Erlenbach

«Kirchner hat sein Werk den Krankheiten abgetrotzt»

Thomas Müller ist fasziniert von Ernst Ludwig Kirchner. Nun hat der Erlenbacher ein Buch über den deutschen Expressionisten geschrieben.

Thomas Müller aus Erlenbach hat ein Buch über Ernst Ludwig Kirchner geschrieben.

Thomas Müller aus Erlenbach hat ein Buch über Ernst Ludwig Kirchner geschrieben. Bild: Manuela Matt

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Auf einmal wird es Thomas Müller klar: «Kirchner war hier!» Das ist es, was dem Erlenbacher die Umgebung irgendwie vertraut macht. Müller verweilt zu diesem Zeitpunkt gerade im Berghaus Stafelalp ob Davos. Und fast gleichzeitig mit dieser Erkenntnis hat er eine Idee: Ein Buch über die Sommermonate zu schreiben, die der deutsche Expressionist auf der Alp verbracht hat. Denn, die Frage, was der Grossstadtmensch Ernst Ludwig Kirchner immer wieder in den Bergen gesucht haben mag, lässt Müller nicht mehr los.

Kaum ist er wieder zuhause, macht er sich denn auch an die Literaturrecherche. Vielleicht gibt es ja bereits Publikationen zu dem Thema, denkt er sich. Um dann aber festzustellen: Kirchners Zeit auf der Stafelalp wird allenfalls als Nebenaspekt gestreift. Einem Buch, wie es ihm vorschwebt, begegnet er nicht. Das heisst, einem Buch, das nicht nur Leben und Wirken Kirchners während der Sommermonate von 1917 bis 1920 beschreibt. Sondern, das dieses auch in den grösseren Zusammenhang von Welt- und Kunstgeschichte stellt.

«Es war mir wichtig, alle seine Lebensthemen aus unterschiedlichen Perspektiven darzustellen.»Thomas Müller, Buchautor

Das ist nun fast acht Jahre her. Jahre, während derer Müller seine Idee nicht bei einer solchen belassen hat. Vor einigen Wochen nun ist sein gut 320-seitiges Werk «In dieser reinen Welt dort oben» erschienen. Am Sonntag stellt es der Autor in der Küsnachter Buchhandlung Wolf vor.

In der Freizeit geschrieben

Ganz zufällig kommt es freilich nicht, dass sich der heute 58-jährige Müller mit Kirchner befasst. Der gebürtige St. Galler begeistert sich schon als Gymnasiast für die Expressionisten. Später studiert er an der Universität Zürich neben Philosophie und Germanistik Kunstgeschichte. Die beruflichen Wege führen ihn daraufhin zwar in die Bereiche der Kommunikation, der Betriebswirtschaft und der Organisationsentwicklung, verbunden mit entsprechenden Aus- und Weiterbildungen. Heute arbeitet er denn auch in Erlenbach als Coach für Privat- und Geschäftsleute. Doch so fasziniert er von seiner beratenden Tätigkeit ist, so ungebrochen ist nach wie vor sein Interesse an Kunst und Literatur. So schreibt er in den vergangenen siebeneinhalb Jahre während der Wochenenden und Ferien an seinem Buch.

Das Porträt «Great Lovers» von Ernst Ludwig Kirchner. Ausgestellt im Kirchner Museum in Davos. Bild: Keystone.

Selbstredend reist er dafür mehrere Male nach Davos. Dort besucht er etwa das Kirchner-Museum und den Ort des Geschehens, die Stafelalp. Daneben ackert er sich durch unzählige Briefe von, an und über Kirchner; er liest die Tagebücher des Künstlers und weiterführende Sekundärliteratur. Immer vertrauter sei ihm dieser dabei geworden, sagt Müller rückblickend.

Viele Facetten

Und das, obwohl er durchaus auch schwierige Seiten an dem 1880 geborenen Künstler kennen lernt: sein extremes Misstrauen und seine Undankbarkeit gegenüber Menschen, die es gut mit ihm meinen. Seine Morphiumsucht. Oder sein selbstzerstörerisches und manipulatives Verhalten. «Es war mir wichtig, alle seine Lebensthemen aus unterschiedlichen Perspektiven darzustellen», sagt Müller, «und dabei besonders, nichts zu bewerten.» Die irritierenden Facetten des Künstlers vermögen die Faszination des Buchautors für denselben indes nicht zu schmälern. Im Gegenteil.

«Er hatte einen unglaublichen Schaffensdrang», erläutert Müller, «und war ein Multitalent.» So sei das einstige Gründungsmitglied der Künstlervereinigung «die Brücke» nicht nur in der Malerei erfolgreich gewesen. Auch Grafik, Fotografie oder Möbelgestaltung habe Kirchner beherrscht. «Zudem war er ein Perfektionist», führt Müller weiter aus, «er hat unermüdlich in der Kunstliteratur gelesen und nach neuen Techniken geforscht.» Letztlich habe er alles der Kunst untergeordnet. Das sei umso bemerkenswerter, als dass Kirchner immer wieder physisch und psychisch beeinträchtigt gewesen sei. «Er hat sein Werk buchstäblich den Krankheiten abgetrotzt.»

Thomas Müller präsentiert am Sonntag (10. November) sein Buch. 10.30 Uhr, Buchhandlung Wolf, Zürichstrasse 149, Küsnacht.





Erstellt: 08.11.2019, 11:23 Uhr

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