Leitartikel

Beschwerde gegen die ZSG ist Egoismus

Philippa Schmidt zur Tatsache, dass die Kursschiffe auf dem Zürichsee beim An-und Ablegen nicht mehr hornen dürfen.

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Wenn die Schiffe der Zürichsee- Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) eine Station anlaufen und wieder ablegen, betätigen sie ihr Horn – oder haben das zumindest bis anhin so gemacht. Dass ein Anwohner nun mit einer Beschwerde die ZSG-Schiffe zum Verstummen gebracht hat, wirft hohe Wellen der Entrüstung. Doch streng genommen hat er recht: Sogenannte Schallzeichen dürfen Schiffe nämlich gemäss Binnenschifffahrtsgesetz nur in ganz bestimmten Situationen abgeben, etwa wenn die Sichtverhältnisse schlecht sind. Beim An- und Ablegen ist das Signal hingegen nicht vorgesehen. Das Bundesamt für Verkehr schreibt nun in einer Stellungnahme zum Hupverbot auf dem Zürichsee, dass das Hornen beim An- und Ablegen zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen bei anderen Seebenutzern führen könnte.

Diese Einschätzung mutet realitätsfern, ja geradezu grotesk an, da jeder Bootsfahrer auf dem Zürichsee diese Eigenart der ZSG-Schiffe kennt und entsprechend einordnen kann. Und selbst wenn der eine oder andere Motorbootsführer oder Segler durch das Hornen aufgeschreckt würde, die Kursschiffe der ZSG haben sowieso Vorfahrt: Ein Schallzeichen zu viel nützt eher, als dass es schadet. Ich zumindest bin froh, wenn ich die ZSG-Schiffe frühzeitig bemerke, ganz egal ob ich auf meinem Stand-up-Paddle-Board unterwegs oder am Segeln bin.

Das Hornen der Schiffe beim An- und Ablegemanöver hat auch einen emotionalen Wert. Es ist ein liebevoller Gruss an alle Seemeitli und Seebuebe: Seit 50 Jahren hat sich dieser Brauch eingebürgert. Die Freude auf die Fahrt erhöht sich sogleich um ein Vielfaches, wenn die Helvetia oder die Limmat hornend auf den jeweiligen Steg zusteuern. Wer genau hinhört, der kann sogar Unterschiede zwischen dem Signal der einzelnen Schiffe ausmachen. Da wir neben dem Küsnachter Schiffssteg aufgewachsen sind, kann mein Bruder jedes Hornen dem jeweiligen ZSG-Schiff zuordnen. Bei mir reicht das akustische Feingefühl immerhin so weit, dass ich den leicht heiseren Ton der Dampfschiffe vom Signal der restlichen ZSG-Flotte unterscheiden kann. Dass nun ausgerechnet ein «Uferbewohner» dem Hornen mit seiner Lärmklage Einhalt gebietet, klingt wie ein Hohn. Ob die Person, die hinter der Klage steckt, neu zugezogen oder alteingesessen ist, lässt sich nicht feststellen. So oder so bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Das Phänomen, dass Anwohner gegen schon lange bestehende Geräuschemissionen vorgehen, macht in letzter Zeit Schule. So ist derzeit ein Fall aus Wädenswil vor Bundesgericht hängig: Anwohner hatten gegen das viertelstündliche Läuten der Kirchenglocken in der Nacht geklagt. Nachdem sowohl das Baurekursgericht als auch das Zürcher Verwaltungsgericht den Klagenden recht gegeben hatte, zog die reformierte Kirchenpflege das Urteil weiter vors höchste Gericht. Auch mit Lärmklagen gegen Schiessstände und gar gegen Kinderspielplätze müssen sich die Gerichte immer wieder herumplagen. Solch vorhersehbare Geräusche sind klar zu unterscheiden von überraschend auftretendem Lärm, beispielsweise von Feierwütigen, die spät in der Nacht Radau machen. Es zeugt von einer gewissen Wohlstandsdekadenz, wenn die Leute keine anderen Sorgen haben, als gegen hupende Schiffe oder Kirchenglocken vorzugehen.

Wer an den Zürichsee zieht und dann überrascht ist, dass Kursschiffe hornen, der macht sich de facto lächerlich. Dass diese Person mit ihrer egoistischen Forderung nun sogar obsiegt, ist traurig. All diejenigen, welche die Tradition und das charakteristische Hornen der ZSG-Schiffe schätzen, haben wegen der Klage eines Einzelnen das Nachsehen. Und als Gegenleistung für den Schiffsfünfliber gibt es nicht einmal mehr eine akustische Untermalung.

Angesichts der unzähligen Schwimmer und privaten Bootslenker werden die ZSG-Schiffe im Sommer auch weiterhin regelmässig hornen. Denn die Bestimmung, dass bei einer drohenden Kollision gewarnt werden muss, kann selbst der Beschwerdeführer nicht aushebeln. Nun könnte man sagen, dass wenigstens hier der gesunde Menschenverstand siegt. Aber wenn die Schiffe erst, wenn sich ein Zusammenstoss schon abzeichnet, warnen dürfen, werden sich kritische Situationen mehren – die Gefahr für Schwimmer und Bötler steigt. Und für besagten Anwohner wird der vermeintliche Sieg zum Eigengoal: Das Gefahrensignal dauert nämlich vier Sekunden statt der bisherigen Viertelsekunde beim An- und Ablegen.

Erstellt: 14.07.2017, 16:28 Uhr

Philippa Schmidt, Redaktorin, Ausgabe Meilen.

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