespalt zwischen Gehörlosen und Hörenden umgeht.

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Sie wurden als jüngstes von drei Kindern geboren und sind seit Geburt gehörlos. Wann merkten Ihre Eltern, dass Sie nicht hören können?
Andri Reichenbacher: Man mag denken, das sei ganz einfach festzustellen, doch so ist es nicht. Meine Mutter war natürlich verunsichert, weil ich als Baby manchmal nicht auf ihr Rufen reagierte, doch es kam eben auch vor, dass ich mich zufällig nach ihr umdrehte. Schliesslich, als ich zwei bis drei Jahre alt war, liessen mich meine Eltern untersuchen, und der Arzt teilte ihnen mit, ich sei schwerhörig.

Konnten Sie die Regelschule ­besuchen?
Nein, ich besuchte den Kindergarten des Landenhofs im Kanton Aargau (Zentrum und schweizerische Schule für Schwerhörige). Meine Eltern zügelten extra vom Zürcher Weinland nach Aarau, damit ich daheim wohnen konnte. Und als ich zwei Jahre später nach Wollishofen ans Zentrum für Gehör und Sprache wechseln musste – eine zweite Abklärung meines Hörstatus hatte ergeben, dass ich gehörlos war –, waren sie erneut gezwungen, umzuziehen. Also folgte mir meine Familie nach einem Jahr nach Zürich.

Haben Sie Ihre beruflichen Wünsche umsetzen können?
Ja, letztendlich schon, aber es war ein langer Weg, und es wurde mir nichts geschenkt. Nach der Schule hätte ich eigentlich eine Lehre als Elektroniker machen wollen, sozusagen als Pionier für Hörbehinderte, aber ich wurde nicht zugelassen. Es hiess, an der Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung gebe es dafür noch keinen Lehrgang.

Hat man Ihnen eine Alternative angeboten?
Ja, ich wurde vertröstet, wenn ich die Lehre als Elektronikmonteur abgeschlossen habe, könne ich eine Zusatzausbildung als Elektroniker machen. Aber dieser Deal passte mir nicht, weil ich mich nicht ernst genommen fühlte. ­Also wurde ich «nur» Elektronikmonteur.

Wie war die Stellensuche nach der Lehre?
Ebenfalls nicht einfach, aber das hing auch mit der wirtschaftlichen Lage nach dem Ende des Kalten Kriegs zusammen. Jedenfalls dauerte es ein paar Monate, bis ich eine Stelle fand, und nachher musste ich noch einige Male wechseln. Aber ich bin immer irgendwo untergekommen. Zuletzt bei der Phonak, einer Firma für Hörsysteme, wo man mir Einblick in die Praxis gewährte und mich in der Forschung und Entwicklung assistieren liess, sodass mir später der Einstieg ins Studium gelang.

Haben Sie sich doch noch ­weitergebildet?
Ja, 2008 absolvierte ich ein Informatikstudium an der Hochschule für Technik Rapperswil. Das war spannend, aber auch hart. Ich brauchte viereinhalb anstatt der vorgesehenen drei Jahre. An der modernen Fachhochschule dauert das Studium sechs Semester gegenüber neun an der früheren HTL, es ist also intensiver geworden. Der Zeitdruck ist aber für Gehörlose und hochgradig Schwerhörige problematisch.

Wie haben Sie das bloss geschafft? Mit Dolmetschdienst?
Nein, der Aufwand war mir zu gross. Hätten wir als Gruppe von Studenten mit Hörbehinderung den Dolmetschdienst organisiert, wäre ich jeweils frei gewesen, zu entscheiden: Brauche ich ihn heute, gehe ich überhaupt in diese Vorlesung? Für Vorlesungen, in denen ein Dozent abstrakte Theorie – ohne konkrete Beispiele und Lösungsskizzen – vortrug, wäre er sicher hilfreich gewesen. So holte ich mir fehlende Informationen eben in den Übungsstunden, wo ich Fragen und Skizzen mit einem Betreuer klären konnte. Trotzdem, wenn ein Professor in der Vorlesung subtile Aussagen machte und diese später in die Prüfungsfragen einfliessen liess, war ich im Nachteil, denn Feinheiten bekam ich nicht immer mit. Es ist eine Tatsache: Für Gehörlose ist es schwieriger als für Hörende, ein Studium zu machen, ob mit oder ohne Dolmetscher. Aber meine Devise lautet: «Nichts ist unmöglich.»

Seit 2012 arbeiten Sie als ­Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur, im Institut für Angewandte Informationstechnologie. Was ist Ihr Arbeitsgebiet?
Der Schwerpunkt im Accessibility Lab ist die Erforschung und Anwendung der Informations- und Kommunikationstechnologien für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. So forsche ich, wie Gebärdensprache automatisch in Text oder Lautsprache übersetzt werden kann. Damit mache ich mich für die Gemeinschaft der Gehörlosen nützlich und kann den zukünftigen Studierenden mit einer Hörbehinderung das Studium erleichtern.

Haben Sie Wünsche an die Gesellschaft?
Nun, ich bin nicht der Typ, der unrealistische Forderungen stellt und passiv oder sogar ungeduldig abwartet, bis sie im besten Fall irgendwann erfüllt werden. Ein Beispiel: Natürlich wäre es wunderbar, wenn 100 Prozent der Fernsehsendungen von SRF untertitelt wären, aber das ist wohl zu viel verlangt. Ich bin dankbar, dass wenigstens 50 Prozent mit Untertiteln versehen sind. Damit kann ich leben.

Sie sind verheiratet und haben einen Sohn im Primarschulalter. Ist er gehörlos?
Nein, weder meine Frau – ich habe sie übrigens in der Phonak kennen gelernt – noch mein Sohn sind gehörlos. Beide können jedoch ein wenig gebärden: Er hat es von mir gelernt, meine Frau in Gebärdensprachkursen, trotzdem kommunizieren wir eher mehr in Lautsprache. Manchmal profitiert mein Sohn übrigens von unserer speziellen Situation, indem er mich – lautlos – hinter dem Rücken meiner Frau um etwas bittet oder mir etwas mitteilt, was sie nicht mitbekommen soll.

Gibt es manchmal Probleme ­wegen Ihrer Gehörlosigkeit?
In jeder Ehe gibt es Konflikte, ­unabhängig vom Hörstatus der Partner. Aber natürlich ist unsere Situation komplizierter. Ich würde sagen, dass Gehörlose und Hörende unterschiedlich denken. Die dreidimensionale Gebärdensprache bestimmt das Denken der Gehörlosen, während Hörende in Lautsprache denken, also linear. Das kann zu Missverständnissen führen. Wie soll ich sagen: Gehörlose schauen einen Zusammenhang von vorn, von hinten und von oben an und argumentieren entsprechend anders. Gehörlose und Hörende kommunizieren generell nie auf Augenhöhe miteinander.

Wie ist es mit der Streitkultur?
Auch da gibt es Unterschiede. Gehörlose sind meist direkt aufgrund ihres mangelnden Sprachgefühls in der Lautsprache oder, besser gesagt, weil sie eine andere Sprachkultur haben, sodass sich Hörende angegriffen fühlen mögen, denn sie selber gehen mit Kritik zurückhaltender um.

Sind Ihre Freunde eher hörend oder gehörlos?
Ich habe einige gute – hörende – Kollegen, bei der Arbeit etwa, unter den Nachbarn oder über meine Frau, und einige enge – gehörlose – Freunde. Mein Herz ist bei den Gehörlosen, mein Verstand bei den Hörenden.

Das Gespräch wurde in Gebärdensprache und Lautsprache geführt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 02.03.2018, 13:04 Uhr

Tipps

Richtlinien für die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen:


  • Auf gute Beleuchtung achten.

  • Blickkontakt herstellen.

  • Den eigenen Mund nicht verdecken.

  • Deutlich und in normaler Lautstärke Hochdeutsch sprechen.

  • Kurze Sätze machen.

  • Hin und wieder inhaltliche Rückfragen stellen.

Fakten

Rund 10 000 Menschen in der Schweiz sind seit der Geburt gehörlos. Die Gebärdensprachen sind vollwertige Sprachen. In Gebärdensprache kann man alles ausdrücken. Gebärdensprachen sind natürliche Sprachen. In der Schweiz gibt es drei: Deutschschweizer Gebärdensprache, Französische Gebärdensprache und Italienische Gebärdensprache. Wenn Gehörlose in einer Lautsprache sprechen, zum Beispiel Hochdeutsch, dann müssen sie von den Lippen ablesen. Mit Lippenlesen kann maximal die Hälfte des Gesprächsinhaltes erkannt werden. Der Rest muss erraten werden. Gehörlose sind NICHT «taubstumm», denn sie sind nicht stumm. Sie können sprechen.

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