Zollikon

In Zollikon tagt das Geschworenengericht

Die Theatergruppe Zollikon spielt aktuell den Klassiker «Die zwölf Geschworenen» von Reginald Rose. Ein Stück, das einiges über menschliche Charakterzüge aussagt – dies auch dank dessen Interpretation.

Die Geschworenen legen sich auf der Bühne ins Zeug und reden sich mitunter in Rage.

Die Geschworenen legen sich auf der Bühne ins Zeug und reden sich mitunter in Rage. Bild: Moritz Hager

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Er redet sich gerade um Kopf und Kragen. «Die» seien doch alle aggressiv, nichts als Dreck. Lauter und lauter wird seine Stimme. «Alles Sozialisten.» Doch er hat die Rechnung ohne seine elf Zuhörer gemacht. Einer nach dem anderen wendet sich ab. «Hört mir zu!», ruft er noch verzweifelt in die Runde. Vergebens. In sich zusammengesunken wird er fortan an seinem Platz sitzen. Isoliert von dem Geschehen, dem er so gern den Stempel seiner Weltanschauung aufgedrückt hätte.

Es ist dies einer jener starken Momente, den die Theatergruppe Zollikon mit ihrem aktuellen Stück bereithält. «Die zwölf Geschworenen» heisst dieses, das der US-amerikanische Autor Reginald Rose 1957 als Fernsehspiel verfasst hat. Am Freitag nun feiert es in der Zolliker Dialektinszenierung unter der Regie von Franca Basoli seine Premiere.

Scheinbar eindeutig

«Er», mit der radikalen Sicht auf die Schicht am Rande der Gesellschaft, ist einer der zwölf Geschworenen. Genauer: Nummer zehn (Ralph Flösser). Einen Namen hat er nicht. Nach seinem stimmgewaltigen Auftritt bleibt es einige Momente ruhig auf der Bühne. Die Atmosphäre in dem dort nachgebildeten Verhandlungsraum scheint zu stocken: Eine beklemmende Spannung lässt alle Bewegungen erstarren – und schlägt sich auch auf die Zuschauer nieder.

Doch Geschworener Nummer zehn ist nicht der Einzige, der sich während der Urteilsberatung ganz schön ins Zeug legt. Dabei scheint der Fall zu Beginn eindeutig zu sein: Ein 19-Jähriger aus schwierigen Verhältnissen, der seinen Vater erstochen hat, belegt dies durch die glaubwürdigen Aussagen zweier Zeugen. Glaubwürdig? Da jedoch offenbaren sich bald Ungereimtheiten. Diese kommen aber überhaupt erst durch das beharrliche Insistieren der Geschworenen Nummer acht (Tina Kym) ans Tageslicht.

Mit Stimmgewalt

Sie ist denn auch das moralische Gewissen dieses Gremiums. Und so wie sie tragen auch die anderen elf Anwesenden nicht nur ein Ja oder ein Nein zur Frage nach der Schuld des Angeklagten – und damit zu dessen Todesstrafe – auf die Bühne. Die Situation, für einmal als Laienrichter eine einflussreiche Rolle zu spielen, bietet vielmehr für Selbstdarstellung und Manipulation die Plattform. Besonders Nummer drei (Roman Ribi) nutzt sie ausgiebig und mit einer cholerischen Stimmgewalt. Gerade er aber wird eine überraschende Wandlung durchmachen: Die Härte, die er sich als Geschworener gibt, erweist sich als stellvertretend für eine sich selbst nicht genügende Rolle.

«Die zwölf Geschworenen» feiert in der Zolliker Dialektinszenierung unter der Regie von Franca Basoli seine Premiere.

Aber auch scheinbare Nebenrollen lassen in Abgründe menschlicher Charaktere blicken. Da ist etwa Nummer vier (Susanne Gröbli), die sich mit ihren schulmeisterlichen Ausführungen über ihre Mitgeschworenen zu erheben versucht – und dabei lange ihrem starren Denkschema verhaftet bleibt.

Da ist aber auch Nummer sieben (Severin Winkler), dem das Baseballspiel des Abends wichtiger ist als die Urteilsfindung – und der damit den auf sich fokussierten, gleichgültigen Bürger verkörpert. Und so fort, alle beeindruckend stimm- und textsicher dargestellt von den Zolliker Amateurmimen. Dies hat die Generalprobe vom Mittwochabend gezeigt.

Grosse Präsenz

«Die Herausforderung des Stücks neben der Textlastigkeit ist», sagt Regisseurin Basoli, «dass die Figuren alle auf ihre Weise die anderen zu manipulieren und von ihren Meinungen zu überzeugen versuchen.» Dadurch spiele jede eine Hauptrolle. Das erfordere eine grosse Präsenz während des gesamten Stücks, das denn auch als Kammerspiel daherkommt. Tatsächlich manifestiert sich dieses Aufgehen in der Figur bei allen Darstellern während der gut zweistündigen Spieldauer ungebrochen intensiv.

Premiere heute, 20 Uhr. Weitere Vorstellungen: Samstag, 21., Mittwoch, 25., bis und mit Samstag, 28. September. Jeweils 20 Uhr. Gemeindesaal Zollikon, Rotfluhstrasse 96. Vorverkauf unter www.theatergruppe-zollikon.ch, über Telefon 079 858 79 90, in der Apotheke Zollikon oder im Blumen Caffè Verde, Zollikerberg.

Erstellt: 20.09.2019, 10:32 Uhr

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