Zollikerberg

«Man kann viel von Menschen mit Demenz lernen»

Die Diakonisse Brigitta Schröder hat ein Buch zum Thema Demenz geschrieben. Die 83-Jährige hat eine klare und auch unkonventionelle Meinung zum Umgang mit Betroffenen.

Diakonisse Brigitta Schröders Engagement für Menschen mit Demenz wird im Buch «Martha, du nervst!» thematisiert.

Diakonisse Brigitta Schröders Engagement für Menschen mit Demenz wird im Buch «Martha, du nervst!» thematisiert. Bild: Manuela Matt

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«Martha, du nervst!». So schonungslos direkt lautet der Titel eines neuen Buches, in welchem es um Demenz geht. «Es ist wichtig, dass er provozierend ist», sagt Brigitta Schröder. Sie wird in dem von Journalistin Franziska Müller geschriebenen Buch portraitiert. Thema ist, wie sie ihre Freundin Martha Soltek pflegte, als diese dement wurde. Diese Erfahrung war für Schröder der Ausgangspunkt, weiterhin Demente in einer Seniorenresidenz zu begleiten. Zudem studierte sie im höheren Alter noch Gerontologie und Geragogik. Heute ist ihr Name ein Begriff in Fachkreisen. Die 83-Jährige hat verschiedene Sachbücher zu Demenz veröffentlicht und wurde mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz sogar für ihr Engagement geehrt.

Vergleich mit Anarchisten

«Dass Bundesverdienstkreuz sollten eigentlich die Angehörigen bekommen, nicht ich», sagt Schröder in bestimmtem Ton dazu. Die Diakonisse, die dem Diakoniewerk Neumünster angehört, sagt, was sie denkt – lässt dabei aber immer wieder ihren Humor durchblitzen. In einem Punkt ist sie beim Treffen mit der Journalistin im Diakoniewerk in Zollikerberg klar: «Es geht um die Sache, nicht um mich.»

«Dass Bundesverdienstkreuz sollten eigentlich die Angehörigen bekommen, nicht ich.»Brigitta Schröder

Martha habe sie manchmal genervt, bis sie gemerkt habe, dass sie sich umstellen müsse, erzählt Schröder heute, wenn sie an die zwei Jahre zurück denkt, in denen sie ihre Freundin vor deren Tod betreut hat. Blickrichtungswechsel nennt sie diese Form von Selbstreflexion und Eigenverantwortung. «Wir lassen uns von Menschen mit Demenz verletzen, dabei geschieht alles, was sie tun ohne Absicht», stellt sie klar und vergleicht Demente mit Anarchisten, bezeichnet sie aber auch als Pioniere in Sachen Menschlichkeit. Sie seien authentisch: Man könne viel von Menschen mit Demenz lernen.

Begegnung auf Augenhöhe

Für Brigitta Schröder ist klar, dass im Umgang mit Demenz in unserer Gesellschaft einiges im Argen liegt. «Wir müssen Menschen mit Demenz auf Augenhöhe begegnen», betont sie. Dement zu sein, dass ist für die Diakonisse keine Krankheit, sondern ein Zustand, in welchem sich die Betroffenen auf einer anderen Ebene befinden. «Es ist, als wären wir «Gesunden» auf dem Festland, während die Menschen mit Demenz sich auf einer Insel befinden.» Man sage ihnen, dass sie zurück kommen sollten, erklärt Schröder. Aber sie könnten nicht zurück. Sie wählt deswegen einen anderen Ansatz: «Ich gehe auf die Insel und entdecke, was es dort Schönes gibt.» Wichtig sei es, Demente an unserem Leben teilhaben zu lassen.

«Zwar muss man den Betroffenen vieles erklären, als wären sie Kinder, aber sie brauchen und wollen keine Erziehung.»Brigitta Schröder

Dabei ist sie auch für unkonventionelle Vorgehensweisen im Umgang mit den Betroffenen. So stecken für Schröder viele Chancen in den neuen Technologien. Um dies zu verdeutlichen, zückt sie kurzerhand ihr iPad und zeigt auf Bildern, wie Roboter bei der Betreuung eingesetzt werden. «Viele Leute finden das schrecklich, aber die Dementen selbst sind sehr aufgeschlossen gegenüber Robotern», schildert sie ihre Erfahrungen. «Sie werden von diesen angenommen und nicht von ihnen bewertet und beurteilt.»

Erklären, aber nicht erziehen

Anderen Entwicklungen bei der Betreuung Dementer kann sie hingegen nichts abgewinnen. Davon, dass in Pflegezentren nachgebildete Busstationen eingerichtet werden, an denen die Menschen warten, ohne dass je ein Bus kommt, hält sie gar nichts. Mit einer solchen Massnahme nehme man die Dementen nicht ernst. «Zwar muss man den Betroffenen vieles erklären, als wären sie Kinder, aber sie brauchen und wollen keine Erziehung», stellt sie klar.

Dass die Betreuung und das Zusammenleben mit Menschen mit Demenz hart sein kann, verneint Schröder dabei keineswegs. «Der Weg ist schwer, aber erst wenn ich ein halb leeres statt ein halb volles Glas habe, wird er unerträglich.» Ihre Schilderungen lassen erahnen, dass die Betreuung der Freundin auch für sie manches Mal schwierig war.

Korsett für eine Querdenkerin

Wie die beiden Frauen sich Jahrzehnte zuvor kennengelernt haben, ist ebenfalls Thema des Buches. Brigitta Schröder war 1974 als Oberin und Pflegedirektorin an ein Spital der evangelischen Huyssensstiftung im deutschen Essen berufen worden. Dort lernte sie alsbald Martha Soltek kennen, die als Freiwillige half. Welche spezielle Verbindung die beiden hatten, verdeutlicht das Kapitel, in dem Schröder beschreibt, wie Soltek sie dazu überredete, ein Korsett zu kaufen, damit ihre Körperhaltung einer Autoritätsperson entspreche. «Bei der Wahl hatte ich nicht viel zu melden, denn sie wusste genau, was ich benötigte», steht da zu lesen und weiter: «Wenn ich mich künftig in meiner Tracht im Spiegel betrachtete , sah ich eine Frau mit sehr geradem Rücken und gestrafften Schultern.»

In Essen wohnt Schröder, die einst gegen den Willen ihrer Familie mit 23 Jahren Diakonisse in Zollikerberg wurde, noch immer. Dass die räumliche Distanz zur Schwesternschaft für sie als «Querdenkerin» wichtig war, schimmert sowohl beim Lesen des Buches als auch im Gespräch durch. Schröder betont aber auch, dass die Schwesternschaft ihr sehr viel Halt gebe. Fast monatlich schaut sie in Zollikerberg vorbei. Und auch ihren Lebensabend will sie im Diakoniewerk verbringen. «Ich bin dann in besten Händen und muss nicht einmal dafür zahlen», sagt sie mit einem verschmitzten Lachen. Das sei nicht selbstverständlich. Zum Schluss des Gesprächs kommt sie auf Martha zurück. Mit der Zeit sei die Freundin verstummt, aber auch Verstummte hätten ganz viel zu sagen, ist Brigitta Schröder überzeugt. «Martha hatte bis zuletzt immer wieder genussvolle Momente.»

Erstellt: 08.11.2018, 16:09 Uhr

Das Buch

«Martha, du nervst - Von einem anderen Umgang mit Demenz» von Franziska Müller, erschienen im Wörterseh-Verlag.

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