Zum Hauptinhalt springen

Mann soll Mädchen auf dem Schulweg vergewaltigt haben

Nach Jahren zieht eine junge Frau gegen ihren mutmasslichen Vergewaltiger vor Gericht. Es gibt weder Zeugen noch Beweise für den Vorfall, der sich in einer Gemeinde am rechten Zürichseeufer ereignet hat. Das Gericht kann sich nur auf die Schilderungen von Erinnerungen abstützen.

Erster Prozesstag vor dem Bezirksgericht Meilen: Ein 20 Jahre alter Fall wird verhandelt. Ein damals 49-Jähriger soll auf dem Schulweg ein Mädchen vergewaltigt haben.
Erster Prozesstag vor dem Bezirksgericht Meilen: Ein 20 Jahre alter Fall wird verhandelt. Ein damals 49-Jähriger soll auf dem Schulweg ein Mädchen vergewaltigt haben.
Archiv Manuela Matt

Etwas Traumatisches muss in ihrer Kindheit vorgefallen sein – etwas, das die junge Frau heute, im Erwachsenenalter, noch immer verfolgt. Diese Tatsache war an der Verhandlung am Bezirksgericht Meilen unbestritten. Was sich damals aber genau ereignet hat, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten.

Vor Gericht stand am Dienstag ein 70-jähriger Mann. Ihm wird vorgeworfen, er habe in den 1990er-Jahren ein Mädchen in einem Wäldchen in einer rechtsufrigen Zürichseegemeinde vergewaltigt. Bis zu zehn weitere Male soll es zu sexuellen Übergriffen gekommen sein, immer am gleichen Ort, über ein Jahr hinweg. Das Kind war damals sieben oder acht Jahre alt. Das Wäldchen lag auf seinem Schulweg, der mutmassliche Täter war der Nachbar. Das erste Mal soll er das Mädchen mit den Worten in den Wald gelockt haben, er wolle ihm dort etwas zeigen. Die darauffolgenden Male soll er die Schülerin jeweils ins Gehölz gezerrt haben.

Die Tat ist unverjährbar

Anklage erhoben hat das Opfer erst vor dreieinhalb Jahren. Möglich ist dies dank der Unverjährbarkeitsinitiative, welche die Stimmberechtigten 2008 angenommen haben. Sexualdelikte an unter 12-Jährigen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht verjährt waren, können dadurch weiterhin geahndet werden. Dass sich die junge Frau erst spät zur Anzeige entschloss, ist nicht untypisch. Sie habe die Tat lange verdrängt, aber es sei immer wieder etwas hochgekommen, sagte sie vor Gericht aus.

Ihre Befragung erfolgte getrennt von jener des Beschuldigten, und sie wurde auf Gesuch der Klägerin hin von einer Frau durchgeführt. Mit den Fragen der Richterin tat sie sich dennoch schwer. Sie sprach leise, knetete angespannt ihre Finger und brach immer wieder in Tränen aus. «Ich habe Anzeige erstattet, um mich jetzt zur Wehr zu setzen», sagte sie in einem gefassten Moment.

Seit ihrem zwölften Lebensjahr befindet sie sich in psychiatrischer Behandlung, sie leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ihr bisheriges Leben war geprägt von Selbstverletzungen, Suizidgedanken, Alpträumen und Angstzuständen. Eine solche Panikattacke erlebte sie vor ein paar Jahren, als sie allein im Wald spazieren ging. Da entschied sie sich, zu handeln.

Mit Hilfe einer Traumatherapie kehrten Erinnerungen aus dem Unterbewusstsein zurück. Auf die Frage der Richterin, was ihr denn zuerst wieder in den Sinn gekommen sei, sagte sie: «Der Wald.» Aus Bruchstücken fügte sich nach und nach ein Bild zusammen. Vor Gericht schaffte die Frau es aber nicht, über die damaligen Vorfälle zu sprechen. Sie brach weinend zusammen, als sie danach gefragt wurde.

Ein Racheakt der Tante?

Aufgrund früherer Aussagen der Frau sind die Übergriffe in der Anklageschrift detailliert beschrieben. Für die Staatsanwältin sind sie glaubwürdig. «Sie berichtete über enorme Schmerzen, Angst und Scham», sagte sie. Für den Beschuldigten fordert sie eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Die Anwältin der Klägerin verlangt überdies eine Genugtuung von 35 000 Franken.

Der Angeklagte wies die Vorwürfe vehement zurück. Er sprach von einer erfundenen Geschichte, das Drehbuch stamme von der Tante der Klägerin. Sie war einst die Geliebte des Familienvaters und soll von ihm verlangt haben, dass er sich scheiden lasse. Darauf sei er nicht eingegangen. Später strebte die Tante gegen ihn einen Prozess wegen Vergewaltigung an. Weil die Taten ohnehin verjährt gewesen wären, kam es nicht dazu. Der Beschuldigte vermutet nun, dass die Tante stattdessen ihre Nichte instrumentalisiert.

Seine Verteidigerin forderte einen Freispruch. Sie bezeichnete die Schilderungen der Klägerin als unglaubwürdig. Auch kritisierte sie, in Traumatherapien werde «explizit gegraben», bis etwas aufscheine. Das seien dann Pseudoerinnerungen – zwischen richtig und falsch könne man kaum unterscheiden. Immerhin attestierte die Anwältin dem mutmasslichen Opfer, dass es nicht lüge, sondern die Erinnerungen als echt wahrnehme.

Auch der Beschuldigte anerkannte, dass der Frau damals etwas widerfahren sein muss. Zum Schluss der Verhandlung, in der noch kein Urteil fiel, deutete er sogar an, dass der wahre Täter innerhalb ihrer eigenen zerrütteten Familie zu suchen sei.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch