Stäfa

«Jeder in der Gruppe darf seine Gefühle und Ängste zeigen»

Der Verein Equilibrium unter Präsident Rico Nil aus Ürikon setzt sich für Betroffene von Depressionen ein. Vor 15 Jahren erlebte dieser selbst eine Phase, in der er den Boden unter den Füssen verlor.

Sie wissen, was es heisst, an einer Depression zu erkranken: Rico Nil und Lisa Zogg*.

Sie wissen, was es heisst, an einer Depression zu erkranken: Rico Nil und Lisa Zogg*. Bild: Sabine Rock

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So hatte sie sich ihren 40. Geburtstag nicht vorgestellt. Doch just an dem Tag kam es zur Eskalation – zur achtwöchigen Einweisung in die Psychiatrie. Diagnose: mittelschwere Depression. «Das Leben ist mir abhandengekommen», sagt Lisa Zogg* heute, 13 Jahre später. Und meint damit ihre Leidenszeit, die bereits 1993 begonnen hat.

Auch beim Üriker Rico Nil gab es vor gut 15 Jahren diesen Moment, in dem «alles wie ein Kartenhaus zusammenbrach»: als er, der seit Jahren bei einem Pharmaunternehmen in höherer Position arbeitete, erfahren hat, er sei für drei Monate freigestellt und erhalte ein Coaching in Stressmanagement. Da wurde ihm klar: Er, der als Neurowissenschaftler Medikamente gegen Depressionen entwickelt hatte, war selber von der Krankheit betroffen.

Austausch ohne Angst

Heute ist Nil pensioniert und Präsident des Vereins Equilibrium. Dieser hat seit 25 Jahren zum Ziel, Depressionskranke zu unterstützen. Dazu gehören die rund 30 Selbsthilfegruppen in der Deutschschweiz. Deren zurzeit einzige in der Zürichseeregion trifft sich zweimal im Monat in Pfäffikon SZ – für Zogg seit der Entlassung aus der Klinik «ein Fixpunkt».

«Jeder in der Gruppe darf seine Gefühle und Ängste zeigen», erklärt sie, die am oberen Zürichsee wohnt, «ohne Bedenken haben zu müssen, seine Worte würden falsch gedeutet.» Man tausche sich über Erfahrungen aus und ermuntere sich gegenseitig bei Rückschlägen. «Zu erleben, dass es anderen ähnlich geht, ist eine grosse Hilfe», sagt sie. So spreche die Gruppe auch über den Umgang mit Medikamenten und deren Nebenwirkungen. «Ein oft schwieriges Kapitel für die Betroffenen», sagt Nil, hätten Antidepressiva doch zu Unrecht ein schlechtes Image. «Die meisten Patienten wollen so wenige Medikamente wie nur möglich einnehmen.» Er selber sieht diese pragmatisch, verdanke er ihnen doch einen weitgehend normalen Alltag.

Vielfältige Symptome

Auch für Zogg hat sich das Leben wieder stabilisiert. Dies nicht nur dank Selbsthilfegruppe und Medikamenten. Auch körperliche und kreative Aktivitäten sowie das in der Klinik erlernte Achtsamkeitstraining helfen ihr. «Die Selbsthilfegruppen verstehen sich generell jedoch nicht als Ersatz für eine professionelle Gesprächstherapie», sagt Nil.

So unterschiedlich die Betroffenen sind, so vielfältig äussert sich indes die Krankheit. Sie habe viel geweint, sagt Zogg, und das bis anhin geliebte Musikhören nicht mehr ertragen. Kleinste Anstrengungen seien mit Herzrasen und Atemnot einhergegangen. Schwerer Husten und Panikattacken hätten sie geplagt – und zu Fehldiagnosen und -therapien geführt. Überhaupt sei sie stets vom Gefühl begleitet gewesen, den Aufgaben in Familie und Beruf auch mit grösstem Aufwand nicht mehr recht gewachsen zu sein.

Stigmatisiertes Leiden

Trotzdem habe sie weiter funktionieren wollen. Habe das Arbeitspensum erhöht, um nicht als unzuverlässig und wenig belastbar zu gelten. Auch wenn das Selbstwertgefühl ins Bodenlose gesunken sei – etwa durch den Vergleich mit anderen Leuten. «Die schaffen es ja auch, ihren Alltag zu meistern», hatte sie gedacht. Und so habe sie es vermieden, über ihre Belastungen zu sprechen. Da war etwa die als traumatisch erlebte Frühgeburt ihrer Zwillinge 1993 – für Zogg der Auslöser der Depression. Dann der anfangs schwierige Alltag mit den Neugeborenen, der Tod ihrer eigenen Mutter. «Es ist immer mehr zusammengekommen.» Und zu allem hinzu die Kommentare Aussenstehender, sie solle sich doch zusammenreissen. «Depressive sind noch immer stigmatisiert als Leistungsschwache», sagt Nil, «wenn sich in letzter Zeit das Bewusstsein für die Krankheit auch verbessert hat.»

Annehmen wichtig

Bei ihm entwickelte sich die Depression aus einem Burn-out heraus. Er sei zynisch, unpünktlich und vergesslich geworden, habe sich abgeschottet und Gespräche verweigert. «Ich war im Geschäft unter enormem Arbeitsdruck und musste zudem eine Vorlesung an der ETH vorbereiten», erklärt er. Wie in einem Tunnel sei er auf eine schwarze Wand zugerast – den Punkt, an dem er für seine Mitarbeiter nicht mehr tragbar gewesen sei.

«Nach meiner Auszeit musste ich beruflich stark zurückstecken», sagt er, «und viele Aufgaben abgeben.» Doch, gibt er zu bedenken, man könne eine Depression nur bewältigen, wenn man diese angenommen habe und dazu stehe – mit allen Konsequenzen. «Dieser erste Schritt ist der schwierigste.» Darum fokussiere der Verein hierauf besonders. «Wir wollen vermehrt auch mit ehemals Betroffenen als Bindeglied zwischen Patienten, Ärzten und Therapeuten und mit Angehörigen arbeiten», sagt er.

* Name der Redaktion bekannt. Weitere Informationen zum Verein unter www.depressionen.ch.

Erstellt: 07.05.2019, 10:12 Uhr

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