Regionale Industrie

Industrie am See startet durch

Die Konjunktur in der Schweiz läuft rund, die Wellen des Frankenschocks verebben. Gleichzeitig häufen sich die Meldungen über grosse Stellenabbaupläne in der heimischen Industrie. Am Zürichsee hingegen scheint das Schlimmste nach Aufhebung des Mindestkurses überstanden.

Bei Wild & Küpfer stehen die Zeichen auf Wachstum: Die Produktion beim Spritzguss-Spezialisten am Firmensitz in Schmerikon läuft auf vollen Touren.

Bei Wild & Küpfer stehen die Zeichen auf Wachstum: Die Produktion beim Spritzguss-Spezialisten am Firmensitz in Schmerikon läuft auf vollen Touren. Bild: zvg

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Die jüngsten Konjunkturdaten machen Mut: Die Auguren sind sich einig, dass die Schweizer Wirtschaft vor einem breit abgestützten Aufschwung steht. Dass die neuesten Stellenbarometer mit diesem Optimismus nicht Schritt halten können, ist verständlich, denn bei der Arbeitsmarktentwicklung handelt es sich um einen nachgelagerten Effekt.

Von den zaghaften Prognosen bei den Stellenbarometern heben sich aber der Wirtschaftsraum Zürich, die Zentralschweiz und besonders die Ostschweiz mit positiven Beschäftigungsaussichten ab. Hier haben die Stellenausschreibungen im dritten Quartal überdurchschnittlich zugelegt. Zudem rechnen die drei erwähnten Regionen bis Ende Jahr mit positiven Beschäftigungsaussichten. Die ZSZ hat einige Firmen am See befragt.

Bekenntnis zu Stäfa

Der Sensorhersteller Sensirion ist auf seinem Gebiet Weltmarktführer und beschäftigt am Hauptsitz in Stäfa 520 von insgesamt 720 Mitarbeitenden. Die jüngsten Hiobsbotschaften zum Industriestandort Schweiz mit Massenentlassungen und Stellenverlagerungen bei namhaften Schweizer Exportbetrieben kann Geschäftsführer Marc von Waldkirch nicht nachvollziehen: «Dieses Jahr sind wir weiter gewachsen, Stellenverlagerungen sind nicht geplant.» Solche hat es bei Sensirion — etwa infolge des Frankenschocks — auch in den letzten Jahren nicht gegeben.

Zurzeit verfügt Sensirion über 23 offene Stellen, «und wir sehen weiterhin Bedarf bei hochqualifizierten Ingenieuren», sagt von Waldkirch. Der auf Anfang 2018 geplante Inländervorrang ändere nichts an der Strategie: «Wir hoffen aber, dass wir auch weiterhin ausländische Spezialisten anstellen können, wenn wir diese in der Schweiz nicht finden». Sensirion sei und bleibe in Stäfa zuhause. Das 1998 gegründete Unternehmen stellt am Zürichsee vor allem hochtechnologische Sensoren mit hohem Automatisierungsgrad zur Messung und Steuerung von Feuchte, Gas- und Flüssigkeitsdurchflüssen her. Dafür ist die Schweiz laut von Waldkirch sehr gut geeignet.

Dennoch hat der Frankenschock Spuren in der Schweizer Wirtschaft hinterlassen: Seit Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar 2015 ist die Zahl der Beschäftigten in Industrie und Gewerbe schweizweit um rund 18 000 gesunken. Auch am Zürichsee wurden Standorte geschlossen und Stellen im grossen Stil ins Ausland verlagert (Sonova, Ruag, Metter Toledo). Stark gelitten haben besonders die Herstellung elektrischer Ausrüstungen, Metallbau, Uhren und Druckindustrie — wachstumsschwache Industrien in gesättigten Märkten. Der schwächere Franken eröffnet den Firmen aus der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie die Chance, nach zehn schwierigen Jahren — seit Ausbruch der Finanzkrise — nun wieder etwas Geld zu verdienen und in die Zukunft zu investieren.

Personalanpassungen geplant

Die Weidplas GmbH musste aufgrund des starken Frankens im Februar 2015 in Rapperswil über 30 von 130 Stellen abbauen. Heute beschäftigt der Automobilzulieferer von seinen 1000 Mitarbeitenden rund 40 am neuen Hauptsitz in Küsnacht und weitere 250 im Produktionswerk in Rüti im Zürcher Oberland.

«Als Unternehmen, das hauptsächlich im Bereich Autozulieferung tätig ist, müssen wir uns dem globalen Wettbewerbs- und Kostendruck stellen», sagt CEO Manfred Kwade. Insofern würden die Abläufe und Prozesse regelmässig überprüft und die Kostenstruktur optimiert: «Nur so können wir im globalen Wettbewerb dauerhaft bestehen». Es werde an der einen oder anderen Stelle Personalanpassungen geben: «Massenentlassungen planen wir aber nicht». In den letzten Monaten hat Weidplas margenschwache oder verlustbringende Produkte aus der Schweiz nach Deutschland oder Tschechien verlagert. Hier sind die Produktionskosten um einiges billiger. Für technisch anspruchsvolle Produkte — mit entsprechendem Know-how-Bedarf — sieht der Weidplas-Chef weiterhin in der Schweiz eine Zukunft.

Die Firma Wild & Küpfer AG in Schmerikon investiert kräftig in den Standort Schmerikon: Am Firmensitz entsteht für 15 bis 20 Millionen Franken ein dreigeschossiger Erweiterungsbau mit bis zu 40 neuen Arbeitsplätzen. «Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir in allen Bereichen Mitarbeitende anstellen können und keine Entlassungen vornehmen müssen», betont Geschäftsführer Tobias Wild. Grund dafür ist das Wachstum im technischen Bereich sowie das zweistellige Wachstum im Bereich Medizinaltechnik. Hier werden unter anderem Verschlüsse für die Pharmaindustrie, Laborgefässe, Chirurgie-Instrumente und Dosiersysteme für die Biotechnik entwickelt und produziert.

Das 1979 gegründete Familienunternehmen wächst rasant und hat 2016 einen neuen Rekordumsatz von rund 45 Millionen Franken erzielt. Nun werden aber weitere Reinräume benötigt, die medizinischen Reinheitsansprüchen genügen müssen. Nach Angaben von Tobias Wild setzt Wild & Küpfer bewusst auf den Standort Schmerikon. Am Obersee sind sämtliche 165 Mitarbeitenden beschäftigt. Hier will die Spezialistin für Spritzgusstechnik auch in Zukunft in eine gesunde Entwicklung investieren: «Zudem sind wir ein Familienunternehmen und werden nicht ‘finanzgetrieben’».

Positive Prognosen

Die Feller AG beschäftigt an ihrem Hauptsitz in Horgen 420 Mitarbeitende. Davon arbeiten rund 200 Personen in der Produktion. Zirka zehn Prozent der Belegschaft sind Lehrlinge. Innerhalb der Bauwirtschaft sei eine leichte Abkühlung festzustellen, «jedoch immer noch auf hohem Niveau», erklärt Reto Steinmann, der die operative Geschäftsführung bei Feller innehat. Es sei damit zu rechnen, dass in den nächsten Jahren die Zinsen wieder gegen Null steigen werden und es dadurch zu einer Verlangsamung der Bauwirtschaft kommen werde.

Die Prognosen für das eigene Marktsegment — die Herstellung von Schaltern, Steckdosen und Steuerungen für Licht und Kommunikation — bezeichnet Steinmann auf längere Sicht als immer noch positiv: «Innerhalb unseres Marktumfeldes glauben wir fest an den Standort Horgen».

Digitalisierung als Chance

Voraussetzung dafür ist laut Steinmann ein hoher Automatisierungsgrad innerhalb der Produktion und der Prozesse. Deshalb investiere das Unternehmen jedes Jahr mehrere Millionen in den Ausbau, die Erneuerung und die Modernisierung des Produktionsparks in Horgen. Ein Stellenaufbau steht momentan allerdings nicht zur Debatte.

Die Digitalisierung — Stichwort Industrie 4.0 — führt nach Ansicht von Steinmann zu einer Umlagerung innerhalb der Belegschaft. Durch die Automatisierung würden aber auch neue Stellen kreiert, mit neuen Anforderungen an die Mitarbeiter, etwa im Bereich Robotik. Zudem besitze Feller mit Schneider Electric als Eigentümerin einen Konzern im Rücken, der Industrie 4.0 fest in seiner Strategie festgeschrieben habe und diesen Wandel zu 100 Prozent unterstütze. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 22.11.2017, 13:12 Uhr

In der regionalen Industrie herrscht neuer Optimismus

Der wichtigste Branchenverband der Schweizer Industrie, Swissmem, hat zu Wochenbeginn den Erholungstrend in der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (Mem-Industrie) bestätigt. In den ersten neun Monaten dieses Jahres haben sich die Umsätze in der Mem-Industrie — die am Zürichsee stark vertreten ist — im Vergleich zum Vorjahr um 8,2 Prozent erhöht. Auch die Auftragseingänge stiegen um 1,1 Prozent. Die wichtigsten Indikatoren deuten laut Swissmem auf eine weiterhin positive Geschäftsentwicklung in den nächsten Monaten hin.

Auf den ersten Blick dazu in Widerspruch stehen die zahlreichen Meldungen über einen massiven Stellenabbau in den letzten Tagen und Wochen aus der heimischen Industrie. Vertreten ist das «Who is who» der Schweizer Wirtschaft, von ABB über Meyer Burger und General Electric bis hin zu Roche. Die Konjunkturexperten halten die derzeitige Häufung aber nicht für besorgniserregend und sehen darin auch keinen Anlass, von ihren günstigen Konjunkturprognosen für die Schweizer Wirtschaft abzurücken. Sie verweisen darauf, dass ein Stellenabbau bei Grossfirmen immer schlagzeilenträchtig sei. Es liege in der Natur des Strukturwandels, dass in gesättigten Branchen grössere Abbaumassnahmen erfolgen müssten.

Günstige Vorzeichen am See

Besonders günstig stehen die Vorzeichen derzeit für die Wirtschaft, respektive den Arbeitsmarkt in der Ostschweiz und im Wirtschaftsraum Zürich. Laut dem jüngsten Manpower Arbeitsmarktbarometer für das vierte Quartal 2017 heben sich Zürich, die Zentralschweiz und besonders die Ostschweiz mit zuversichtlichen Aussichten vom allgemeinen Bild ab. Dieses ist von wenig Optimismus hinsichtlich der Einstellungsdynamik gekennzeichnet. (ths)

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