Küsnacht/Zürich

Küsnachter soll aus Angst vor Kränkung getötet haben

Der «Dolder-Mord» sorgte 2014 für Entsetzen. Der Beschuldigte bewahrte sein Opfer tagelang im Keller seiner Küsnachter Wohnung auf. Jetzt liegt die Anklageschrift vor. Demnach sollte ihn die Tat vor Liebeskummer bewahren.

Spurensicherung im beschaulichen Küsnachter Quartier: Hier wurde im September 2014 die getötete Prostituierte gefunden.

Spurensicherung im beschaulichen Küsnachter Quartier: Hier wurde im September 2014 die getötete Prostituierte gefunden. Bild: Archiv / Frank Speidel

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Es war ein tiefer Fall, den ein Küsnachter innert drei Jahren erlitt: vom leitenden Angestellten im Finanzsektor zum Beschuldigten in einem grausamen Tötungsdelikt. Der heute 49-Jährige hatte im September 2014 im Hotel Dolder Grand in Zürich eine 25-jährige Prostituierte umgebracht. Die Leiche transportierte er in einem Koffer heim und versteckte sie in einem Weinschrank im Keller. Nach neun Tagen stand die Polizei vor der Tür.

So viel war bekannt. Die gestern veröffentlichte Anklageschrift bringt weitere Details ans Licht. Demnach hat der Küsnachter aus Angst, zurückgewiesen zu werden, getötet. Sein späteres Opfer, das sich Kathleen nannte, hatte er Ende 2013 in einem Edelbordell kennen gelernt. «Er meinte, in ihr die Frau seines Lebens gefunden zu haben», steht in der Anklageschrift.

Grosszügigkeit kam gut an

Der Beschuldigte lebte mit seiner Partnerin in einem Küsnachter Mehrfamilienhaus. In Bordellen begann er zu verkehren, nachdem er Ende 2011 seine Stelle aufgegeben hatte und in die Vereinsamung rutschte. Bei den Prostituierten kam seine Grosszügigkeit gut an. Er, der zuvor jährlich eine Viertelmillion Franken verdient hatte, gab nun mehr Geld aus, als er hatte. Laut Anklageschrift konnte der Küsnachter seine Zahlungsunfähigkeit nur noch durch den Verkauf von Wertsachen wie Uhren, Möbel und Wein abwenden.

Eine erste Prostituierte, für die der Mann entflammte, entzog sich ihm durch die Rückkehr in ihre Heimat. Trost fand er erst durch den Kontakt mit Kathleen. Ihm war aber klar, dass seine Finanzen nicht mehr lange ausreichen würden, um ihr Interesse aufrechtzuerhalten. Laut Anklageschrift erschien ihm der Gedanke unerträglich, auch von dieser Frau zurückgewiesen zu werden. «Seine Situation erschien ihm dermassen aussichtslos, dass er meinte, der drohenden Kränkung nicht anders als durch Tötung des Opfers begegnen zu können.»

Koffermass abgestimmt?

Die 25-jährige Polin willigte zum Vorschlag ein, eine gemeinsame Nacht im Hotel Dolder zu verbringen. Was dort geschah, beschreibt die Anklageschrift detailliert. Demnach hatte der Beschuldigte eigens einen Koffer seiner Lebenspartnerin von zu Hause mitgebracht, um darin den Leichnam abzutransportieren. «Der Koffer passte auch genau in einen Weinklimaschrank im Keller seiner Wohnung», heisst es dazu.

Im Zimmer soll der Mann das Opfer mit Betäubungsmitteln ruhiggestellt und bis zum Tod brutal misshandelt haben. Er schlug, stiess und würgte die Frau und erstickte sie schliesslich, indem er ihr die Hand oder einen Gegenstand aufs Gesicht drückte. Den nackten Leichnam legte er in den Koffer, den er am anderen Morgen nach Hause fuhr.

Kein Mord, sagt Verteidiger

Laut Anklageschrift traf der Beschuldigte Vorkehrungen gegen den Verwesungsgeruch: Er stellte die Kühlung im Keller maximal ein und brachte sogar Duftstecker an. All dies qualifiziert die Tat gemäss Staatsanwaltschaft als besonders egoistisch, kaltblütig, heimtückisch und grausam. Ihr Antrag lautet auf Mord. Zum Strafmass äusserte sich der Staatsanwalt nicht.

Für Andrea Taormina, den Verteidiger des Beschuldigten, fällt die Anklageschrift zu einseitig aus. «Sie wird der Realität nicht gerecht», sagt er auf Anfrage. Es habe sich nicht um eine geplante Tat gehandelt, sondern um das «tragische Ende eines Beziehungsstreits». Sein Mandant bereue das Vorgefallene zutiefst. Was Taormina dem Antrag der Staatsanwaltschaft entgegensetzen wird, lässt er noch offen. Infrage kommt vorsätzliche Tötung oder Totschlag. Der Prozess am Bezirksgericht Zürich findet am 26. Juli statt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 19.06.2017, 18:33 Uhr

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