Im Gespräch

«Man muss die israelische Regierung kritisieren können»

Mirjam Rosenstein ist Geschäftsführerin der Lobbyorganisation Nahostfriedensforum, die über den Konflikt zwischen Israel und Palästinensern informiert. Als solche ist die Küsnachterin gut vernetzt in der deutschen Bundespolitik.

Mirjam Rosenstein, Geschäftsführerin des Nahostfriedensforums, wohnt nach längerer Zeit in Deutschland wieder in Küsnacht.

Mirjam Rosenstein, Geschäftsführerin des Nahostfriedensforums, wohnt nach längerer Zeit in Deutschland wieder in Küsnacht. Bild: Moritz Hager

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Die Situation zwischen Israel und den Palästinensern ist derzeit sehr schwierig. Das Nahostfriedensforum (NAFFO) trägt das Wort Frieden im Namen. Ist ein Frieden in der aktuellen Situation überhaupt realistisch?
Jeder Realpolitiker sagt, dass die Zweistaatenlösung illusorisch ist. Trotzdem glaube ich, dass es immens wichtig wäre, eine Zweistaatenlösung als Vision im Kopf zu behalten, um eine nachhaltige friedliche Situation für alle Menschen in der Region zu finden. Wenn die Zweistaatenlösung keine Vision mehr ist, wird es schwierig zu verhandeln.

Wie ist Ihr Interesse für Israel, für die Situation im Nahen Osten denn entstanden?
Ich bin da ein bisschen hineingerutscht. In Küsnacht bin ich mit einer bewussten jüdischen Identität aufgewachsen. In der Schule war ich oft das einzige jüdische Kind in der Klasse und wurde gefragt, wenn es entweder um den Zweiten Weltkrieg oder um Israel ging. Wenn man mit Fragen konfrontiert wird, muss man Antwort geben können, sonst ist es für alle unangenehm. So fing ich an, mich für diese Themen zu interessieren. Vor zehn Jahren bin ich dann dem deutschen Nahostfriedensforum zuerst als Mitglied beigetreten. Ich wollte mich dafür engagieren, dass Politiker etwa durch Reisen mehr Hintergrundwissen erhalten, bevor sie urteilen. Deutschland ist ein grosses und das wirtschaftlich stärkste Land in der EU und international eine wichtige Stimme, wenn es um Sicherheitspolitik geht.

«In Küsnacht bin ich mit einer bewussten jüdischen Identität aufgewachsen.»

Sie sind nicht nur regelmässig in Israel, sondern auch in den Palästinensischen Gebieten. Wie aufgeschlossen ist die normale Bevölkerung in der Region für einen Frieden?
Auf palästinensischer Seite, sagen Meinungsforscher, dass es eine grosse Abnahme von Menschen gibt, die an einen Frieden glauben. Auf israelischer Seite stehen andere Fragestellungen im Zentrum. Der berühmt-berüchtigte Status Quo wird gerade von Benjamin Netanjahu als relativ stabile Situation eingeschätzt, man kann schon fast sagen beworben. Daher hat der Wille, etwas zu verändern, abgenommen. Gleichzeitig wissen alle, dass eine nachhaltige Lösung gefunden werden muss, sonst kommt es immer wieder zu Konflikten. Man muss aber unterscheiden zwischen der Situation mit dem Westjordanland einerseits und der Hamas beziehungsweise Gaza andererseits. An der Grenze zu Gaza ist die Situation für die israelische Zivilbevölkerung unzumutbar. Die Dörfer rund um den Gazastreifen erleben kaum einen Tag, an dem keine Raketen auf sie abgefeuert werden. Die Menschen haben nur wenige Sekunden, nicht einmal eine Minute Zeit, um einen Schutzraum aufzusuchen, wenn der Alarm ausgelöst wird. Das traumatisiert natürlich gerade Kinder. Der politische Herausforderer des Ministerpräsidenten, Benjamin Ganz, kritisiert denn auch, dass Netanjahu immer über Sicherheitspolitik rede, aber die Menschen, die an der Grenze zu Gaza wohnen, nicht wirklich in sein Sicherheitskonzept integriere.Aber auch auf der palästinensischen Seite ist der Alltag von leider notwendigen Kontrollen durch die israelische Armee geprägt. Auch das fördert nicht den Willen und das Vertrauen der Zivilbevölkerung.

Für die Menschen im Gazastreifen ist die Situation schwierig.
Für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen ist die Situation fast untragbar. Dazu muss ich sagen, dass ich noch nie im Gazastreifen war. Aber das, was man sieht und liest, zeigt, dass die Situation unerträglich ist. Die Hamas, die dort regiert, ist eine Terrororganisation. Sie ruft die Bevölkerung, darunter Frauen und Kinder, dazu auf, an die Front zu gehen, nach Israel einzudringen. Wohlwissend, dass das Israelische Militär dann nicht anders kann, als zu reagieren. Wenn die eigene Bevölkerung durch eine Miliz bedroht ist, würde jede Armee reagieren.

«Israel und die Palästinenser müssen zusammen eine Lösung finden.»

Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Israel und den Palästinensern?
Die Einsicht, dass man auf diesem Flecken Land, nur leben kann, wenn man miteinander lebt. Israel und die Palästinenser müssen zusammen eine Lösung finden, um auch die eigenen Probleme lösen zu können.

Sind Sie in Israel oder im Westjordanland schon einmal in eine gefährliche Situation geraten?
Es ist schwierig zu beurteilen, ob die Situation gefährlich war. Einmal kam ich an einem Grenzposten einer aggressiven Gruppe palästinensischer Jugendlicher, die mit Waffen spielten und brennende Materialien um sich warfen, nahe. Ob das wirklich am Rande der Eskalation stand, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, wenn man mit einer europäischen politischen Delegation in den Nahen Osten reist, ist man immer ein bisschen in einem Vakuum, geschützt davor, in eine gefährliche Situation zu geraten.

In Israel ist die politische Situation dadurch erschwert, dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu keine Regierungsbildung zustande gebracht hat. Im September finden deswegen zum zweiten Mal dieses Jahr Wahlen statt. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Innenpolitisch ist es eine schwierige Situation. Es geht ja nicht nur um die Frage nach einem Abkommen mit den Palästinensern, welche die israelischen Wahlen beeinflusst, sondern auch um soziale und wirtschaftliche Aspekte. Die israelische Aussenpolitik insgesamt und insbesondere, wie man mit der Bedrohung durch den Iran umgeht, spielen eine Rolle. Dazu kommen noch die Hisbollah im Libanon und die Situation in Syrien. Zugleich gibt es innenpolitisch auf der sozialen Ebene enorme Spannungen. Die israelische Gesellschaft driftet immer stärker auseinander, soweit ich das beobachten kann. Eine sehr vielschichtige Situation.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie mit NAFFO für eine deutsche Organisation tätig sind?
Das war Zufall. Ich wollte nach dem Studium in Zürich in einer Unternehmensberatung anfangen. Dann erhielt ich die Nachricht, dass sie keine Projekte hätten und den Vertrag mit mir nicht eingehen könnten. Als Alternativlösung kam ich über einen Bekannten zu einer Praktikumsstelle in Berlin an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik. So bin ich in den Bereich von Public Affairs und Politikberatung in Deutschland hineingerutscht. Mein heutiger Mann war der Grund, warum ich geblieben bin.

In Deutschland hat es in den letzten Jahren einen Rechtsrutsch gegeben, insbesondere mit dem Aufstieg der AFD. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Man macht sich Gedanken. Das ist nicht der Grund, aber einer der Gründe, warum ich mit der Familie wieder zurück gekommen bin in die Schweiz. Von Nahem beobachtet, habe ich gesehen, wie sich der Diskurs in der deutschen Politik verschärft hat. Wie angriffig und aggressiv der Tonfall geworden ist. Dass die AFD mittlerweile eine so starke politische Kraft ist, hat auch damit zu tun, dass sich die Volksparteien in vielen Themen gar nicht oder sehr schwach positioniert haben. Dadurch haben sie der AFD einen Platz offengelassen. Auch der Antisemitismus ist in Deutschland wieder stark angestiegen. Die Schwelle zur Gewalt ist viel niedriger als in der Schweiz. Manchmal habe ich das Gefühl,man schätzt es hier gar nicht richtig, was wir für eine enorme Diskussions- und Kompromisskultur haben. Das trägt viel dazu bei, dass wir ein angenehmes Miteinander haben.

«Leider ist israelbezogener Antisemitismus salonfähig geworden.»

Haben Sie selbst schon Antisemitismus erlebt?
Ja, in einem Vorgespräch zu einer Veranstaltung zum Thema Iran hat ein ehemaliger deutscher Diplomat mir gegenüber eine komische Aussage getätigt. Sie war derart antisemitisch, dass ich im ersten Moment sprachlos war und gar nicht wusste, wie ich darauf reagieren soll. Körperlich oder verbal bin ich aber nie bedroht worden. Oftmals ist Antisemitismus eher latent. Niemand sagt mehr, «du Scheissjude».

Es gibt Stimmen, die sagen, man könne Israel nicht kritisieren, ohne des Antisemitismus bezichtigt zu werden.
Schon in meiner Jugend habe ich mich klar dafür eingesetzt, dass man Kritik an Israel auf keinen Fall als Antisemitismus abtut. Man muss die israelische Regierung kritisieren können, wenn dort eine Politik gemacht wird, die nicht den eigenen Werten entspricht. Wenn man Israel das Existenzrecht abspricht oder dessen Politik mit anderen Massstäben misst als diejenige anderer Regierungen oder der Palästinenser dann ist es aber schnell einmal Antisemitismus. Man würde auch nie das Existenzrecht Spaniens wegen des Konflikts mit den Katalanen anzweifeln. Mit Israel wird das hingegen häufig gemacht. Leider ist israelbezogener Antisemitismus salonfähig geworden.

Sie sind mit ihrer Familie aus der pulsierenden Weltstadt Berlin ins beschauliche Küsnacht gezogen. Wie erleben Sie das?
Als entspannend, als wohltuend. Ich muss manchmal lächeln und denke dann, in der Schweiz ist die Welt einfach noch in Ordnung. Es ist ein wenig wie in einer grossen Blase, in der wir uns alle wohlfühlen. Den allermeisten Leuten geht es gut. Armut ist kaum sichtbar, was natürlich nicht heisst, dass sie nicht existiert. Wenn mich die Leute nach dem Unterschied zu Deutschland fragen, sage ich, dass die Menschen in der Schweiz auf ihre Umwelt, ihre Mitmenschen und sich selbst achten. Das ist der grösste Unterschied zu Berlin. Sachen wie das Drängeln am Billettautomaten, dass man beim Einkaufen die Frau oder den Mann an der Kasse grüsst und auch der Umgang mit der Natur. Wenn man hier am See abends schaut, liegt zwar auch Abfall herum, aber es ist kein Vergleich zu Pärken in Berlin. Die Schweiz ist noch eine Oase der Glückseligen.

Erstellt: 09.08.2019, 15:35 Uhr

Zur Person

Mirjam Rosenstein (38) ist Geschäftsführerin der Interessensorganisation Nahostfriedensforum (NAFFO). Sie hat Wirtschaftswissensschaften an der Universität St. Gallen studiert und nach dem Studium als Beraterin in der Pharmaindustrie gearbeitet.Für ihre Arbeit für NAFFO pendelt sie zwischen Küsnacht und Berlin, indem sie alle zwei Wochen einige Tage in der deutschen Hauptstadt verbringt. Mirjam Rosenstein ist in Küsnacht aufgewachsen und lebt nun seit anderthalb Jahren wieder mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Gemeinde.

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