Küsnacht/Zürich

Küsnachter bittet nach brutaler Tötung um Verzeihung

Der 34-jährige Galeristensohn, der im Drogenrausch einen Freund getötet hat, wird am Obergericht emotional. Sein Verteidiger beharrt auf einem Freispruch.

Der Beschuldigte verfolgt die Verhandlung zwischen seinen Verteidigern Thomas Sprenger (stehend) und Thomas Fingerhuth.

Der Beschuldigte verfolgt die Verhandlung zwischen seinen Verteidigern Thomas Sprenger (stehend) und Thomas Fingerhuth. Bild: Robert Honegger

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Dass etwas Schlimmes passiert ist, ist allen klar. Auch dass der heute 34-Jährige in einer Küsnachter Villa einen guten Freund getötet hat, ist unbestritten. Doch der Staatsanwalt und der Verteidiger könnten die Konsequenzen der Tat nicht unterschiedlicher beurteilen. Ersterer will einen Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung, Letzterer einen Freispruch. Das Bezirksgericht Meilen folgte dem Staatsanwalt.

Vor allem darum, aber auch aufgrund eines Schuldspruchs wegen der Vergewaltigung einer Ex-Freundin zog das Verteidigerteam das erstinstanzliche Urteil aus Meilen ans Obergericht weiter. Denn aus ihrer Sicht hat der Täter seinen Freund Ende 2014 zwar auf äusserst brutale Weise umgebracht, ist aber vollkommen schuldunfähig.

Psychiater stützte Version

Für sein Argument hat der neu engagierte Verteidiger Thomas Fingerhuth gewichtige Unterstützung. Denn der zuständige Psychiater hatte in seinem Gutachten eine Schuldunfähigkeit aufgrund eines psychotischen Rauschverlaufs attestiert, ausgelöst durch den Konsum von Kokain und Ketamin.

Vor allem Letzteres ist entscheidend. Haben doch gleich zwei Psychiater bestätigt, dass im Ketaminrausch Halluzinationen möglich sind, wie sie der Beschuldigte beschrieben hat. Beispielsweise, dass er den Freund als grünes Männchen wahrgenommen hat oder dass er dachte, der Freund wolle ihn töten.

Das Bezirksgericht habe das Gutachten nicht genügend gewürdigt, argumentiert der Verteidiger am Montag vor dem Obergericht. Er bestreitet auch, dass es dem 34-jährigen Deutschen möglich gewesen wäre, die Tat zu vermeiden. Aus eigenem Antrieb hätte er den Drogenkonsum nicht stoppen können, da seine Sucht schon Jahre dauerte und ein sehr grosses Ausmass angenommen hatte.

Staatsanwalt Alexander Knauss zweifelt an der Erzählung des Beschuldigten. Er sagt auch, es entspreche der Rechtsauffassung, dass ein Gericht die Beweise würdigt und sich nicht blind auf den Gutachter verlässt. In der Untersuchung habe der Beschuldigte damit geprahlt, im Raum Zürich der Spezialist für Ketamin zu sein. Man könne seine Geschichte, die so klingt, wie ein Ketaminrausch klingen soll, glauben, müsse aber nicht.

16 Jahre gefordert

Am Nachmittag fordert auch der zweite Verteidiger, Thomas Sprenger, einen Freispruch. Thema war ein brutaler sexueller Übergriff auf die Ex-Freundin des Beschuldigten, der sich in einem Londoner Hotel abgespielt haben soll. Sprenger stellt die Frau als unglaubwürdig hin. So habe sie den Vorfall sehr spät gemeldet und schon früher Männer sexueller Übergriffe beschuldigt. Der Staatsanwalt beharrt auch hier auf einem Schuldspruch wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Er fordert für alle Delikte eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren. Am Bezirksgericht Meilen wurde der Beschuldigte noch zu 12 Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Ungewöhnlich viele Aussagen macht der Täter, der in Meilen vier Tage lang fast nur geschwiegen hatte. Zwar sagt er zu den ihm vorgeworfenen Taten weiterhin nichts. Doch er äussert er sich zum Gefängnisalltag, wo es ihm schlecht gehe. Immerhin macht er dort ein Fernstudium in Immobilienmanagement. Sollte er aus dem Gefängnis entlassen werden, wolle er so bald wie möglich auf eigenen Füssen stehen.

«Ich hasse mich dafür»

Der 34-Jährige betont auch, drogenfrei leben zu wollen. Selbst alle Medikamente habe er mittlerweile abgesetzt. Im Schlusswort bezeichnet er Drogen als den schlimmsten Fehler seines Lebens. Dass er süchtig nach Ketamin und wahrscheinlich auch nach Kokain und Benzodiazepinen war, bestätigt er. Sucht sei eine lebenslange Problematik, doch er sehe sich auf einem guten Weg. Die ambulante Therapie im Gefängnis helfe ihm. Auch einer Behandlung in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik steht er nicht ablehnend gegenüber. Er denke jeden Tag an seinen Freund und die Tat, sagt der 34-Jährige in seinem Schlusswort. Bei der Familie, die in einem anderen Raum zuhörte, entschuldigte er sich. Auch wenn er annehme, dass sie ihm nicht verzeihen könne.

Er sei an dem Tag völlig neben sich gestanden und nicht Herr seiner Sinne gewesen. Sonst hätte er so etwas nie machen können. Er hasse sich dafür, was er seinem langjährigen Freund angetan habe, den er wie einen Bruder geliebt habe.

Die Richter werden das Urteil am 27. November eröffnen.





Erstellt: 18.11.2019, 07:32 Uhr

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