Wochengespräch

«Kyoto muss man gesehen haben»

Herbert Haag ist Präsident der Schweizerisch-Japanischen Gesellschaft. Der Üriker wurde für sein Engagement kürzlich als einer von wenigen Ausländern vom japanischen Staat mit dem Orden der aufgehenden Sonne geehrt.

Herbert Haag mit einem mehr als 200-jährigen Samuraikrieger und vor dem japanischen Paravan, den er nach reiflicher Überlegung schliesslich statt eines Hauses gekauft hat.

Herbert Haag mit einem mehr als 200-jährigen Samuraikrieger und vor dem japanischen Paravan, den er nach reiflicher Überlegung schliesslich statt eines Hauses gekauft hat. Bild: Michael Trost

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In Japan gibt es viele ungeschriebene Regeln. Sie haben als Manager einer Rückversicherung lange dort gearbeitet und gelebt. Da sind sie sicher auch schon in ein Fettnäpfchen getreten?
Herbert Haag: Bestimmt, aber ich habe es nicht immer bemerkt. Wenn das Gegenüber erkennt, dass man in ehrlicher Absicht gehandelt hat und niemandem schaden wollte, ist das kein Problem - auch in Japan nicht.

Als Sie 1975 nach Japan gezogen sind, gab es bestimmt Situationen, die nicht einfach waren?
Die Sprache ist ein grosses Handicap. Vor allem wenn man die Schrift nicht lesen kann, wird es schwierig. Damals war vieles nicht in westlicher Schrift angeschrieben, beispielsweise in der U-Bahn. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert. Ich habe neun Jahre in Japan gelebt. Ursprünglich dachte ich, dass ich drei oder vier Jahre dort bleibe. Aber nach dieser Zeit merkte ich, dass ich den Zugang zur japanischen Seele noch nicht gefunden hatte. Entsprechend konnte ich die Japaner noch nicht dazu bewegen, dass sie mit mir statt jemand anderem ein Geschäft abschliessen. Nach gut sechs Jahren habe ich gespürt, dass mir die Türen in Japan nun offen stehen. Diese Zeit hat es gebraucht: Zum einen für die Japaner, um Vertrauen zu fassen, zum anderen für mich, um all die ungeschriebenen Regeln zu verinnerlichen.

Gab es einen Schlüsselmoment, in welchem Sie gemerkt haben, jetzt werde ich akzeptiert?
Im Beruf wurde ich wegen meiner Firma, der Swiss Re, akzeptiert, aber es herrschte immer eine vornehme Zurückhaltung. Erst als ich mich auf Japanisch verständigen konnte, fand ich den Zugang zu den menschlichen Dingen. Die Japaner wollten mehr über meine Familie wissen und fingen an, mich zu sich nach Hause einzuladen, was bei Ausländern sehr selten passiert. Damit wollten sie ihren Nachbarn zeigen, dass sie Kontakt zu einem Ausländer haben. Es war eine Prestigefrage. Aber es ging auch darum, ihren Kindern zu verdeutlichen: Schaut, die Welt ist grösser als eure Umgebung.

Auch nach Beendigung ihrer beruflichen Laufbahn ist Japan für sie eine Herzensangelegenheit geblieben. Seit 2003 sind sie Präsident der Schweizerisch-Japanischen Gesellschaft. Was fasziniert sie an dem Land?
Die Faszination ist natürlich entstanden, als ich in Japan gelebt habe. Ich habe entdeckt, dass die Japaner einen zwar kindlichen, aber auch absolut überwältigenden und herzigen Humor haben. Ausserdem besitzen sie Loyalität und Empathie für die Situation anderer Menschen. Meine Faszination hängt aber auch mit der japanischen Kultur zusammen.

Welche Kulturform gefällt ihnen denn besonders?
Ich habe mich ins Bunraku, das klassische Puppenspiel, verliebt, aber auch in die Kunst. Den Paravan, der in meinem Wohnzimmer hängt, habe ich in der Anfangszeit meines Japan-Aufenthalts in einem Laden gesehen. Er war unerschwinglich und der Händler sagte mir, dass ich noch einen zweiten zugehörigen Paravan kaufen müsste. Jedes Jahr ging ich wieder vorbei und jedes Mal war der Paravan noch da. Aber der Preis stieg und stieg. Nach sechs Jahren wollte ich aufgeben. Da bot mir der Händler an, mir den ursprünglichen Preis zu offerieren, sollte ich beide Paravans nehmen. Ich musste mich entscheiden: Kaufe ich ein Haus oder die Paravans. Ich habe mich für die Paravans entschieden. Für mich war klar: So etwas finde ich nie wieder.

War es die richtige Entscheidung?
Absolut. Ich habe das Haus ja trotzdem noch bekommen - sogar ein sehr schönes. Damals hatte ich noch nicht viel Geld. Und meine Frau war der Meinung, dass die Paravans viel zu teuer seien. Aber die japanische Kunst ist etwas vom Schönsten, was es gibt: vor allem die Malerei, aber auch Schnitzereien. Ich bin überrascht und enttäuscht, dass sie in der Weltkultur keine höhere Wertschätzung erfährt.

«Ich bin enttäuscht, dass die japanische Kunst keine höhere Wertschätzung erfährt.»Herbert Haag

Sie haben Bunraku erwähnt. Ihnen ist es zu verdanken, dass dieses Puppenspiel das erste Mal in der Schweiz gezeigt wurde. Wie kam es dazu?
Ich würde fast sagen, dass das meine Meisterleistung war. 2014 feierten wir das 150-jährige Jubiläum der Schweizerisch-Japanischen Beziehungen.Ich bin in Japan immer gerne in Bunraku-Vorstellungen gegangen und habe mir gedacht, wenn man das bloss in der Schweiz zeigen könnte. Drei Jahre vor dem Jubiläum habe ich begonnen deswegen beim Kultur- und Finanzministerium vorzusprechen. Zuerst hiess es, das komme nicht in Frage, die Schweiz sei ein zu kleines Land. Dank der Hilfe des japanischen Botschafters und meinem Insistieren, konnten wir das Bunraku doch in die Schweiz holen. Es war zwar teuer - das Budget betrug über eine Million Franken - und den Verlust musste ich selbst tragen, aber es hat sich gelohnt: Wir konnten es in sechs Schweizer Städten zeigen.

Sie wurden mit dem Orden der aufgehenden Sonne geehrt, der vom japanischen Kaiser verliehen wird. Was schoss Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfahren haben?
Ich empfand einen gewissen Stolz und Dankbarkeit. Aber einer der ersten Gedanken war die Frage, fahre ich nach Japan, um den Orden vom Kaiser persönlich entgegenzunehmen oder lasse ich ihn mir vom Botschafter übergeben. Aus praktischen Gründen bin ich nicht nach Japan gefahren.

Haben Sie den japanischen Kaiser denn schon einmal getroffen?
Ich habe ihn als Kronprinzen gekannt. Meine verstorbene Frau hat sich fast ein wenig mit der heutigen Kaiserin und damaligen Kronprinzessin angefreundet. Meine Frau hat sich stark für Ikebana engagiert. Die Kronprinzessin hatte das Patronat für die Schule dieser Blumensteckkunst. So haben sie sich kennengelernt und öfters ausgetauscht. Es wäre eigentlich schön gewesen, ihren Mann wieder zu sehen. Ich habe Kronprinz Akihito hie und da beim Tennis im Tokyo Lawn Tennis Club getroffen.

Sie haben mit dem japanischen Kaiser Tennis gespielt?
Nein, ich nicht. Aber ein Freund von mir hat jeweils mit ihm gespielt und so haben wir uns kennengelernt.Er war sehr sympathisch, natürlich auch zurückhaltend und vornehm. Seine Frau war sein grösster Schatz. Sie ist eine Bürgerliche, und besass eine grosse Schönheit und Eleganz. Das zwischen den beiden ist die grosse Liebe.

Ihre Aufgabe ist es, Brücken zu schlagen zwischen Japan und der Schweiz. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern?
Japan und die Schweiz haben sehr viele Gemeinsamkeiten. Viel mehr als die Japaner zugeben wollen. Diese sagen oft, Deutschland stehe ihnen nahe. Aber grundsätzlich sind wir Schweizer ihnen von der Art und Weise her viel ähnlicher. Beides sind etwas zurückhaltende Völker, sehr fleissig, loyal, pünktlich.

Wenn sie nur einen Tipp geben dürften: Was muss man in Japan gesehen haben?
Kyoto muss man gesehen haben, bevor man stirbt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 15.07.2018, 16:25 Uhr

Zur Person

Herbert Haag (71) ist seit 2003 Präsident der Schweizerisch-Japanischen Gesellschaft. Die Organisation mit über 500 Mitgliedern will das gegenseitige Verständnis und den Kontakt zwischen den Ländern fördern. Sie bietet Interessierten Einblick in das kulturelle, geistige, soziale und wirtschaftliche Leben Japans. Für seine Verdienste wurde Haag im Namen des japanischen Kaisers kürzlich der Orden der aufgehenden Sonne verliehen. Beruflich war er als Manager in der Rückversicherungsbranche in Hongkong, auf den Bermudas und auch neun Jahre in Japan tätig. Der gebürtige Stadtzürcher ist verwitwet, hat sein Haus in Ürikon und ist Vater zweier erwachsener Kinder.

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