Wochengespräch

«Konzertmeister ist eine Funktion mit grosser Verantwortung»

Intensive Studienjahre an der Violine prägten schon früh das Leben von Xiaoming Wang. Heute ist der Herrliberger Konzertmeister am Zürcher Opernhaus – und daneben begeisterter Quartettmusiker.

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Ihr Vater hat Sie früh mit der Geige in Kontakt gebracht. Hatten Sie überhaupt eine andere Berufswahl?
Xiaoming Wang: Mein Vater ist während Maos Kulturrevolution aufgewachsen. Auf seiner Geige konnte er nur nachts spielen – obwohl natürlich auch das verboten und darum ziemlich gefährlich war. Es war dann sein grosser Wunsch, mir zu ermöglichen, wovon er nur hatte träumen können: Das Geigenspiel richtig zu lernen und zum Beruf zu machen. So hat er mir schon früh mit Essstäbchen die Streichbewegungen beigebracht und mir dann zum vierten Geburtstag meine erste Geige geschenkt.

Sie haben den Lebenstraum Ihres Vaters erfüllt. Aber hatten Sie als Kind überhaupt Freude am Geigenspiel?
Am Anfang schon. Es war sehr schön, ein Instrument lernen zu dürfen – etwas ganz Besonderes, da damals erst wenige Kinder Musikunterricht erhielten. Das war kein Vergleich zu heute. Ich war stolz auf meine Geige und habe das Üben geliebt. Aber es war natürlich nicht immer nur Spass. Es war auch hart, die Streichbewegungen zu lernen, die gegen die natürliche Handhaltung gehen. Und es galt die Regel, zwei bis drei, später bis zu sechs Stunden am Tag zu üben.

Hierzulande assoziiert man den Musikunterricht in China häufig mit Zucht und Drill. Stimmt dieses Bild?
Ja, es stimmt, in den Schulen und Familien gibt es viel Druck. Mein Vater, der mich die ersten Jahre selber unterrichtet hat, hat jedoch stets die Bedeutung der Musik als Sprache des Herzens hervorgehoben und war immer sehr geduldig und liebevoll. Dass ich hart arbeite, wurde zwar schon verlangt. Aber Zurechtweisungen und Gewalt, wie sie Lang Lang – mein Klassenkamerade am Zentralkonservatorium in Peking – erfahren hatte, gab es bei mir nicht.

«Vorteilhaft in China finde ich, dass die Kinder mehr Druck erfahren.»

Wenn Sie die Musikerausbildung in China mit jener in Europa vergleichen – wo sehen Sie Vor- und Nachteile?
Allgemein in Asien wird viel Gewicht auf die Technik gelegt. Das Ziel ist, möglichst schnell und virtuos zu spielen. Stil- und Musiklehre kommen zu kurz. Ich finde es besser, mehr darauf zu achten, dass die Musikstücke verstanden werden und die Technik auf diesem Verständnis aufzubauen – wie generell in Europa. Vorteilhaft in China finde ich, dass die Kinder mehr Druck erfahren.

Das finden Sie gut?
Ja, wenn Schule und Familie Druck ausüben, hilft das. Wer nur aus Spass musiziert, wird ein guter Hobbymusiker, aber für einen Berufsmusiker braucht es mehr. Es ist wie im Sport: Roger Federer trainiert auch nicht nur dann, wenn es ihm Spass macht, sondern nach einem strengen Plan. Ein solches Arbeiten nach Trainingsplan fehlt in der Musikerausbildung in Europa.

Mit 19 Jahren sind Sie für die letzten Studienjahre nach Wien gegangen. War das ein Kulturschock?
Von Wien habe ich geträumt, seit ich 1989 zum ersten Mal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Fernseher gesehen habe. Ich habe als damals Sechsjähriger begonnen, Walzer zu hören. Wann immer ich konnte, habe ich Bücher über die Donaumonarchie, aber auch über Mozart, verschlungen. Aus China wollte ich aber auch weg, weil der Kulturbetrieb, gut 30 Jahre nach der Kulturrevolution, mir immer noch zu wenig Inspiration bot. Kaum angekommen in Wien, stellte ich aber fest, dass es nicht ganz so schön war wie in den Büchern (lacht). Und weil ich die Sprache weder lesen noch sprechen konnte, fühlte ich mich wie blind und stumm. Das war schon schwierig.

Dachten Sie manchmal auch, dass es zu schwierig ist, sich in der fremden Kultur zurecht zu finden?
«Geht nicht» habe ich nie gedacht. Ich besuchte bald einen Sprachkurs und hatte immer ein Wörterbuch dabei. Jedes unbekannte Wort habe ich nachgeschlagen und gelernt – bis ich gemerkt habe, dass das allein nicht ausreicht, um die Kultur des Landes zu verstehen. So habe ich alles in der Stadt intensiv betrachtet, viele kulturelle Veranstaltungen, wie etwa Kirchenkonzerte, besucht und oft mit meinen Mitstudenten diskutiert. Mein Ziel war, möglichst schnell auftreten zu können, denn ich spürte einen finanziellen Druck gegenüber meinen Eltern.

Mittlerweile boomt auch in China die klassische Musik. Fast jedes Kind will ein Instrument lernen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Ich finde das sehr positiv. Durch – freiwilligen – Musik- oder Kunstunterricht haben die Kinder die Möglichkeit, Zusatznoten zu machen. Mit diesen erhalten sie Zugang zu den besten Universitäten. Dank diesem System ist das Kulturniveau in China in den letzten 15 Jahren stark gestiegen. Was während und nach der Kulturrevolution unterdrückt wurde, verschafft sich nun umso mehr Ausdruck.

«Mein Vater hat mir mit Essstäbchen die Streichbewegungen beigebracht.»

Aber dabei geht es wohl in erster Linie um den Leistungsgedanken und weniger um eine tief empfundene Begeisterung zur Musik.
Die Kinder haben so aber mehr Vorteile für ihre allgemeine Ausbildung und zumindest eine gute kulturelle Bildung. Und für den kulturellen Aufbau im Land finde ich dieses System das beste.

Seit zehn Jahren sind Sie nun Konzertmeister am Zürcher Opernhaus. War das schon immer Ihr Berufsziel?
Damals in Wien habe ich erstmals Wagners Walküre gesehen – fünf Stunden von einem Stehplatz aus. Aber ich war sogleich begeistert von den tausend Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden. Jetzt mit dem Orchester diese Geschichten mitzugestalten, das breite Spektrum von Liebes- bis zu Tötungsszenen allein mit unseren Tönen widerzugeben, begeistert mich noch immer wie am ersten Tag.

Als Konzertmeister sind Sie eine Art Scharnier zwischen Orchester und Dirigent. Wie muss man sich das praktisch vorstellen?
Ich gebe mit meiner eigenen Körpersprache weiter, was der Dirigent will. Dafür muss ich gut hinhören und alle 80 Musiker und den Dirigenten im Blick haben – das ist etwa so, wie der Captain im Fussball, wobei der Dirigent mit dem Trainer vergleichbar ist. Zudem muss ich das Geschehen auf der Bühne genau beobachten und das Tempo der Musiker daran anpassen. Es ist also eine Funktion mit grosser Verantwortung.

Mit dem Stradivari-Quartett treten Sie hin und wieder auch in Gemeinden am Zürichsee auf. Wie erleben Sie solche kleineren Konzerte – im Gegensatz zum grossen Betrieb am Opernhaus?
Oper und Quartett miteinander zu vergleichen, ist schwierig. Beides ist mir wichtig. In der Oper gilt es, grösste musikalische Spannung für die Geschichten zu erzeugen. Im Quartett habe ich die Möglichkeit, besonders nahe und direkt mit dem Publikum in Verbindung zu treten. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 15.04.2018, 15:53 Uhr

Zur Person

Xiaoming Wang wird 1982 in Peking geboren. Im Alter von vier Jahren erhält er von seinem Vater, einem Laiengeiger, den ersten Violinunterricht. Bereits als Sechsjähriger dirigiert er den Radetzkymarsch vor einem 70-köpfigen Sinfonieorchester. Mit neun kommt er ans Zentralkonservatorium in Peking; zehn Jahre später wechselt er an die Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst. Seit 2008 ist er Konzertmeister am Zürcher Opernhaus. Daneben tritt er unter anderem mit dem Stradivari-Quartett auf. Wang lebt in Herrliberg, ist mit einer Opernsängerin verheiratet und Vater eines Sohnes (4) und einer Tochter (5). Letztere trägt den Namen der rund 300-jährigen Stradivari, die Wang spielt: Aurea.and

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