Wochengespräch

«In Japan ist es fast so, als wäre Jazz heilig»

Heiri Känzig ist einer der profiliertesten Jazzbassisten weltweit. Sein Marken­zeichen ist seine Wandlungsfähigkeit – ihn einzuordnen, ist schwierig.

Heiri Känzig mit einer seiner beiden Kontrabässe, die beide aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Heiri Känzig mit einer seiner beiden Kontrabässe, die beide aus dem 19. Jahrhundert stammen. Bild: Michael Trost

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Bei Ihnen steht der Kontrabass im Mittelpunkt, in Jazzkombos ist er allerdings oft eher das Begleitinstrument. Ist der Kontrabass ein verkanntes Instrument?
Heiri Känzig: Nein, verkannt nicht. Aber oft nimmt man ihn erst wahr, wenn er fehlt.

Warum haben Sie sich für dieses Instrument entschieden?
Als mein Bruder mit seiner Band geprobt hat, habe ich den Kontrabass gesehen und gedacht, den will ich auch spielen. So habe ich mit 14 Jahren angefangen.

Sie betonen in Interviews öfters die Bedeutung von Melodien.
Eine gute Melodie, die etwas transportieren kann, ist mir wichtig – speziell auch in meinen Kompositionen. Beim Kon­tra­bass ist es für einen Laien manchmal schwierig, die Melodie zu erkennen, aber auch eine ­gute Basslinie ist immer auch eine gute Melodie.

Sie spielen Konzerte gemeinsam mit anderen Bassisten – ohne ein weiteres Instrument. Was ist das Spezielle daran?
Speziell ist es, weil es das selten gibt. Die Töne sind sehr tief, und eine Melodie ist normaler­weise hoch. Da muss man ein wenig tüfteln, damit man sich nicht ins Gehege kommt. Es ist aber auch viel Improvisation dabei.

Mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) haben Sie 2014 das Projekt Swiss Mongolian Orchestra umgesetzt. Wie kam es dazu?
Ich habe bereits 2002 ein Projekt mit der Deza für das UNO-Jahr der Berge gemacht. Dieser Austausch mit Musikern aus Usbe­kistan, Kirgisistan, der Mon­golei, Kasachstan und dem Altai-Gebirge lief so gut, dass er auf drei Jahre ausgedehnt wurde. Vor zwei Jahren rief die Deza ­erneut an und fragte mich für ein Projekt anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen der Mongolei und der Schweiz an. Ich ­habe dann eine Gruppe von ­Musikern ausgewählt, die mit westlicher Musik vertraut war und die ihre Volksmusik auch ­etwas erneuern wollte.

Die mongolischen Musiker spiel­ten auf ausser­gewöhnlichen Instrumenten.
Eines davon war die Pferdekopfgeige, die nur zwei Saiten, aber kein Griffbrett hat. Man legt einfach den Finger auf die Saiten. Das ist ziemlich komplex, und es ist schwierig, die Töne zu treffen.

Beim Jazz, insbesondere bei der Improvisation, ist die Absprache wichtig. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Musiker aus, mit denen Sie spielen?
Wenn ich meine eigenen Projekte mache, suche ich mir unter den Musikern, die ich kenne, die geeig­netsten Leute aus. Ich mache aber auch andere Sachen, zum Beispiel das Buenos-Aires-Projekt mit dem Bandoneonisten Michael Zisman, der einige Zeit in Argentinien verbrachte (das Bandoneon ist ein Handzugins­trument, das oft im Tango eingesetzt wird; Anm. d. Red.).

Sie haben selbst eine argen­tinische Mutter.
Meine Familie kommt zwar ursprüng­lich aus Meilen, aber meine Grossmutter lernte meinen Grossvater in Argentinien kennen. Mein Urgrossvater ist einst dorthin ausgewandert. ­Mei­ne Mutter kam dann in Argen­tinien zur Welt. Ich war aber im Gegensatz zu meinen Eltern nie in Argentinien. Der Buenos- ­Aires-Fokus entsteht durch das Spiel von Michael Zisman – mit einer kleinen Anspielung auf meine Familiengeschichte.

Sie treten weltweit auf. Reagieren die Menschen unterschiedlich, etwa in Japan, wo Sie bald wieder auf Tour sind?
Japan ist speziell, es ist fast, als wäre Jazz heilig. Während des Konzerts ist das Publikum mucksmäuschenstill.

«Wenn ich einen Duo-Partner frei wählen könnte, wäre es Miles Davis.»Heiri Känzig

Geht es bei Ihren Auftrittenin Lateinamerika dafür umso temperamentvoller zu, oder ist das ein Klischee?
Das stimmt schon, es ist eine ­an­dere Lebenshaltung. Nur schon von Japan nach Korea sind die Unterschiede gross – als wäre ich von Norwegen nach Spanien geflogen. Viel lebendiger, eine ganz andere Reaktion des Publikums.

Wo spielen Sie am liebsten?
In Japan spiele ich gerne, weil wir immer gut essen und alles perfekt funktioniert. Aber auch in Italien, Polen und Litauen ist es schön, zu spielen. Es ist überall anders, was spannend ist. Ich reise gerne und kann so in neue Kulturen reinschnuppern. Man bekommt einen anderen Bezug zu einem Land, wenn man dort arbeitet.

Mit einem solch grossen ­Instrument zu reisen dürfte aber umständlich sein?
Reisen mit Kontrabässen sind oft teuer und schwierig. Ich habe im letzten Jahr pro Flug bis zu 1200 Franken für das Übergewicht bezahlt. Man weiss nie, wor­an man ist. Es kann zudem immer etwas passieren. Als ich letztes Mal aus Japan zurückkam, war das Ins­tru­ment komplett zerstört. Zum Glück war es kein teurer Bass. Einen solchen könnte man zwar versichern, aber da suche ich fünf Jahre, bis ich einen Ersatz gefunden habe. Da kann man nicht einfach zu Musik Hug gehen.

Sie komponieren auch: Wie lassen Sie sich inspirieren?
In den letzten zwei Jahren habe ich sehr viel gespielt und in der Folge wenig komponiert. Das Wichtigste sind Zeit und Raum, dann kommt es wie von selbst.

Können Sie von Ihrem Beruf ­leben?
Ich unterrichte noch zwei Tage in Luzern an der Hochschule, das gibt mir eine Basis. Manche Musi­ker leben auch nur von ihren Konzerten, aber das ist hart.

Können Sie Ihren Studenten da überhaupt mit gutem Gewissen raten, Musiker zu werden?
Man braucht enormes Talent und Durchsetzungskraft. Manche machen auch etwas ganz ande­res. Ein Student studiert nach seinem Abschluss jetzt Jura, ein anderer wird Ingenieur.

War es für Sie immer klar, dass Sie Musiker werden?
Einmal habe ich gezweifelt. Vor mei­ner Matura habe ich die Kantons­schule abgebrochen und bin nach Graz, um zu spielen. Zwischenzeitlich hat es mir aber gereicht, und ich habe den Abschluss nachgeholt. Dann habe ich mit dem Gedanken gespielt, Jura zu studieren. Aber in diesem Moment fragte Matthias ­Rüegg vom Vienna Art Orchestra mich an, ob ich mit auf Amerika-Tournee kommen wolle. Und dann war ich wieder drin.

Wie beurteilen Sie die Zukunft der Schweizer Jazzszene?
Es gibt wahnsinnig gute Musiker. Das Niveau steigt ständig, auch dank der Hochschulen. Die Schweiz hat zudem eine gute Kultur­förderung: Das fliesst wieder zurück. Die zahlreichen Orte, wo man spielen kann, sind für so ein kleines Land sensationell.

Ihre Nichte Anna Känzig ist eben­falls eine bekannte Musikerin, spielen Sie manchmal ­gemeinsam?
Ich werde im Mai mit ihr ein Konzert in Oberengstringen geben. Ein Konzertveranstalter, den ich kenne, hat mir das vorgeschlagen. Das Zusammenspiel mit Anna funktioniert super.

Wer wäre Ihr Wunsch-Duo-Partner?
Wenn ich frei wählen könnte, ­wäre es Miles Davis. Er war ein Innovator, wusste, welche jungen Leute er in seine Band holen muss, damit es modern klingt.

Woran arbeiten Sie aktuell?
Ich baue eine neue Band mit Musi­kern auf, die hier in Zürich leben. Ich möchte an etwas konstant arbeiten können. Das ist ein Projekt, das ich langsam angehe, einfach entstehen lasse. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.02.2017, 16:09 Uhr

Zur Person

Heiri Känzig

Heiri Känzig (59) ist einer der gefragtesten Jazz-Bassisten weltweit. Er verfügt über eine klassische Kontrabass-Ausbildung, die er in Graz, Wien und Zürich absolviert hat. Bereits mit 21 Jahren startete er seine internationale Karriere und spielt heute mit Musikern wie Chico Freemann und Thierry Lang. Neben seiner Karriere als Musiker ist Känzig seit 2002 Professor an der Hochschule für Musik in Luzern. Er wurde mit unzähligen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jazzpreis der Fondation Suisa. Heiri Känzig ist in Weinigen ZH aufgewachsen, wohnt aber seit gut 30 Jahren in Meilen. Er ist verheiratet und Vater zweier erwach­sener Töchter. (phs)

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