Hombrechtikon

Lebende Bücher in der Bibliothek

In der Bibliothek fungierten Menschen als «lebende Bücher» und konnten für ein Gespräch ausgeliehen werden. So entstanden Kontakte zwischen Menschen, die sich sonst nicht begegnen würden.

Die Polizistin Claudia zählt als lebendes Buch aus ihrem Berufsleben.

Die Polizistin Claudia zählt als lebendes Buch aus ihrem Berufsleben. Bild: Michael Trost

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«Living Library» - lebende Bibliothek – ein Titel, unter dem sich die Hombrechtikerin Marthy Brenner nicht viel vorstellen konnte. Dennoch lockte sie die Ausschreibung am Donnerstag an den Veranstaltungsort, die Gemeindebibliothek Hombrechtikon. «So unterschiedliche Persönlichkeiten zu treffen, ist eine Horizonterweiterung für mich», sagt sie. Ihre Kollegin Susanne Burnand sieht es ähnlich. Sie habe es verlockend gefunden, auf diese Weise mit Menschen ins Gespräch zu kommen, mit denen sie sonst vielleicht keine Anknüpfungspunkte gehabt hätte.

«Genau das ist das Ziel des Anlasses», sagt Organisatorin Michèle Hadorn. «Wir schaffen hier die Möglichkeit, Menschen mit unterschiedlichen beruflichen und kulturellen Hintergründen zu begegnen.» Hadorn ist Projektleiterin des Vereins JASS, der sich für eine inklusive Gesellschaft engagiert. Das Projekt «Living Library» ist eines der Angebote, die der Verein für die Förderung von Toleranz, Respekt und gegen Vorurteile lanciert. Ganz im Sinne des Vereins fordert sie die zwölf Besucherinnen denn auch auf, freundlich mit den lebenden Büchern umzugehen und zu tolerieren, wenn eine Frage nicht beantwortet werden möchte.

In lebenden Büchern blättern

Wäre der Anlass nicht so organisiert, dass jede Gruppe eine Viertelstunde bei jedem Buch verweilen dürfte, wäre die Wahl wohl hier und da schwergefallen. Kathrin Wild, Kooperationspartnerin des Vereins JASS, arbeitet für den «Nettswerk Träff» der reformierten Kirche Hombrechtikon und hat so eine «Buchauswahl» zusammengetrommelt, die es inhaltlich mit jeder Bestsellerliste aufnehmen könnte. Eine Polizistin, ein Bestatter, eine Muslimin, ein Senegalesischer Rapper, ein pensionierter Lehrer und eine Pfarrerin stellen sich für den Austausch zur Verfügung. In Nischen im Raum verteilt, sitzen sie gesprächsbereit zwischen Büchern aus Papier.

Eine in der Schweiz aufgewachsene Muslimin erzählt aus ihrem Leben.

Die Minuten verfliegen schnell, immer wieder müssen Hadorn und ihr Projektkollege Manuel Reutimann Spielverderber spielen und die Gruppen zum nächsten Buch schicken. Der Gesprächsstoff ist an jedem einzelnen Tisch gross, schliesslich sind die Bezeichnungen der Bücher nur einzelne Facetten ihrer Leben. Der Rapper entpuppt sich als Fachangestellter Betreuung und erzählt, wie er sich bei seiner Ankunft in der Schweiz gewundert hat, wo sich alle Menschen verstecken. Am Tisch der Pfarrerin geht es immer wieder darum, wie sie sich als Frau in diesem Beruf fühlt und welchen Zweck eine Berufskleidung wie der Talar für sie haben kann. Der pensionierte Lehrer ist gerade dabei, seinen Lebenstraum mit der Bewirtschaftung eines eigenen Rebbergs umzusetzen. So füllen sich die Blätter der lebenden Bücher mit Geschichten, in denen jede einzelne Besucherin nach Lust und Laune blättern darf.

Den Menschen dahinter sehen

«Ich war im Voraus ein bisschen unsicher, ob das, was ich zu erzählen habe, genug interessant ist», erzählt der Rapper im Anschluss. Eine Befürchtung, die sich nicht bewahrheitet hat, wie auch die Besucherin Marthy Brenner bestätigt. «Ich fand es höchst spannend, so viel Neues zu erfahren», sagt sie. Die Gespräche seien wahnsinnig interessant gewesen und die Tatsache schön, dass man einfach mal alles habe fragen dürfen. «Es war nicht nur ein Konsumieren, man hat sich auch selbst mit dem Gegenüber auseinandergesetzt», ergänzt Susanne Burnand. Sie habe die grosse Vielfalt unterschiedlicher Menschen, die «ausgeliehen» werden durften, sehr geschätzt.

«Es ist schön, wenn die Besucherinnen den Menschen hinter einer Bezeichnung kennenlernen», führt die Organisatorin Michèle Hadorn aus. Wenn Ungewisses durch direkten Kontakt aufgehoben werden könne, wachse das Verständnis dafür. In der «Living Library» in der Gemeindebibliothek Hombrechtikon dürfte dies an diesem Abend passiert sein.

Erstellt: 20.09.2019, 16:47 Uhr

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