Herrliberg

«Wir müssen Gegensteuer geben»

Gaudenz Schwitter (FDP) ist seit gut sechs Monaten Gemeindepräsident von Herrliberg. Mit der «Zürichsee-Zeitung» zieht er zum Jahresende eine erste Bilanz und sagt, weshalb Herrliberg solidarischer ist, als viele denken.

Gaudenz Schwitter im Sitzungszimmer des Herrliberger Gemeinderats. Im Hintergrund ein Bild eines eleganten Saals, durch den Ochsen marschieren.

Gaudenz Schwitter im Sitzungszimmer des Herrliberger Gemeinderats. Im Hintergrund ein Bild eines eleganten Saals, durch den Ochsen marschieren. Bild: Moritz Hager

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Im Sitzungszimmer des Herrliberger Gemeinderats hängt ein Bild, auf dem ein paar Ochsen durch eine pompöse Halle stolzieren. «Das sind die Gemeinderatsbüffel», sagt Gaudenz Schwitter und lacht. Er meint es natürlich nicht Ernst, denn der neue Herrliberger Gemeindepräsident fühlt sich wohl mit seinen Kollegen.

Der 47-Jährige übt seine neue Funktion seit dem Sommer aus, davor war er bereits als Bauvorstand acht Jahre lang Mitglied des Gemeinderats. Das hat den Vorteil, dass ihm schon vieles in seinem Amt vertraut ist. Seine Rolle hat sich nun allerdings geändert. «Als Gemeindepräsident steht man stärker im Fokus der Leute denn als Gemeinderat», sagt der Freisinnige. «Und man fühlt sich mehr in der Verantwortung.» Innerhalb der Behörde kommt ihm zudem neu die Aufgabe zu, das Kollegium zu führen und dafür zu sorgen, dass alle am gleichen Strick ziehen. Letzteres sei nicht einmal nötig gewesen, sagt Schwitter und erinnert sich: «Als es darum ging, gemeinsam die Legislaturziele zu definieren, haben wir uns schnell gefunden. Das hat uns zusammengeschweisst.»

Rolle als Mediator

Positiv bleibt Schwitter auch die erste Gemeindeversammlung in Erinnerung, die er geleitet hat. Bisher trat er an Gemeindeversammlungen nur dann in Erscheinung, wenn er als Bauvorstand ein Geschäft vertreten musste. Als Gemeindepräsident steht er hingegen im Zentrum der Versammlung. «Ich habe eine Führungsfunktion sowie eine Vermittlungsaufgabe zwischen dem Gemeinderat und der Gemeindeversammlung», sagt er. Hingegen dürfe es nicht seine Rolle sein, die Geschäfte und die Haltung des Gemeinderats zu vertreten. «Dafür sind die jeweiligen Ressortvorsteher zuständig.»

Die Herrliberger Gemeindeversammlung hat Schwitter in den vergangenen Jahren als äusserst angenehm erlebt. «Man pflegt hier einen konstruktiven Umgang», sagt er. Der Baujurist ist sich aber bewusst, dass die Diskussionen auch einmal intensiver ausfallen können – vielleicht in einem Jahr, wenn die Revision der Bau- und Zonenordnung ansteht.

Zuständig für dieses Geschäft wird dann sein neuer Kollege Hansjürg Zollinger (Gemeindeverein) sein, der dieses Ressort übernommen hat. Schwitter weiss aber, dass ihn die Bautätigkeit in Herrliberg auch als Gemeindepräsident begleiten wird. «Sie hat Einfluss auf die Bevölkerungsstruktur», sagt er. In Herrliberg, weiss er aus Erfahrung, seien viele Baueingaben auf Einfamilienhäuser und Doppelverdiener ausgerichtet. Das prägt das Gesicht der Gemeinde. Da die Gemeinde über viel Baulandreserven verfüge, könne sie aber mit einer aktiven Landpolitik darauf Einfluss nehmen, dass die soziale Durchmischung im Dorf gewährleistet sei. Konkret kann sich Schwitter vorstellen, Land im Baurecht abzugeben, damit Genossenschaften Wohnungen für Familien und den Mittelstand bauen.

Ein geteiltes Dorf

Ein weiteres Ziel, das der Gesamtgemeinderat angehen will, ist die Dorfentwicklung. Die Forchstrasse, die mitten durch Herrliberg führt, soll die Gemeinde nicht mehr so stark in zwei Teile trennen wie heute. Und auch dem Dorfleben will Schwitter Sorge tragen. Dazu gehöre es, die Infrastruktur à jour zu erhalten, welche die Vereine nutzen. Gerade die Vogtei mit ihrem Zehntensaal trägt viel dazu bei, dass sich das gesellschaftliche Leben in der Gemeinde selber abspielt und nicht nur ausserhalb. Aber: «Wir müssen weiterhin Gegensteuer geben, damit wir nicht zu einer Schlafgemeinde werden.»

So drastisch, wie Regierungsrätin Jacqueline Fehr kürzlich die Zürichseegemeinden in ihrem Rundumschlag charakterisierte, sieht es Schwitter aber nicht. Dass in der Region wenig passiere, sich kaum je etwas ändere und es wenig Innovation gibt – solchen Äusserungen kann er wenig abgewinnen. «Sie haben etwas Verletzendes. Als Mitglied eine Regierung sollte man nicht verschiedene Regionen gegeneinander ausspielen.»

Ochsen sucht man vergeblich

Auch der weit verbreiteten Meinung, die reichen Gemeinden am See würden nur widerwillig ihren Beitrag in den kantonalen Finanzausgleich abliefern, tritt Schwitter entgegen. Gerade Herrliberg sei solidarischer, als viele Menschen es wahrnehmen würden. «Wir haben erst kürzlich 50'000 Franken für eine neue Mehrzweckhalle in Buch am Irchel gespendet», sagt er. Ohnehin: Die Stimmbevölkerung habe vor einiger Zeit als Richtwert festgelegt, jährlich gut ein Steuerprozent für gemeinnützige Zwecke einzusetzen. Das entspricht in Herrliberg rund einer halben Million Franken.

Herrliberg ist also für den Gemeindepräsidenten nicht einfach ein reiches Dorf, welches sein Geld nur für sich behalten möchte. Und auch keines, das in weiten Teilen immer noch gleich aussieht wie vor Jahren, wie es Fehr den Seegemeinden unterstellte. Herrliberg habe sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, sagt Gaudenz Schwitter. Ein Blick auf das Gemeindewappen gibt ihm Recht: Auf diesem sind drei Doppeljoche abgebildet – sie erinnern an die bäuerliche Vergangenheit der Gemeinde. Ein Bauerndorf ist Herrliberg aber schon lange nicht mehr. Und Ochsen – oder gar Büffel – wurden hier ebenfalls schon lange nicht mehr gesichtet.

Erstellt: 27.12.2018, 15:27 Uhr

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