Im Gespräch

«Man darf sich vor nichts fürchten»

Louisa Erismann hat nach ihrer Pensionierung ihren Kindheitstraum wahr gemacht und eine Privatdetektei gegründet. Sie observiert Ehebrecher, Sozial- und Steuerbetrüger und sitzt dafür auch mal eine Nacht in einem Maisfeld.

So sieht Louisa Erismann als Privatperson aus. Ist sie als Privatdetektivin unterwegs, könne sie sich mit Perücke und Verkleidungen sogar in einen Jungen verwandeln, sagt sie.

So sieht Louisa Erismann als Privatperson aus. Ist sie als Privatdetektivin unterwegs, könne sie sich mit Perücke und Verkleidungen sogar in einen Jungen verwandeln, sagt sie. Bild: Manuela Matt

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Privatdetektive sind ältere, bärbeissige Männer, die in einem verqualmten Büro sitzen und keine moralischen Grenzen kennen. Sie entsprechen dem Klischee aus Filmen und Büchern in keiner Weise.
Es gibt sicher Privatdetektive, auf die dieses Klischee zutrifft. Diese Männer schauen mich schräg an, denn ich arbeite atypisch für einen Detektiv. Meine Vision ist es, den Beruf des Detektivs in ein anderes Licht zu rücken.

Inwiefern arbeiten sie atypisch?
Ich besitze eine starke Intuition. Die Klienten müssen mir nicht lang und breit erzählen, worum es geht, das spüre ich – auch dank meiner Ausbildung als Coach und Beraterin sowie meinen Kenntnissen in Astro- und Psychologie. Vorteile bringt mir auch meine vielschichtige Lebenserfahrung.

Welche Eigenschaften, neben Intuition, muss ein guter Detektiv ausserdem haben?
Der Leumund muss einwandfrei sein, ein Detektiv darf keine Schulden und keinen Eintrag im Strafregister haben. Ausserdem braucht er einen klaren Verstand, eine gute Beobachtungsgabe und eine psychisch und physisch gute Gesundheit. Man muss bereit sein, viel Zeit draussen zu verbringen und das bei jedem Wetter. Manchmal kauere ich mehrere Stunden hinter einem Busch, bis sich die Zielperson zeigt. Einmal habe ich einen ganzen Tag und eine ganze Nacht in einem Maisfeld zugebracht. Bei dieser Arbeit darf man sich vor nichts fürchten.

Was haben Sie im Maisfeld gemacht?
Eine Frau hat mich beauftragt, ihren Freund zu beobachten. Er hatte angegeben, das Wochenende mit seinem Sohn zu verbringen, sie aber war sicher, dass er sich mit einer anderen Frau verabredete. Ich habe also das ganze Wochenende eingeplant für die Observierung und mich mit Feldstecher, Kamera und Essen – ich nehme immer zwei bis drei Bananen mit – im Maisfeld installiert, um sein Haus zu beobachten.

«Wenn man richtig observiert, braucht man die Privatsphäre der Leute nicht zu verletzen.»

Was ist passiert?
Einige Stunden waren langweilig. Das Problem ist, dass man nicht mal kurz wegschauen oder am Handy herumspielen kann. Denn es passiert garantiert in der Sekunde etwas Wichtiges, in der man abgelenkt ist. Die Konzentration aufrecht zu erhalten, alles Wichtige abzuspeichern und zu warten ist sehr anstrengend. In diesem Fall hat sich der Verdacht der Frau bestätigt: Plötzlich sah ich eine Frau mit einem Auto ankommen. Sie entpuppte sich als Freundin des Mannes und ich konnte Fotos schiessen.

Eine gute Beobachtungsgabe sei auch wichtig, sagen Sie. Wissen Sie, welche Schuhe die Fotografin trägt?
Nein, natürlich nicht, denn ich habe mich nicht auf sie konzentriert. Für die Personen, die ich observiere, besitze ich jedoch ein fotografisches Gedächtnis: Ich würde sie anhand der Gesichtsstrukturen, der Grösse und spezieller Merkmale auch erkennen, falls sie verkleidet wäre. Einmal Hinschauen reicht mir dafür.

«Die meisten Aufträge sind Hilferufe von Personen, die fürchten, betrogen zu werden.»

Wie weit gehen Sie für gute Beweise?
Ich habe mich sehr aufgeregt über die Diskussion zu den Sozialdetektiven, die zur Abstimmung standen. Anders als behauptet, fotografiere ich nicht in Schlafzimmer und begehe keine Einbrüche. Wenn man richtig observiert, braucht man die Privatsphäre der Leute nicht zu verletzen. Ich finde meine Motive immer im Freien.

Warten gehört zu Ihrem Beruf. Wie steht es mit Verfolgungen?
Ich fahre gern Auto und habe keine Probleme, auch einmal aufs Gas zu treten. Verfolgungen sind nicht immer einfach. Kürzlich hat mich eine Frau beauftragt, ihren Mann zu beobachten. Wir wussten jeweils nicht im Voraus, ob er mit dem Auto, dem öffentlichen Verkehr oder zu Fuss unterwegs sein würde. Um ihm auf den Fersen bleiben zu können, habe ich mit zwei Freelancern zusammengearbeitet und war mit ihnen über Funk verbunden. Schwierig ist es auch in Warenhäusern. Man muss aufpassen, dass die Zielperson nicht durch einen Seitenausgang entschlüpft.

Wie stellen Sie es an, dass Sie als Beobachterin nicht enttarnt werden?
Ich fahre ein unauffälliges Auto. Zudem habe ich bei Observationen immer mehrere Kleidungsstücke im Kofferraum, trage verschiedene Hüte, Perücken und verschiedene Schuhe. Ich bin sehr gut im Verkleiden. Dank Schminke kann ich mich sogar als Junge ausgeben. Ich bin zum Glück noch nie entlarvt worden, das wäre mehr als peinlich.

«Je grösser die Herausforderung, desto mehr Spass macht mir das Knobeln.»

Verdacht auf Seitensprung scheint ein häufiger Grund zu sein, Sie zu engagieren. Welche Art Aufträge haben Sie noch?
Ich biete eine sehr breite Palette von Dienstleistungen an. Die meisten Aufträge aber sind tatsächlich Hilferufe von Personen, die fürchten, betrogen zu werden. Zwei Drittel meiner Auftraggeber sind Frauen, ein Drittel Männer. Hegt jemand einen Verdacht, bestätigt er sich meiner Erfahrung nach in den meisten Fällen. Oft werde ich auch engagiert bei Internetbetrug, um Kinder zu überwachen oder Personen zu suchen.

Können Sie ein Beispiel für eine solche Personensuche nennen?
Ja. Es handelte sich um einen sehr herausfordernden Fall. Ein Ehepaar hatte im Ausland ein Business aufgebaut, bis sich der Mann entschloss, in die Schweiz zurückzukehren. Hier verschwand er von der Bildfläche und die Frau beauftragte mich, ihn ausfindig zu machen. Das ist mir gelungen. Es stellte sich heraus, dass er in der Schweiz einen gutbezahlten Job gefunden hatte und eine Freundin, mit der unter falschem Namen in einem Einfamilienhaus lebte. Der Groschen fiel bei mir, als ich merkte, dass er häufig zügelte; er hinterzog in grossem Stil Steuern. Vor Gericht stiess er üble Drohungen gegen mich aus und die nächtlichen Anrufe, die ich erhalte, gehen auf sein Konto.

Sind Sie in Gefahr?
Ich bin nicht in Gefahr, aber angenehm sind solche Drohungen nicht.

Welche Möglichkeiten haben Sie, um sich zu schützen?
Ich besitze eine Waffe und trainiere regelmässig. Wenn es brenzlig werden könnte, nehme ich meinen Pfefferspray mit. Denn ich habe nicht mehr Befugnisse als jeder normale Bürger und halte mich an die Gesetze.

Welche Aufträge lehnen Sie ab?
Aufträge, die nicht legal sind, wie zum Beispiel, als ich für einen Klienten durch ein Schlüsselloch filmen sollte. Kürzlich habe ich ausserdem einen Auftrag abgelehnt, bei dem ich einen Ehemann beim Weihnachtsessen beobachten und herausfinden sollte, ob er danach ein Etablissement besucht. Der Auftrag war mir aber auch zu kurzfristig.

In den meisten Fällen decken Sie Unangenehmes auf. Wie gehen Sie damit um und wie Ihre Klienten?
Ich bin nicht nur Detektivin, sondern auch Coach und Beraterin und betreue die Leute vor und nach einem Auftrag. Oft sind die Personen, die mich in meiner Detektei aufsuchen, sehr aufgebracht und ich muss sie zuerst beruhigen. Hat sich ihr Verdacht bestätigt, versuche ich Ihnen neue Wege aufzuzeigen. Einige begleite ich auch zum Anwalt.

Was an Ihrer Arbeit macht Ihnen am meisten Spass?
Privatdetektivin zu sein ist wie puzzeln, man muss verschiedene Teile richtig zusammenfügen. Je grösser die Herausforderung, desto mehr Spass macht mir das Knobeln. Ich benütze gerne meinen Kopf. Wenn ich einen komplizierten Fall habe, gehe ich oft im Wald joggen; da kommen mir die zündenden Ideen.

Sie sind im Pensionsalter. Weshalb setzen Sie sich nicht zur Ruhe?
Ich wollte schon als Kind Detektivin werden und ich habe jetzt, da ich pensioniert bin, meine Berufung zum Beruf gemacht. Ich nehme an, dass ich wie meine Mutter über 90 Jahre alt werde. So lange kann ich jedoch nicht von meiner Pension leben. Wenn ich weiterarbeite habe ich ausserdem eine Aufgabe, die mir Freude macht. Ich bleibe gesund und agil.

Erstellt: 27.01.2019, 15:19 Uhr

Zur PersonLouisa Erismann

Privatdetektivin Louisa Erismann ist auf einem Bauernhof im Kanton Zug aufgewachsen und lebt heute am Zürichsee. Erismann absolvierte die Bäuerinnen-Schule, bevor sie sich zur Fotografin ausbilden liess. 18 Jahre lang führte sie mit ihrem Mann ein Foto- und ein Optikfachgeschäft. Als sie sich von ihm trennte, war sie als Assistentin einer Fotografin tätig und absolvierte gleichzeitig die Handelsschule. Dann arbeitete sie 20 Jahre im Aussendienst für einen Optik-Konzern. Nach der Pension bildete sie sich als Coach und Beraterin sowie als Privatdetektivin aus. Vor zwei Jahren gründete sie im Seefeld ihre eigene Privatdetektei (www.die-detektivin.ch).(rau)

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