Männedorf

Jeder Nistkasten ist eine Wundertüte

Jahr für Jahr reinigen und kontrollieren Naturschützer ihre aufgehängten Nistkästen. Ein einmaliger Einblick in die Brutstuben der Vögel am Pfannenstiel.

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Ein eisiger Wind bläst durch den kahlen Winterwald. Es ist bitterkalt an diesem Nachmittag. Zwei Männer stapfen durch das Unterholz oberhalb des Männedörfler Appisberg. Sie sind ausgerüstet mit Leiter, Plastikkübel sowie einer Werkzeugtasche mit diversen Utensilien.

Michael Mallaun und Martin Sinniger haben eine Mission: Als Mitglieder des Natur- und Vogelschutzvereins Männedorf-Uetikon-Oetwil (NVMU) reinigen sie jährlich die Vogelhäuser im Vereinsgebiet. «Aktuell haben wir etwa 100 Nistkästen für Höhlenbrüter», sagt Mallaun. Als Höhlenbrüter gelten Vögel, die ihre Nester in Höhlungen bauen. Der Co-Präsident wirkt seit rund sieben Jahren in der Organisation mit und kümmert sich um die Nistkästen. Kollege Martin Sinniger arbeitet bei der Kantonspolizei Zürich im Bereich Tier- und Umweltschutz und engagiert sich seit zwei Jahren beim NVMU.

Schludriger Nestbau

Gerade steht er oben auf der Leiter und macht sich daran, eines der Vogelhäuschen zu öffnen. Zuvor aber klopft er zwei, drei Mal aufs Holz. «Falls ein Siebenschläfer es sich im Kasten gemütlich gemacht hat, ist er jetzt gewarnt.» Vorsichtig klappt er die Vorderseite der Nisthilfe auf. Das Vogelhaus ist zu zwei Dritteln gefüllt mit Moos, ein paar kleinen Federn und einzelnen Tierhaaren. «Da war eine Blaumeise drin», sagt Martin Sinniger und Michael Mallaun nickt zur Bestätigung.

Die Männer erkennen es am Nistmaterial. Jede Vogelart baut ihr Nest anders. «Spatzen etwa erkennt man am schludrigen Nestbau», sagt Sinniger. Er zieht eine Mörtelkelle aus der umgebundenen Werkzeugtasche und hebt das Moosgemisch aus dem Kasten. Es wird auf den Waldboden gelegt und kann hier verrotten. Anschliessend reinigt er das Vogelhaus mit einer Bürste und kontrolliert es auf allfällige Schäden. «Wenn das Haus sehr morsch ist oder sich Pilze darin ausbreiten, ist es nicht mehr brauchbar», sagt der Kantonspolizist. Jährlich ersetzen die Mitglieder des NVMU mehrere Nistkästen. Ein Ersatz kostet zwischen 40 und 75 Franken. «Viele der Vogelhäuser hängen seit Jahrzehnten hier», sagt Michael Mallaun. Sämtliche aktuellen Standorte sind auf einem Plan eingetragen, und so geht es weiter zum nächsten Kasten.

«Spatzen etwa erkennt man am schludrigen Nestbau.»Martin Sinniger

Dieser besteht aus Holzbeton und gehört damit zur neueren Generation. Das Material hat sich als stabiler und langlebiger erwiesen als reine Holzkästen. Alle Vogelhäuser sind nach Möglichkeit nach Osten ausgerichtet. «Niederschläge kommen zu 90 Prozent von Westen her», erklärt Sinniger. Ein Blick auf das Einflugloch der Nisthilfe genügt, und den beiden Vogelkennern ist klar, wer im Kasten gehaust hat: «Ein Kleiber.» Dieser verklebe den Eingang seiner Bruthöhle bis auf die passende Grösse mit Lehm. Der gewitzte Vogel hält sich dadurch grössere und unliebsame Nistplatzkonkurrenten wie den Star vom Leib.

Ein Blick ins Innere des Kastens zeigt, dass sich nach dem Kleiber noch andere Tierchen eingenistet hatten: Ein grosses, verlassenes Hornissennest liegt auf dem Vogelnest aus Baumblättern und Rindenstücken. Dünn wie Pergament die einzelnen Brutzellen, kunstvoll im Kreis angeordnet. «Jedes Jahr treffen wir auf vier bis fünf solcher Nester», sagt Martin Sinniger. Die Hornissen würden die Nisthilfe beziehen, nachdem die Vögel ausgezogen sind. Mit den ersten Frösten im Spätherbst stirbt das Hornissenvolk ab, nur die Königin überlebt. «Die Tierchen hinterlassen aber einen Saft, der im nächsten Jahr wieder Hornissen anzieht», sagt der Vogelfreund und macht sich an die Reinigung des Kastens.

Immer weniger Vögel

Im Unterschied zu vielen anderen Vereinen führt der NVMU diese Arbeit erst im Spätwinter durch. Nachdem die Vögel die Nistkästen verlassen haben, würden meist noch andere Tiere wie Siebenschläfer oder Hermelin darin hausen, sagt Michael Mallaun. Da würde es keinen Sinn machen, vorher zu putzen. «Wir wollen, dass die Kästen sauber sind, wenn die Vögel im Frühling wieder einziehen.» Drei bis vier Tage dauert es jeweils, bis sämtliche Vogelhäuschen gereinigt und kontrolliert sind. Dem Männedörfler fällt auf, dass Jahr für Jahr mehr Kästen leer sind. «Als ich mit dieser Arbeit anfing, waren noch praktisch alle Nisthilfen besetzt.» Für Mallaun ein klares Indiz, dass der Vogelbestand abnimmt. Vor etwa 50 Jahren habe es noch weit mehr Nisthilfen gegeben, nämlich rund 400. Derzeit nutzen vor allem Blaumeisen, Kohlmeisen, Haussperlinge und Feldsperlinge sowie Kleiber die Vogelkästen im Wald. Alternativen zu den Nistkästen sind alte Spechthöhlen oder Unterschlüpfe im Totholz. «Davon gibt es aber noch zu wenige», sagt Mallaun.

«Wir werden immer wieder Zeugen von Vogeldramen.»Michael Mallaun

Der nächste Nistkasten offenbart einen trauriger Fund: der halb verweste Flügel eines Jungvogels in einem sorgfältig gepolsterten Moosnest sowie ein winzig kleines Ei daneben. Der Flügel stamme von einem Blaumeisen-Jungen, das möglicherweise zu schwach war, um aus dem Nistkasten zu kommen, sagen die Experten. «Wir werden immer wieder Zeugen von Vogeldramen.» Dafür gibt es in einem weiteren Kasten eine Überraschung: Kein Vogelnest weit und breit, dafür eine Hornissenwabe mit sieben Etagen, die sich über die gesamte Kastengrösse erstreckt. «Das ist eine Sensation», sagt Michael Mallaun begeistert. «So etwas habe ich noch nie gesehen.» Ein solcher Fund wird selbstverständlich nicht dem Verrottungstod übergeben, sondern aufbewahrt.

Noch zwei, drei Vogelhäuser mehr, dann reicht es für heute. Die beiden Männer schultern die Leiter und machen sich auf den Rückweg. In wenigen Wochen wird ein Teil der Nistkästen wieder mit Leben gefüllt sein. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 15.02.2019, 14:25 Uhr

Zum Verein

Der Natur- und Vogelschutzverein Männedorf-Uetikon-Oetwil (NVMU) zählt ungefähr 300 Mitglieder. Der Verein setzt sich für eine intakte Natur und Landschaft ein. Nebst der Nistkastenpflege widmet er sich der Pflege diverser naturnaher Plätze wie dem Männedörfler Feuchtgebiet Steinbrüchel oder dem Oetwiler Bolligerweiher. Auch Blumenwiesen oder Naturhecken werden angelegt. Jährlich organisiert der NVMU für Interessierte drei bis vier Vogelexkursionen in der Umgebung. 2016 installierte der Verein im achteckigen katholischen Kirchturm in Männedorf acht Doppelnistkästen für seltene Dohlen, die aktuell alle bewohnt sind.

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