Zürichsee

Kanton muss hochgiftige Stoffe vom Seegrund entfernen lassen

Der Seegrund vor dem Uetiker Fabrikareal ist kontaminiert, sogar Uran ist dort zu finden. Trotzdem haben die Behörden diesen Frühling zwei Seezugänge auf dem Areal geschaffen.

Die grossen Steine direkt unter der Ufermauer sind nicht mit Schadstoffen belastet, allerdings muss der Sand zwischen den Steinen entfernt werden.

Die grossen Steine direkt unter der Ufermauer sind nicht mit Schadstoffen belastet, allerdings muss der Sand zwischen den Steinen entfernt werden. Bild: Manuela Matt

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Es liest sich, wie das Who is who aus dem Periodensystem der chemischen Elemente: Uran, Blei und Arsen sind nur einige der giftigen Stoffe, die vor Uetikon auf dem Seegrund liegen. Doch Chemie wird auf dem ehemaligen Fabrikareal erst 2028 unterrichtet, wenn die Kantonsschule Uetikon dort einzieht. Aktuell geht es darum, dass besagte Schadstoffe auf einem 77'500 Quadratmeter grossen Gebiet - das entspricht gut elf Fussballfeldern - entfernt werden müssen.Vom Sommer 2021 bis in den Sommer 2023 soll diese Seegrundsanierung dauern und rund 40 Millionen Franken kosten.

Dass Schadstoffe, darunter sogar radioaktive Stoffe, durch das jahrzehntelange Wirken der Chemie Uetikon in den Zürichsee gelangt sind, ist nichts Neues. Bereits 2009 berichtete diese Zeitung, dass sich Uran auf dem Seegrund befindet. Doch das Ausmass und die Konzentration der Stoffe wird nun durch die Unterlagen offenbar, die der Kanton wegen der Ausschreibung für die Seegrundsanierung ins Netz gestellt hat.

Schadstoffe nicht überdeckt

Manche Aussagen in diesen Dokumenten lassen beim Lesen die Alarmglocken schrillen. So steht in der so genannten Umweltnotiz, dass die Abfallablagerungen ohne oder nur mit geringen Sedimentüberdeckung am Seegrund vorlägen. Zu lesen ist da auch, dass die Seesedimente vor dem Areal der Chemie Uetikon hohe Schadstoffgehalte aufweisen. Vielfach überschreitendiese den so genannten PEC-Wert, den ausschlaggebenden Grenzwert, um das Zehnfache, bei Blei sogar um das Hundertfache. Als Basis für diese Zahlen dienen mehrere Untersuchungen der Seesedimente, die der Kanton seit 2011 veranlasst hat.

Aussagen, die insbesondere vor dem Hintergrund nachdenklich stimmen, dass dieses Jahr zwei Seezugänge für Schwimmer auf dem Fabrikareal eingerichtet wurden. Haben die Schadstoffe bei direktem Kontakt keinen gesundheitsschädigenden Effekt auf den menschlichen Körper? Markus Pfanner, Sprecher der Baudirektion, verneint dies. «Ein direkter Körperkontakt mit den Schadstoffen hat für Schwimmer und Taucher keine gesundheitlichen Folgen.» Die Schadstoffe seien an den feinsten Partikeln des Sediments (Feinkorn) angelagert und schwer löslich. «Eine Gefährdung eines Schwimmers oder Tauchers würde allenfalls bestehen, wenn die Sedimente in grösserer Menge direkt geschluckt würden», sagt Pfanner. Entwarnung gibt auch der Uetiker Gemeindeschreiber Reto Linder. «Wir hatten nur positive Rückmeldungen von Leuten, die dort schwimmen gegangen sind.» Die Gemeinde habe nichts von gesundheitlichen Beeinträchtigungen gehört.

Und wie sieht es mit den Schiffen der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft aus? Wirbeln solch grosse Gefährte wie die Panta Rhei keine Schadstoffe auf? Schliesslich befindet sich ihr Anfahrtskorridor zum nahen Schiffsteg direkt über dem belasteten Gebiet. «Es sind keine Hinweise vorhanden, dass eine Aufwirbelung durch die ZSG-Schiffe erfolgt», sagt Pfanner dazu.

Sanierung dauert zwei Jahre

Klar ist aber auch, dass das Gebiet sowohl für Schiffe als auch für Schwimmer ab Sommer 2021 gesperrt sein wird. Dann starten voraussichtlich die Sanierungsarbeiten, bei denen bis in eine Tiefe von 30 Metern gearbeitet wird. «Die Sanierung ist komplex und findet im See in einem sensiblen Umfeld statt», sagt Pfanner auf die Frage, warum die Behörden mit einem Zeitraum von zwei Jahren rechnen.Zudem seien die Ablagerungen in unterschiedlicher Wassertiefe und verschiedenen Bereichen vorhanden: Etwa auf dem Seegrund vor dem ehemaligen Betriebsareal und vor der Meilemer Deponie Rotholz, in der ufernahen Zone (Blockwurf) und im Hafen Langenbaum. Und schliesslich verweist der Baudirektions-Sprecher auf die schiere Grösse der Fläche. Bevor mit der eigentlichen Sanierung begonnen werden kann, müssen zudem grössere Installationen eingerichtet werden, etwa Entwässerungsanlagen an Land. Zudem sind Pilotversuche notwendig, unter anderem zur Optimierung der Bergung, der Behandlung des Materials oder der Anlagen.

Die Schadstoffe stellen sowohl die Behörden als auch die sanierende Firma vor Herausforderungen. «Für Arbeiter sind während der Sanierung, das heisst bei der Bergung und Behandlung sowie Entsorgung des belasteten Materials, Arbeitsschutzmassnahmen und ein entsprechendes Sicherheitskonzept notwendig – dies ist genau gleich wie bei einer Altlastsanierung an Land», erläutert Pfanner. Dieses Sicherheitskonzept muss das Unternehmen vor der Sanierung von den Behörden vorlegen.

Uran im See

Doch welche Stoffe werden die Arbeiter bei der Sanierung am meisten beschäftigen - sei es wegen der Gefährlichkeit oder wegen des häufigen Vorkommens? «Verschiedene Schwermetalle, insbesondere Blei, Cadmium, Uran, Arsen, Quecksilber», zählt Pfanner auf. Genaueres sagt er auf Nachfrage zum Uran. «Bei den Ablagerungen handelt es sich Abfälle aus der Phosphatdüngerproduktion.» In dem Gestein (Rohphosphat), das für die Produktion verwendet worden sei, seien natürlicherweise erhöhte Konzentrationen von Radionukliden vorhanden - wesentlich seien U-238 und Ra-226. «Während der Sanierung – also bei der Bergung, Behandlung, Transport und Entsorgung – wird das Material laufend auf Radioaktivität überwacht», erläutert Pfanner. «Für die Bevölkerung besteht aber keine Gefahr», betont Pfanner.

Doch was passiert, wenn plötzlich eine erhöhte Strahlung auftreten sollte? «Für den Fall, dass erhöhte Konzentrationen auftreten, sind entsprechende Massnahmen vorgesehen, zum Beispiel Vorhalten eines abgesicherten Bereichs innerhalb des Baustellenperimeters», sagt Pfanner.Wer die Seegrundsanierung in Angriff nehmen wird, ist derzeit noch unklar. Klar ist, dass es sich um einer Herausforderung handelt. Markus Pfanner sagt denn auch, dass es tatsächlich nur wenige vergleichbare Projekte in der Schweiz gebe. Pfanner verweist aber auf wichtige Erfahrungen, die der Kanton mit der Sanierung des Teerteppichs vor Thalwil gesammelt hat und die jetzt genutzt werden könnten.






Erstellt: 09.10.2019, 17:01 Uhr

8,6 Millionen kostete die Entsorgung eines Teerteppichs vor Thalwil

Am linken Zürichseeufer musste vor elf Jahren eine Altlastensanierung durchgeführt werden. Ein rund 7000 Quadratmeter grosser Teerteppich lag vor Thalwil. Dies ausgerechnet vor dem Seebad Bürger I.

Verursacht hatte den Teppich ein Gaswerk zwischen 1898 und 1930, als der Umweltschutz noch nicht so bedeutend war. Das Werk pumpte Rückstände über eine Meteorleitung in den Zürichsee. Zwar lag der Teer auf dem Seegrund, doch die Behörden befürchteten eine Verschmutzung des Trinkwassers. Die verschmutzten Sedimente wurden im Schutz eines Stahlkastens abgesaugt. Danach wurden diese in eine Schlammentwässerungsanlage gepumpt, die sich auf der Liegewiese der Badi befand. Lastwagen und Schiffe transportierten die Schadstoffe in geschlossenen Mulden bis nach Bremen. dort wurden sie in einer Hochtemperaturverbrennungsanlage vernichtet. 2009 konnte der Kanton die erfolgreiche Sanierung vermelden. Die Kosten wurden aufgeteilt: Thalwil zahlte 3,66 Millionen, der Kanton 3,5 Millionen Franken. Den Rest der Kosten übernahm der Bund.

Noch nichts passiert ist in einem anderen Fall – beim Papierschlamm der Papierfabrik Horgen. Bis heute liegt dieser auf rund 25000 Quadratmetern am Seegrund. Gefährdet ist die Fauna im See, nicht der Mensch. Das Problem: Die Papierfabrik Holding ist seit längerer Zeit in Liquidiation. Bis vor Bundesgericht versuchte sie zu verhindern, dass ihr ein Grossteil der Kosten überwälzt wird. Erfolglos, 8,55 Millionen soll die Holding aufbringen. Angesichts der Finanzlage wird wohl die Allgemeinheit für die Sanierung aufkommen müssen. (paj)

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