Herrliberg

«Manche Äusserungen von Juroren waren offen sexistisch»

Dass ihr Text am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb polarisiere, habe sie erwartet – nicht aber gewisse Äusserungen der Kritiker. Corinna Sievers, Kieferorthopädin und Schriftstellerin aus Herrliberg, zieht dennoch eine positive Bilanz aus ihrer Teilnahme an den Literaturtagen in Klagenfurt.

Corinna Sievers in ihrem Herrliberger Zuhause.

Corinna Sievers in ihrem Herrliberger Zuhause. Bild: Archiv Michael Trost

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind wieder zurück vom Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Wie fühlen Sie sich nun?
Corinna Sievers: Gut – aber es war auch anstrengend. Wir, die Autoren, waren eine Woche immer irgendwo unterwegs. Zuerst bei der Eröffnungsveranstaltung, dann bei der Auslosung der Leseabfolge und ab Donnerstag bei den Lesungen. Dieses ganze Drumherum war spannend, hat mich aber auch gestresst.

Wie war es, als Sie vor der Jury gesessen sind und mit Ihrer Lesung begonnen haben – einer expliziten, kraftvollen Darstellung weiblicher Sexualfantasien?
Ich habe mich gefreut, aber ich war nervöser als gewohnt. Die vielen Kameras, die auf einen gerichtet sind: Das ist eine fremde Situation, die man nicht trainieren kann. Denn es ist alles live, man erhält keine zweite Chance.

Nach dem Lesen mussten Sie eine halbe Stunde die Kritik der Jury anhören. Wie war das?
Die Kritiker machten zum Teil persönliche Bemerkungen, setzten mich mit der Protagonistin des Textes gleich. Diese Verwechslung von Autorin und Erzählerin hat mich geärgert, weil manche Äusserungen zudem offen sexistisch waren. Das sollte solchen Profis, wie die Juroren sind, nicht passieren.

«Ich habe auch gar nicht mit einem Preis gerechnet, bin von daher nicht enttäuscht.»Corinna Sievers

Die Kritik war auch eher nicht zu Ihren Gunsten.
Drei der Juroren äusserten sich positiv und vier negativ. Das ist für Klagenfurt normal, und so habe ich es auch erwartet, denn mein Text ist schonungslos und polarisiert. Ich habe auch gar nicht mit einem Preis gerechnet, bin von daher nicht enttäuscht. Gefreut haben mich dann aber die vielen positiven Rückmeldungen aus dem Publikum.

Wie war denn das Verhältnis unter den Autoren?
Das war sehr schön, kein Konkurrenzverhältnis. Wir haben uns gegenseitig die Preise gegönnt. So hab ich mich sehr für Anna Stern gefreut, die den 3sat-Preis gewonnen hat.

Sie arbeiten in Erlenbach als ­Kieferorthopädin. Haben Sie ­Reaktionen auf Ihren Auftritt in Klagenfurt erhalten?
Bis jetzt noch nicht. Allerdings erwarte ich da auch nicht viel. Die Literaturwelt ist ja speziell und vielen fremd. Viele Patienten wissen zudem, dass und in welcher Art ich schreibe. Ansonsten bin ich optimistisch, dass die Leute zwischen mir und meinen Romanfiguren unterscheiden.

Ihr Fazit: Hat es sich gelohnt?
Auf jeden Fall. Es war toll, dabei zu sein und ein Feedback für mein Schreiben bekommen zu haben – nicht nur von den Juroren, auch vom Publikum, von Verlegern und anderen Kritikern, die an der Veranstaltung anzutreffen waren. Für mich war es eine neue, interessante Erfahrung, die zu ergreifen ich jedem raten würde, der die Gelegenheit dazu bekommt. Andere Autoren sehen das aber anders. Sie waren schwer enttäuscht, als sie keinen Preis erhalten haben, und haben ihre Teilnahme bereut. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.07.2018, 09:18 Uhr

Für Eingeladene

Der Ingeborg-Bachmann-Preis gehört zu den bekanntesten ­Literaturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum und wurde heuer zum 42. Mal vergeben – mit insgesamt fünf Preisen. Die Autoren lesen aus einem bislang unveröffentlichten Text und stellen sich danach umgehend der Kritik der sieben Juroren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Jeder Autor ist auf Einladung eines Jurymitgliedes an der Veranstaltung. Corinna Sievers (52), eingeladen von Nora Gomringer, hat einen Auszug aus ihrem fünften Roman gelesen, der voraussichtlich im Herbst oder Frühling erscheinen wird. Er handelte von einer erotomanen Zahnärztin, die ihre sexuellen Fantasien an männlichen ­Patienten durchspielt.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben